Schilderklau in oberbayerischer Gemeinde: Warum ausgerechnet dieser Ort?

In Nußdorf am Inn ist man genervt: Dort ist schon wieder das Ortsschild gestohlen worden. Und das, obwohl es bereits besser gesichert worden war. Warum ist der Ort im Landkreis Rosenheim so interessant für Diebe? Welchen Aufwand die Aktion nach sich zieht und warum es kein Einzelfall ist, erklärt das Staatliche Bauamt Rosenheim.
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Schon wieder ist das Ortsschild von Nußdorf am Inn weg. Trotzdem gilt Tempo 50 innerorts.
Schon wieder ist das Ortsschild von Nußdorf am Inn weg. Trotzdem gilt Tempo 50 innerorts. © Staatliches Bauamt Rosenheim

Wissen Sie, wo Nußdorf am Inn liegt? Ein oder mehrere Diebe wissen es ganz genau: Schon zum vierten Mal innerhalb weniger Jahre ist das gelbe Ortsschild im Landkreis Rosenheim weg. Gestohlen. Übrig geblieben ist nur die Halterung mit einem rechteckigen Loch.

Das ärgert nicht nur die Bürgermeisterin Susanne Grandauer, sondern auch das Staatliche Bauamt Rosenheim. Das ist zuständig, weil das Schild an einer Staatsstraße steht.

In einer Mitteilung schreibt die Behörde: "Schon zum vierten Mal wurde das Ortsschild der Gemeinde Nußdorf am Inn von Unbekannten gestohlen. Dreimal, auch diesmal, verschwand das Schild am nördlichen Ortseingang von Neubeuern kommend. Zuvor war das Ortsschild am westlichen Ortseingang von Brannenburg kommend schon einmal das Objekt der Begierde."

Spezial-Maßnahme bringt nichts

Und das, obwohl das besagte Schild bereits zusätzlich gesichert worden war. Mit Nieten statt nur mit Schrauben. Trotzdem: Die Nieten seien in der Nacht auf den 6. September "mit dem nötigen Werkzeug kurzerhand aufgebohrt und das Schild gestohlen" worden.

Das Bauamt teilt der AZ mit, dass es um mehr als nur um diese vier Schilder gehe: "Nußdorf ist kein Einzelfall, sondern nur ein jüngstes Beispiel, das wir zum Anlass nahmen, auf das Thema aufmerksam zu machen." Eine Sprecherin lässt wissen: "Schilderklau ist (leider) ein Thema im gesamten Dienstgebiet des Staatlichen Bauamtes Rosenheim und gewiss auch ein Thema bei den anderen Straßenmeistereien oder Betriebshöfen der Kommunen."

Begehrt seien "unserer Erfahrung nach neben Ortsschildern auch Tempo-Schilder, aber auch Hinweisschilder werden dann und wann gestohlen".

Die Kirche von Nußdorf am Inn.
Die Kirche von Nußdorf am Inn. © imago/Beautiful Sports/Meurer

Aber warum Nußdorf? Die Gemeinde "mit den vielen Nußbäumen an der bayerisch-tirolerischen Landesgrenze", wie es auf der Homepage heißt, wurde schon von den Kelten bewohnt. Zur Römerzeit sei dort die Handelsstraße von Innsbruck nach Regensburg verlaufen. 788 heißt es in einem Güterverzeichnis erstmals: "Ecclesia Nuzdorf". Ob die Geschichte die Diebe fasziniert hat? Oder mögen sie einfach Nüsse?

Kein Spaß, sondern "organisatorischer und finanzieller Aufwand"

Laut Polizeiinspektion Brannenburg wurde bisher bei keinem der Diebstähle ein Verdächtiger ermittelt. Seit 2021 gab es sogar acht Fälle.

Das Bauamt appelliert an die Vernunft: "Was für die einen womöglich ein Spaß sein soll, ist für die anderen ein zusätzlicher organisatorischer und finanzieller Aufwand."

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Das heißt im Detail: "Die Straßenmeisterei muss das Schild nun bei einer Spezialfirma nachbestellen, die über das erforderliche StVO-Zertifikat zur Herstellung von Ortsschildern verfügt. Solche Schilder hat die Straßenmeisterei nicht auf Lager." Normalerweise hielten solche Ortstafeln Jahrzehnte. "Bis zu sechs Wochen kann es nun dauern, bis das neue Schild geliefert wird."

Vorerst Tempo-50-Schild

Dann muss es die Straßenmeisterei wieder anbringen. Bedeutet wieder zwei bis drei Stunden Arbeit und "ein paar Hundert Euro Materialkosten", so das Bauamt. Damit die Autofahrer trotzdem wissen, dass sie gerade innerorts fahren, wurde vorerst ein Tempo-50-Hinweisschild platziert.

Auch andernorts kennt man das Problem wie hier in Gunningen in Baden-Württemberg.
Auch andernorts kennt man das Problem wie hier in Gunningen in Baden-Württemberg. © Silas Stein/dpa

Die Behörde teilt der AZ weiter mit: "Fakt ist, Schilderklau ist eine Straftat und wird von den Straßenmeistereien regelmäßig auch zur Anzeige gebracht." Der Gesetzgeber sieht je nach Einzelfall eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren vor, heißt es auf der Seite "Bußgeldkatalog".

Über das Warum der Diebstähle kann man beim Staatlichen Bauamt Rosenheim nur spekulieren. "Vorstellbar ist, dass Ortsschilder gestohlen werden, weil sie ein Andenken für jemand sind oder weil die Ortsnamen kurios oder witzig sind. Aber auch Tempo-Schilder zum runden Geburtstag sind denkbar, oder womöglich auch ein Diebstahl als Mutprobe oder als Trophäe."

Auch Asbach kennt das Problem

Warum ausgerechnet das Ortsschild ihrer Gemeinde so begehrt ist, kann sich auch die Bürgermeisterin nicht wirklich erklären. Grandauer schreibt der AZ: "Nußdorf am Inn ist ein wunderschöner Ort, historisch gewachsen, mit malerischem Ortsensemble, Goldmedaillengewinner im Europäischen Wettbewerb Entente Florale. Dass man Nußdorf gerne als Heimat- oder Urlaubsort besucht, daran gibt es keinen Zweifel. Aber auch darin sehen wir keinen Grund, dass unsere Ortsschilder gestohlen werden. Für diese Straftaten gibt es keine Begründung."

In Österreich hat man den Ort Fucking in Fugging umbenannt.
In Österreich hat man den Ort Fucking in Fugging umbenannt. © Manfred Fesl/dpa

Andernorts liegen die Gründe eher auf der Hand. Zum Beispiel in Asbach bei Petershausen im Landkreis Dachau. Dort wurden 2024 mehrmals die Schilder gestohlen. Die Polizei konnte in fünf Fällen Tatverdächtige ermitteln: Jugendliche und junge Erwachsene – die offenbar eine Vorliebe für das alkoholische Getränk Asbach Uralt hatten. Das Problem kennt man ebenfalls in den gleichnamigen Orten in den Landkreisen Straubing-Bogen und Cham.

Ebenfalls 2024 wurden drei Ortsschilder von Triesdorf im Landkreis Ansbach gestohlen – innerhalb von drei Stunden. Die Ortstafeln seien vor allem bei Studenten der dortigen Hochschule ein beliebtes Andenken an ihre Studienzeit, teilte ein Polizeisprecher damals mit.

In Österreich hat der Ort Fucking radikal reagiert: Der Gemeinderat beschloss 2020, sich umzubenennen und das Ortsschild damit uninteressant zu machen: in Fugging.

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