Russische Mordpläne gegen bayerischen Drohnen-Boss Stefan Thumann: Duell um mein Leben"

Es ist kurz vor Weihnachten 2025, als Stefan Thumann einen Anruf annimmt, der sein Leben aus der Bahn wirft: Eine deutsche Sicherheitsbehörde warnt ihn, der russische Geheimdienst habe womöglich seine Ermordung geplant und sogenannte "Wegwerfagenten“ auf ihn angesetzt.
"Thumann wurde als Bulldozer der europäischen Wehrtechnik beschrieben"
Stefan Thumann (39) ist CEO und Chefkonstrukteur des Defense-Tech-Unternehmens Donaustahl mit Sitz in Hutthurm im niederbayerischen Landkreis Passau. "Die etablierte Rüstungsindustrie ist zu langsam, zu komplex und zu abhängig. Sie verwaltet den Status quo, anstatt ihn herauszufordern. Wir sind die Antithese dazu“, stellt sich die 2020 gegründete Firma auf ihrer Website selbstbewusst vor.
Über den Chef heißt es dort: "Thumann wurde als Bulldozer der europäischen Wehrtechnik beschrieben. Er gilt als Macher, der bürokratische Hürden ablehnt und technische Exzellenz mit strategischem Weitblick und einer klaren patriotischen Haltung verbindet.“
Ihm war klar, dass er durch die Unterstützung der Ukraine ins Visier der Russen gerate
Donaustahl baut Kampfdrohnen. Der Anspruch des Unternehmens lässt sich in vier Worten zusammenfassen: gut, günstig, große Masse. Oder wie es auf der Homepage wörtlich heißt: "Wir wollen hohe Stückzahlen liefern, die im modernen Konflikt benötigt werden, zu disruptiven Kosten. Jetzt.“
Einer der wichtigsten Kunden der Niederbayern ist die Ukraine. Das Geschäft habe er auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) 2024 in Berlin angebahnt, sagt der Firmen-Gründer. Ihm sei schon damals klar gewesen, dass er damit "ins Visier der Russen gerate“.

Nach dem Anruf zur Weihnachtszeit taucht der Geschäftsmann unter. Er sei krank, erzählt er seinen Eltern. Deshalb könne er den Heiligen Abend leider nicht mit ihnen verbringen. Dann meldet er sich nicht mehr. Von seinem Großvater, der Anfang des Jahres im Sterben liegt, kann er sich nicht mehr verabschieden.
All das hat Thumann nun in einem Interview mit dem "Stern“ und RTL erzählt, das an einem streng geheimen Ort und in Absprache mit den Sicherheitsbehörden geführt wurde.
"Ich liefere mir mit dem russischen Militärgeheimdienst ein Duell um mein Leben“
Er wird von Personenschützern bewacht, wechselt ständig seinen Aufenthaltsort und die Mobiltelefone aller Beteiligten sind laut "Stern“ so präpariert, dass sie möglichst keine Spuren hinterlassen.
Auch sein Unternehmen Donaustahl, sagt Thumann im Interview, arbeite inzwischen wie eine Tarnfirma eines Geheimdienstes. Es nutze die Produktionsstätten anderer Unternehmen. Die Namen und Standorte wüssten nur Eingeweihte.
"Ich liefere mir mit dem russischen Militärgeheimdienst ein Duell um mein Leben“, sagt Thumann. Deshalb habe er bereits sein Testament gemacht, eine Organspendeerklärung und eine Patientenverfügung ausgefüllt. Mit 39 Jahren. Vom Gedanken daran, eine Familie zu gründen, hat er sich verabschiedet. Er wolle nicht das Leben anderer Menschen aufs Spiel setzen, sagt er. Auch nicht für die Liebe.
Die Verdächtigen sitzen in Haft. Was die Bundesanwaltschaft ihnen vorwirft
Bei der Bundesanwaltschaft glaubt man zu wissen, wer Stefan Thumann in diese Lage gebracht hat. Ende März ließ sie im spanischen Alicante zwei Verdächtige festnehmen: die Rumänin Alla S. und den Ukrainer Sergey N. (AZ berichtete).
Liest man, was den beiden vorgeworfen wird, will man wahrlich nicht in der Haut des Niederbayern stecken. "Sergey N. spähte ab Dezember 2025 im Auftrag eines russischen Geheimdienstes eine Person in Deutschland aus, die von hier Drohnen und dazugehörige Bauteile in die Ukraine liefert“, teilte die Behörde mit.
"Dazu sammelte der Beschuldigte im Internet Informationen und fertigte Filmaufnahmen vom Arbeitsplatz des Betroffenen an.“ Als Sergey N. nach Spanien zog, habe Alla S. spätestens ab März 2026 seinen Auftrag übernommen. "Sie begab sich zur Meldeanschrift der Zielperson und filmte die Örtlichkeit mit dem Mobiltelefon. Die Ausspähaktionen dienten mutmaßlich der Vorbereitung weiterer geheimdienstlicher Operationen gegen die Zielperson.“
Warum "Wegwerfagenten" so gefährlich sind
Dass die beiden nun in Haft sitzen, ist allerdings kein Grund zur Entwarnung. Das Prinzip der "Wegwerfagenten“ ist ihre Austauschbarkeit. Einzelpersonen würden gezielt angeworben, kurzfristig eingesetzt und danach wieder fallen gelassen, teilt das Sicherheits-Unternehmen LivEye mit.
Diese lose Struktur mache es besonders schwer, Netzwerke zu erkennen und Angriffe frühzeitig zu verhindern. Fälle von Sabotage, Spionage oder gezielten Störungen zeigten, dass diese Strategie zunehmend auch in Deutschland ankommt.
Das Gefährliche an diesen Strukturen ist ihre Unsichtbarkeit – es gibt kein klassisches Netzwerk, das man zerschlagen kann
"Das Gefährliche an diesen Strukturen ist ihre Unsichtbarkeit – es gibt kein klassisches Netzwerk, das man zerschlagen kann“, so LivEye-Geschäftsführer Carsten Simons. "Wegwerfagenten“ agierten kurzfristig, oft ohne direkten Kontakt zu Hintermännern, und hinterließen kaum verwertbare Spuren. Dadurch verschwämmen die Grenzen zwischen Gelegenheitstat, organisierter Kriminalität und gezielter Einflussnahme.
Vieles deutet darauf hin, dass auch bei der verhinderten Drohnen-Attacke auf eine ukrainische Antonow-Maschine am Leipziger Flughafen "Wegwerfagenten“ des Kremls ihre Finger im Spiel hatten.

