Russische Märchenwelten

Das Internationale Kammermusik-Festival in Nürnberg, das nächste Woche startet, richtet dieses Jahr den Blick gen Osten mit einer Wiederentdeckung der russischen Kammermusik.
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Auch dieses Jahr spielen wieder Kammermusiker aus aller Welt bei Kerzenschein im Rittersaal der Kaiserburg.
Bayernpress Auch dieses Jahr spielen wieder Kammermusiker aus aller Welt bei Kerzenschein im Rittersaal der Kaiserburg.

Das Internationale Kammermusik-Festival in Nürnberg, das nächste Woche startet, richtet dieses Jahr den Blick gen Osten mit einer Wiederentdeckung der russischen Kammermusik.

Ein Musikfestival unter das Motto „Russlands Weiten“ zu stellen, ist nun wirklich nicht gerade einfallsreich. Man erwartet eine weitere Darbietung von Alexander Borodins Polowetzer Tänzen, dazu irgendein Ballett von Peter Tschaikowsky, und natürlich muss auch jedes Mal aufs Neue Modest Mussorgsky seine Bilder ausstellen. Den russischen Weiten verschreibt sich auch das Internationale Kammermusik-Festival 2010 in Nürnberg vom 10. bis zum 17. September. Doch man darf neugierig sein: So abgegrast die Klaviermusik, die Symphonik und das Musiktheater aus Russland auch sein mag – bei der Kammermusik beschränkt man sich in deutschen Konzertsälen weitgehend auf die Streichquartette von Dmitri Schostakowitsch, vom russischen Kunstlied ganz zu schweigen, dessen Reichtum die Veranstalter am wenigsten beachten.

Mussorgski, Rimski-Korsakow, Prokofjew, Rachmaninow und Schostakowitsch – sie alle komponierten zahlreiche Lieder, allesamt sind diese nahezu vergessen. Gleich für das Eröffnungskonzert hat das Nürnberger Kammermusikfestival in Alexander Borodins sechzehn Liedern gewühlt, von denen sie vier Lieder am 10. September vorstellen. Eine schlafende Prinzessin, ein Zaubergarten und ein dunkler Wald. Die Textgrundlage ist dabei nicht allzu wichtig, führt Borodin den Hörer doch hauptsächlich über die Klangwelten des Klaviers und der sprachlichen Laute in die Märchenwelten und weniger über eine hochintellektuelle musikalische Textexegese.

Zur Gänze über nonverbale Kommunikation funktionieren die fünf „Lieder ohne Worte“ aus dem Jahre 1920 von Sergej Prokofjew, die er für Klavier und eine summende Singstimme komponierte. Fünf Jahre später arrangierte er sie für Violine und Klavier um und betitelte sie dann schlicht mit „Melodien“. Auch mit diesen wartet der Eröffnungsabend auf.

Der Galaabend am 15. 9. gibt dann noch liedtechnisch eine Zugabe mit zwei Romanzen von Peter Tschaikowsky und zwei Liedern von Sergej Rachmaninow. Beide komponierten sie auch massenhaft instrumentale Kammermusik. Rachmaninow etwa veröffentlichte 1901 seine Sonate für Violoncello und Klavier. In ihrer Anlage ist sie zwar romantisch-konventionell, doch hat der Komponist hier kein Musikstück mit einem tonangebenden Cello und einem begleitenden Klavier geschrieben, sondern ein Duett zweier gleichberechtigter Instrumente.

Ein deutsches Kammermusik-Duett hingegen möchten die Veranstalter des Festivals beleuchten von Russland aus beleuchten: Am 12. September liest Staatstheaterschauspieler Thomas Nunner aus Leo Tolstois Novelle „Die Kreutzersonate“, bevor Ludwig van Beethovens gleichnamiges 40-minütiges Mammutwerk für Klavier und Violine erklingt. Doch nicht nur deutsche Kammermusik bekommt einen russischen Anstrich: 1919 schrieb Sergej Prokofjew in einer Nacht seine „Ouvertüre über hebräische Themen“. Schwermütige jüdische Folklore-Melodien verflechten sich in diesem Sextett mit russischen Klangbildern. Mit diesem Werk eröffnet das Schlusskonzert des Kammermusikfestivals am 17. September. Das Konzert endet übrigens mit einer Kammermusik-Version von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Ganz um den Mainstream kommen die Veranstalter dann doch nicht herum.mt

Weitere Informationen unter www.kammermusik-festival.de

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