Rio Reiser, Rammstein und die Ärzte im Sozio-Biotop

Viel Beifall, wenig Sinn: das maue Songdrama „Out of Röthenbach“ im Schauspielhaus
| Abendzeitung
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Bunter Song-Zirkus rund um Pop-Oldies: "Out Of Röthenbach" im Schauspielhaus.
Marion Bührle Bunter Song-Zirkus rund um Pop-Oldies: "Out Of Röthenbach" im Schauspielhaus.

Nürnberg - Viel Beifall, wenig Sinn: das maue Songdrama „Out of Röthenbach“ im Schauspielhaus

Schon seit dem frühen Udo Jürgens wissen wir, wie es zugeht im „ehrenwerten Haus“. Also musste der Blick des inszenierenden Balkan-Musikanten Sandy Lopicic schärfer werden, um über die Stiegen des sozialen Wohnungsbaus an neue Erkenntnisse zu kommen. Ein alleinerziehender Vater (behinderter Sohn, pubertierende Tochter) mit Ossi-Vergangenheit wohnt da neben zwei jungen Neonazis und zwei verkümmernden Frauen, die problemverschärfend das Badezimmer für Opern-Duette missbrauchen. In diesem Sozio-Biotop voller Seelen-Sondermüll wirbelt als neueste Nachbarin ein Türkenmädchen die deutsche Hausordnung durcheinander. Die Ausgangsposition des ganz auf Musik setzenden Nürnberger Auftragswerkes „Out of Röthenbach“, das sich problemfreudig Songdrama nennt, ist glasklar. Aber es gibt kein „Drama“, nur die große Plattensammlung und die Sehnsucht, zwischen Franz Wittenbrinks „Sekretärinnen“ (fast zehn Jahre erfolgreich im Spielplan) und Erik Gedeons „Ewig jung“ (im März in Fürths Theater) noch ein freies Plätzchen zu finden.

Ursprünglich wollte der Leader des durchschlagskräftigen Lopicic-Orkestar unter dem Titel „Nachhilfe für Patrioten“ das Heimatlied multikulturell aufwerten. Davon sind auf der heißlaufenden Drehbühne noch Spurenelemente zu entdecken. Doch der große Glaube an die Folklore muss ihm bei der Vorbereitung abhanden gekommen sein. Denn nun dominieren internationale Pop-Oldies, die ihre deutschen Kommentare aus der Nostalgie-Hitparade bekommen. Mit der Indie-Rockband Arcade Fire beginnt es, bei The Doors hört es 24 Songs später offiziell auf. Dazwischen beharrt der Bürger auf seinem Bunker („Meine vier Wände“ von Rio Reiser), wird Rammsteins „Haifisch“-Grölen im Springerstiefel-Quartier schlüssig mit Haindlings „Du Depp“ kurzgeschlossen. Was auch deshalb passt, weil die Glatzköpfe ihren Bierdosen-Kühlschrank mit automatischer Nationalhymne ausgestattet haben. Es ist allerdings Haydns Kaiserquartett, vor dem sie strammstehen – und das hat seit Heinrich Lübke wohl niemand mehr getan.

Zum Kern der Geschichte, die Tom Waits einen lokalkolorierten „Röthenbach-Blues“ abringt (Frank Damerius ist der Umdichter) und ansonsten lieber das Allgemeine anpeilt, wird das Mädchen aus der anderen Kultur. Julia Bartolome bricht wie ein türkischer Traum herein. Layla ist emanzipiert, traditionsbewusst, kontaktfreudig. Wenn sie sich mit jubelnder Stimme, strahlenden Augen und wehenden Tüchern in schmetternde Lieder von daheim wirft, kann der Anruf aus Bollywood nicht mehr weit sein. Ausstatter Thurid Peine hat das Mietshaus als Mixtur aus Zirkusarena und Karussell gebaut, die fünfköpfige Band dahinter wechselt von der singenden Säge bis zur Klarinette durch mindestens 20 Instrumente. Das ist in den Arrangements von Bettina Ostermeier und Sandy Lopicic handwerklich gekonnt, aber oft zu aufdringlich gegenüber dem Text und weit weg vom Wittenbrinkschen Mehrweg-Witz, dem erfundenen zweiten Leben der Gassenhauer. Zwar hat das Ensemble mit Elke Wollmann, Henriette Schmidt, Frank Damerius und Thomas L. Dietz einige gute Sänger, doch der Regisseur mag nicht entscheiden, was er von denen verlangen will. So wird also im gleitenden Übergang imitiert oder persifliert.

Man unterläuft die Songs manchmal, aber noch lieber setzt man sich drauf. Dann dominieren betuliche Banalitäten, indem das Theater die abgenudelte „Ärzte“-Botschaft „Lass die Leute reden“ andächtig weiterreicht. Am Ende hat auch der Dildo seine Hymne bekommen („Coin-operated boy“) und dank „Wir sind Helden“ spielen wir Stammtisch-Erschrecken mit der umgewidmeten Migranten-Meldung „Gekommen um zu bleiben“. Das Premierenpublikum im ausverkauften Haus, das dem bunten Treiben (und vor allem Stefan Willi Wang als grimassierenden Modell-Behinderten) zunächst etwas ratlos zuschaute, fand dann doch den Einstieg zum Klatschmarsch. Ab dann war alles wieder gut. Viel Beifall, viele Zugaben, wenig Sinn. Schade! Dieter Stoll

Nächste Vorstellungen: 10., 18., 26., 30. Januar.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren