Rund 70 Meter tiefer Riss: Ein bayerischer Gipfel bricht auseinander

Seit neun Jahren überwachen Forscher der TU München den Hochvogel mit Drohnen, Lasern und Sensoren. Der Hauptspalt in der Bergspitze wird jeden Monat um gut zwei Millimeter breiter. Im Juni geriet dann eine kleinere Nebenspalte in Bewegung – achtmal so schnell wie üblich.
von  Natalie Kettinger
Der Blick von der Bergstation der Ifenbahn im Kleinwalsertal auf die Allgäuer Alpen: in der Mitte der Hochvogel. Forscher haben ihn besonders im Blick, um mögliche Bergstürze rechtzeitig vorhersagen zu können.
Der Blick von der Bergstation der Ifenbahn im Kleinwalsertal auf die Allgäuer Alpen: in der Mitte der Hochvogel. Forscher haben ihn besonders im Blick, um mögliche Bergstürze rechtzeitig vorhersagen zu können. © Reinhold Ratzer/Alimndi.net/imago, Bott/dpa

Die Felsstürze kommen näher – und sie werden häufiger, wie es scheint: Im Mai 2025 begräbt eine Schutt- und Eislawine das Dorf Blatten im Schweizer Kanton Wallis unter sich. Mitte September 2026 lösen sich an der Zugspitze rund 13.800 Kubikmeter Fels und donnern an der Tiroler Nordwand in unwegsames Gelände.

Zu Beginn der Woche beschädigen herabstürzende Felsbrocken im österreichischen Kreis Vorarlberg zwei Pkw sowie eine unter einer Brücke verlaufende Schmutzwasserleitung. Und in den Allgäuer Alpen steht bereits seit neun Jahren der Hochvogel unter wissenschaftlicher Beobachtung, in dessen 2592 Meter hohem Gipfel ein Riss von etwa vier Metern Breite sowie 70 Metern Tiefe klafft. Erst im Juni löste sich dort ein Felsturm von 1100 Kubikmetern – ohne dass jemand dabei zu Schaden kam.

Ein Spalt, der immer größer wird

Wie lange der Riss schon den Gipfel spaltet, ist unklar. Manche Quellen sprechen davon, es habe ihn bereits vor 200 Jahren gegeben. "Fakt ist, dass Landvermesser schon im Jahr 1945 Luftaufnahmen gemacht haben, die zeigen, dass er immer größer wird", sagt Christoph Holst, Professor für Ingenieurgeodäsie an der TU München.

Der Forscher Christoph Holst von der Technischen Universität München.
Der Forscher Christoph Holst von der Technischen Universität München. © privat

Er und sein Team erfassen die Bergspitze und ihre Spalten millimetergenau mithilfe von Kameras, Drohnen, Lasertechnik, Sensoren sowie GPS. Aus den gewonnenen Daten erstellen sie einen "digitalen Zwilling". So können sie nachvollziehen, was am Gipfel vor sich geht. Und das war diesen Sommer durchaus ungewöhnlich. "Der Hauptspalt wird in den letzten Jahren relativ konstant breiter, etwa zwei bis zweieinhalb Millimeter pro Monat", sagt Holst.

In Bewegung seien dabei mindestens 260.000 Kubikmeter Gestein, auf der nach Österreich gelegenen Südseite. Dass die tonnenschwere Last irgendwann abgehe, damit werde allgemein gerechnet. "Aber alle Fachgruppen sind sich einig darüber, dass dieser Spalt bei gleichbleibender Geschwindigkeit noch viele Jahre größer werden kann, ohne dass etwas passiert."

Begünstigt der Klimawandel Felsstürze?

Doch heuer erregte etwas anderes die Aufmerksamkeit der Experten: eine deutlich kleinere Nebenspalte – auch Spalte 6 genannt –, die im Sommer vorübergehend extrem in Bewegung geriet, "im Juni um vier Millimeter pro Woche". Das entsprach dem Achtfachen des Üblichen.

Woran liegt es, dass die Alpen bröseln? Am Hochvogel, sagt der Professor, wirkten verschiedene Faktoren. Er sei sehr exponiert und habe sehr steile Flanken. "Das heißt: Starkregenereignisse, Gewitter, Windstürme, Hitze und Sonne – all das greift den Berg stärker an als die umliegenden Gebirgsketten. Er ist den Extremen schutzlos ausgeliefert, und die haben großen Einfluss darauf, dass sich da oben was bewegt."

Je exponierter die Lage, desto wahrscheinlicher sei es, dass sich im Gestein Risse und Spalten bildeten. "Natürlich ist es so, dass wir alle, die wir offen sind für wissenschaftliche Erkenntnisse, wissen, dass der Klimawandel dazu führt, dass Starkwettereignisse zunehmen, dass die Temperaturen steigen und dadurch der Permafrost – der Kitt der Alpen – zurückgeht", sagt der Vermessungsingenieur. Die Häufung von Felsstürzen sei im Mittel also tatsächlich mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen.