Das russische Verteidigungsministerium droht deutschen Drohnen-Herstellern
Hinzu kommt: Im April bedrohte das russische Verteidigungsministerium öffentlich drei deutsche Rüstungskonzerne. Die Länder, die Drohnen für die Ukraine produzierten, würden in den Krieg mit Russland hineingezogen, ließ Moskau damals in einer Mitteilung wissen.
Genannt wurden unter anderem zwei Adressen in München und eine in Hanau, wo angeblich Drohnen für die Ukraine produziert werden.
Liste potenzieller Ziele für die russischen Streitkräfte
Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew, der als Vizechef des nationalen Sicherheitsrats immer noch großen Einfluss hat, bezeichnete die aufgeführten Unternehmen auf X als "Liste potenzieller Ziele für die russischen Streitkräfte“.
Nicht nur Thumann steht im Visier mutmaßlich russischer Geheimdienste. Der Chef des Düsseldorfer Rüstungskonzerns Rheinmetall, Armin Papperger, steht wegen möglicher russischer Mordpläne seit Längerem unter Polizeischutz und hat Personenschützer. Kürzlich hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) Mitarbeiter von Rüstungsunternehmen zu besonderer Wachsamkeit aufgerufen.

Stefan Thumann will sich dennoch nicht geschlagen geben. In seinen Verstecken schläft er neben dem Computer und arbeitet weiter. Er sehe sich als Patrioten und lasse sich nicht einschüchtern, sagt er im Interview mit "Stern“ und RTL. Auch nicht von einem Staat mit mächtigen Geheimdiensten. "Ich bin Bayer mit Leib und Seele. Ich bin Deutscher. Und ich bin Europäer.“
Allerdings vermisse er die Menschen, die er liebe. Er vermisse sein Wirtshaus, dort am Tresen zu sitzen und ein Helles zu trinken.
Das Interview mit Stefan Thumann ist Teil der Dokumentation "Putins Wegwerfagenten – Die billigen Vollstrecker“ für das Format "stern Investigativ“, das ab Mittwoch, den 19. August, ab 18.45 Uhr auf RTL+ abrufbar ist.