Satanisten in Bayern? Mann verriegelt jahrhundertealte Kirche
An der Decke ziehen sich Risse entlang, der Putz an den Wänden bröckelt und gibt den Blick auf die roten Backsteine dahinter frei. Die Holzleiter, die zur Empore führt, knarzt bei jedem Schritt. In einer Wandnische hat ein Vogel sein Nest errichtet.
Kein Zweifel: Die Kirche St. Vitus in Thomasbach hat schon bessere Zeiten gesehen. Aufwendige Chorbögen und hohe Fenster zeugen noch heute von ihrer früheren Größe. Ein hingeschmiertes "PENIS" auf dem einstigen Altar erinnert daran, dass nicht nur der Zahn der Zeit unbarmherzig ist.
"Nächtliche Partys, Geisterbeschwörer und Esoterik-Spuk"
"Die Schmierereien sind wirklich schlimm", sagt Florian Eigner, während er sich in der Kirche umsieht. Der 38-Jährige hat das frühere Gotteshaus vor vier Jahren gekauft. Zuvor stand St. Vitus über Jahrzehnte leer. Im Internet kursiert sie bis heute als "Geisterkirche".
Eine Zeit lang sei beinahe jedes Wochenende jemand eingestiegen, erzählt Eigner. Jugendliche zum Sprayen und Feiern. "Lost Place"-Touristen auf der Suche nach Fotos und Likes.

Sogar Hinweise auf Satanistentreffen habe er gefunden. In einem Bericht des örtlichen Gemeindeblatts von 2023 ist von "nächtlichen Partys, Geisterbeschwörern und esoterischem Spuk" die Rede. Die abgelegene Lage lockte viele ungebetene Gäste an. Die Kirche grenzt direkt an ein Waldstück und ist heute das Einzige, was noch von der früheren Ortschaft Thomasbach übrig ist.
Erstmals erwähnt im Jahr 1148
Eigner kommt aus Lappersdorf, einem Ortsteil im nahen Eichendorf. "Sehen Sie die Stromleitung da hinten?", fragt er und deutet über das benachbarte Maisfeld hinweg. "Ich wohne bei dem dritten Mast." Für ihn war die Kirche "schon immer da".
Tatsächlich dürfte St. Vitus zu den ältesten Kirchen im Kreis Dingolfing-Landau gehören. 1148 wurde sie das erste Mal urkundlich erwähnt. Erbaut wurde sie wahrscheinlich nicht von der Kirche, sondern von einer adligen Familie. Dafür spricht der Schutzherr: Der Heilige Veit war als Patron bei Eigenkirchen beliebt.
Raubritter und prächtige Wallfahrten
Historische Quellen legen eine wechselhafte Geschichte nahe: Thomasbach wurde zeitweise von räuberischen Rittern besetzt, ging später in den Besitz des Klosters über und wurde schließlich wieder in Adelshand verkauft. Im 16. Jahrhundert erreichte das Gotteshaus seine Blüte.
Aufzeichnungen aus dieser Zeit berichten von pompösen Wallfahrten und zahlreichen Geistlichen, die zu der Kirche gepilgert sein sollen. Es wird vermutet, dass Thomasbach damals eine der reichsten Kirchen im Umkreis war.

Wer die kleine Kirche heute sieht, mag das kaum glauben. "Aber damals gab es Tage, da drückten die Besucher auf der einen Seite rein und auf der anderen raus", sagt Eigner voller Überzeugung. "Sehen Sie hier? Hier war früher eine zweite Tür." Wer genau hinsieht, erkennt zwischen zwei Pfeilern tatsächlich die verblassenden Umrisse eines Torbogens. "Das wurde erst nachträglich zugemauert."
Der letzte Gottesdienst war 1913
Warum die Wallfahrten irgendwann aufhörten und die Kirche an Bedeutung verlor, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Der letzte Gottesdienst wurde laut historischen Quellen 1913 gefeiert. Eine Sanierung war wohl geplant – doch dazu kam es nie.
Seit 1960 steht Thomasbach endgültig leer. "Für das Bistum ist das auch keine Kirche mehr", sagt Eigner. "Es ist ein profaniertes Kirchengebäude, das ist ein großer Unterschied."
Über 1000 Seiten aus dem Staatsarchiv
Zehn bis zwölf Ordner mit Unterlagen zur Kirche und deren Geschichte hat er daheim, schätzt Eigner. Über 1000 Seiten hat er allein im Staatsarchiv Landshut abfotografiert. Ausgewertet hat er davon erst einen Bruchteil – die altdeutsche Schrift erschwert das Lesen. Trotzdem: "Es ist total spannend, was man da alles findet", sagt er.
Eigner beschreibt sich selbst als gläubig und geschichtsinteressiert. War das auch der Grund, warum er die Kirche gekauft hat? Da muss er erst überlegen. "Warum ich sie gekauft habe?", wiederholt er. Und zählt dann auf: "Weil sie erhaltenswert ist. Weil es so was in der Form sonst nicht mehr gibt in unserer Umgebung. Weil sie nur zwei Kilometer weg gewesen ist. Weil es eines der ältesten Bauwerke im Landkreis ist. Und weil die Lage gut ist. Mir gefällt sie."
"Jedem, der Bitte und Danke sagen kann, sperre ich auf"
Eben weil sie ihm gefällt, wollte der 38-Jährige nicht tatenlos zusehen, wie die Kirche weiter verfällt. "Das wäre viel zu schade", sagt er. Eigner will ihr neues Leben einhauchen. Erster Schritt: sie sicher bekommen. Er hat eine Videoüberwachung installiert und die Zugänge mit Betonblöcken zugestellt. "Seitdem ist die Situation viel besser geworden", sagt er.

Auch mit den Betreibern von "Lost Place"-Foren war Eigner schon in Kontakt, um Thomasbach dort entfernen zu lassen. "Aber da sind viele beratungsresistent", seufzt er. Mit Besuchern an sich hat der 38-Jährige dabei kein Problem. "Jedem, der die Kirche anschauen will und Bitte und Danke sagen kann, dem sperre ich auf", sagt er. Nur eben nach Absprache.
Gespräche mit dem Denkmalschutz laufen
Für die Zukunft hat Eigner fest vor, eine Möglichkeit zur Nachnutzung zu finden. Gespräche mit dem Denkmalschutzamt laufen bereits. "Das Amt hat die Kirche als erhaltenswert eingestuft, und ich hätte auch schon Angebote von Stiftungen, die bereit wären, sich einzubringen", erzählt er stolz.
Gottesdienste werden hier zwar keine mehr stattfinden. Doch es klingt so, als wäre die Kirche in Thomasbach in Zukunft vielleicht nicht mehr ganz so einsam.
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