Forscher fordert strengere Überwachung von Gebieten

Was Christoph Holst mit Blick auf die Häufung entsprechender Berichte aber auch zu bedenken gibt: Das Interesse der Öffentlichkeit an dieser Thematik sei aktuell groß. Zudem nutze der Mensch die Alpen heute deutlich stärker als in der Vergangenheit und sei in Bereichen unterwegs, "in denen früher kein Mensch gewandert ist und ein Felssturz womöglich gar nicht aufgefallen wäre".

TUM-Experte Christoph Holst bei Messungen im Gelände.
TUM-Experte Christoph Holst bei Messungen im Gelände. © TUM

Der Forscher hält es deshalb für geboten, problematische Gebiete verstärkt zu überwachen – wenn auch nicht ganz so engmaschig wie am Hochvogel. "Um unsere wissenschaftliche Arbeit zu realisieren, brauchen wir viele Personen, viele Sensoren, viel Zeit und viel Geld. Das ist in den gesamten Alpen einfach nicht zu machen."

Regelmäßige Überprüfungen und Gefahren-Analysen seien trotzdem wünschenswert – und im gegebenen Fall die Ausweisung von Risikogebieten. "Aber genauso wichtig wäre es, dass die Menschen es ernst nehmen, wenn irgendwo Gefahr droht, und auf den empfohlenen Routen bleiben."

Wie gefährlich wäre ein Felssturz?

Nicht zuletzt deshalb verbringen Holst und seine Kollegen viele Stunden am Berg und am PC: um warnen zu können, wenn es brenzlig wird. Zum Schluss aber eine gute Nachricht. Den Menschen, die rund um den Hochvogel leben, drohe keine Gefahr, wenn sich Teile des Gipfels lösten, sagt der Experte – weder in Oberstdorf noch auf österreichischer Seite.

Blatten, vier Monate nach dem Erdrutsch: Die Gesamtansicht zeigt den Ort, an dem sich einmal das Dorf befunden hat.
Blatten, vier Monate nach dem Erdrutsch: Die Gesamtansicht zeigt den Ort, an dem sich einmal das Dorf befunden hat. © Michael Buholzer/KEYSTONE/dpa

"Unsere Kollegen von der Geologie haben Szenarien erstellt, was geschehen würde, wenn die schon genannten 260.000 Kubikmeter Fels vom Hauptspalt abgehen würden. Das würde natürlich Gesteinsmassen mit sich ziehen und es würden Murenabgänge folgen – aber in der Nähe gibt es weder Siedlungen noch Infrastruktur, die davon betroffen wären." Und das gelte auch, wenn der Nebenspalt seine Aktivität wieder steigere.

Das Raten die Experten vom Alpenverein

Steinschlag und Felsstürze gehören "zu den natürlichen Gefahren im Gebirge", heißt es vonseiten des Deutschen Alpenvereins (DAV). Durch den Klimawandel könne das Risiko in bestimmten Bereichen zunehmen, warnen die Experten. Während sich "bei Steinschlag einzelne Steine oder kleinere Gesteinsbrocken lösen", brächen "bei einem Felssturz größere Gesteinsmassen" ab.

Besonders in hochalpinen Lagen könne "auftauender Permafrost die Stabilität von Felswänden beeinträchtigen". Doch auch in niedrigeren Lagen könnten "Felsstürze auftreten, etwa durch Verwitterung, Frost-Tau-Wechsel oder starke Niederschläge". Nicht alle Regionen und Wanderwege seien gleichermaßen betroffen.

Das sollten Wanderer laut DAV beachten

  1. Aktuelle Bedingungen prüfen: Vor der Tour Wegsperrungen und Warnhinweise checken, beispielsweise auf alpenvereinaktiv.com.
  2. Warnzeichen erkennen: Frisches Geröll, helle Bruchstellen im Fels oder hörbarer Steinschlag könnten auf Gefahren hinweisen.
  3. Gefahrenstellen zügig passieren: Unterhalb steiler Felswände, in Rinnen und auf Schutthalden nicht unnötig verweilen.
  4. Helm aufsetzen: Auf gefährdeten Wegen sollte man einen Helm tragen. Zumal Steine auch von anderen Wandernden losgetreten werden könnten.
  5. Im Zweifel umkehren: Bei Anzeichen akuter Steinschlaggefahr die Tour beenden. Gesperrte Wege nicht betreten.
  6. Bei Steinschlag Schutz suchen: Wenn möglich, hinter großen Felsen oder Bäumen in Deckung gehen, sich klein machen und den Kopf mit dem Rucksack schützen.
  7. Wichtig zu wissen: Steinschlag lässt sich laut den DAV-Experten "nicht zuverlässig vorhersagen". Ein Helm könne zwar vor kleineren herabfallenden Steinen schützen, biete aber "keinen ausreichenden Schutz vor größeren Felsstürzen". Entscheidend seien "eine sorgfältige Tourenplanung und das Meiden gefährdeter Bereiche".
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