Rettungsanker für Kliniken: Neustart in reduzierter Struktur

Viele Krankenhäuser in Bayern sind massiv in den roten Zahlen. Träger sind oftmals Kommunen oder Landkreise, die deshalb an anderer Stelle sparen müssen. Zugleich sind die Menschen gerade auf dem Land häufig dagegen, "ihre" wohnortnahe Klink zu schließen. Ein Ausweg könnte die Umwandlung in eine "sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung" (SÜV) sein. Was es damit auf sich hat.
Was ist eine sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung?
Vereinfacht gesagt: Ein kleines Krankenhaus, in dem Menschen stationär versorgt werden, die nicht aufwendig operiert oder intensivmedizinisch versorgt werden müssen. Es hat ein begrenztes Leistungsspektrum mit einem internistischen und geriatrischen Schwerpunkt - ist also auf häufige, weniger komplexe Erkrankungen der inneren Organe und des Alters fokussiert. Dabei werden stationäre Behandlung, ambulante medizinische Angebote und Pflege miteinander verbunden - deshalb "sektorenübergreifend".
Wer genau soll dort behandelt werden?
Vor allem Menschen mit akuten und chronischen Infektionen, Ernährungs- und Stoffwechselstörungen, Anämien, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, schweren Atemwegsinfekten, Magen-Darm-Erkrankungen sowie urogenitalen Infektionen. Konkret geht es etwa um Menschen, die eine Lungenentzündung oder Herzschwäche haben, die dehydriert sind, deren Diabetes eingestellt oder die nach ambulanten Operationen betreut werden müssen.
Zur Behandlung gehören dann die Überwachung wichtiger Körperfunktionen wie Puls, Blutdruck, Temperatur und Sauerstoffsättigung. Auch einfache Untersuchungen, Flüssigkeits- und Medikamentengaben oder die Versorgung von Wunden sind vorgesehen.
Was passiert in komplexeren Fällen?
Wer eine besonders aufwendige oder risikoreiche Behandlung braucht, also etwa einen schweren Autounfall oder einen Schlaganfall hatte, unter Krebs leidet oder ein künstliches Gelenk benötigt, wird an ein geeignetes Krankenhaus verwiesen.
Wie genau sollen die Versorgungseinrichtungen ausgestaltet sein?
Die SÜVs dürfen höchstens 50 Betten haben, wirtschaftlich rentabel sind sie den Berechnungen zufolge ab 25 bis 30 Betten. Ein großer Unterschied zum "normalen" Krankenhaus: Es wird deutlich weniger Personal benötigt. Statt rund um die Uhr muss nur an Werktagen und nur acht Stunden lang eine Ärztin oder ein Arzt vor Ort sein - der Rest wird über Rufbereitschaften abgedeckt. Die Anwesenheit einer Pflegefachkraft hingegen ist jederzeit verpflichtend.
Wie viele Klinken wird es in Bayern geben?
Da die Umstellung nur zum Jahresanfang erfolgen kann und das Verfahren für viele heuer zu kurzfristig kam, werden es 2027 voraussichtlich nur fünf Kliniken sein, die starten. Öffentlich bekannt sind bislang Penzberg und Schongau. Der große Schwung dürfte 2028 kommen: "Wir sprechen gerade sehr konkret mit zwölf Krankenhausstandorten in Bayern, die das machen wollen oder zumindest sehr ernsthaft prüfen", schildert Roland Engehausen von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG). Die BKG sieht ein Potenzial von 20 Kliniken im Freistaat.
"Wir sehen große Chancen darin, dass einige Krankenhausstandorte, die ansonsten nicht zu retten wären, in diese Form umgewandelt werden können", betont Engehausen. "Und wir sehen auch durchaus Chancen, dass Krankenhausstandorte, die vielleicht weitermachen oder in andere Fachkliniken umgewandelt werden könnten, viel besser als sektorenübergreifender Versorger aufgestellt sind."
Was ist der Vorteil von SÜVs?
Die finanzielle Seite. Viele Kliniken im Freistaat sind hochdefizitär. Das liegt auch daran, dass sie jederzeit voll gerüstet sein müssen - selbst wenn eine Leistung nur selten beansprucht wird. "Wir behandeln ja nicht am Tag fünf akut lebensbedrohliche Blutungen - müssen aber so aufgestellt sein, dass wir die eine, die kommt, bewältigen können", schildert die auch für Penzberg verantwortliche Geschäftsführerin der Starnberger Kliniken, Sarah Ertl.
Der Landkreis Starnberg, der aus historischen Gründen für die im Nachbarlandkreis liegende Klinik zuständig ist, muss deshalb seit 2022 jährlich ein Defizit von fünf bis sechs Millionen Euro auffangen. "Wir haben immer wieder überlegt, ob es Sinn macht auszusteigen", schildert Landrat Stefan Frey (CSU). Doch dann müssten unter anderem Fördermittel zurück- sowie Abfindungen gezahlt werden. "Ein doppelstelliger Millionenbetrag nur dafür, dass wir schließen!"
Als SÜV hingegen sinken die Kosten massiv, vor allem für das ärztliche Personal. In Penzberg etwa verlieren rund 100 von 250 Beschäftigte ihren Job. Sie sollen ein Angebot an anderen Standorten des Trägers bekommen.
Warum soll die Finanzlage der Kliniken als SÜVs besser werden?
Weil nicht mehr über Fallpauschalen abgerechnet wird. Stattdessen bekommen die Einrichtungen pro Bett, das mit mindestens 30 Fällen pro Jahr belegt wird, eine Strukturpauschale von gut 182.000 Euro sowie eine Tagespauschale von 95 Euro. Das reicht selbst nach Einschätzung der BKG, um wirtschaftlich arbeiten zu können - und sogar, um die Mindestanforderung an das Personal überzuerfüllen.
Was ist eigentlich mit schweren Notfällen?
Klassische Notaufnahmen haben SÜVs nicht. Aber die betroffenen Krankenhäuser würden bei echten Notfällen ohnehin nicht mehr angefahren, ordnet Engehausen ein. Und Ertl will in Penzberg dank der soliden Finanzierung von 8.00 bis 20.00 Uhr eine Ambulanz anbieten. Damit scheint der Verlust verkraftbar: 2025 kamen in den Nachtstunden im Schnitt fünf Menschen, höchstens einer davon wurde stationär aufgenommen.