Rechte Parolen kontern: Was man auf Stammtisch-Sprüchen wirklich antworten sollte

Kommunalpolitiker aus Bayern fühlen sich überfordert angesichts rechtsextremer Äußerungen. Wie kann man auf dieses Gedankengut reagieren?
Clio Sailer |
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Rechte, Extremisten und Hooligans demonstrieren in der sächsischen Stadt Bautzen.
Rechte, Extremisten und Hooligans demonstrieren in der sächsischen Stadt Bautzen. © imago stock&people (imago stock&people)

Um Antworten zu bekommen, ist Alois Giglberger 160 Kilometer nach Tutzing am Starnberger See gefahren. Der Geiselhöringer Stadtrat (Kreis Straubing-Bogen) nimmt an einem Seminar der Akademie für Politische Bildung teil. Der Titel: "Den Wind aus den Segeln nehmen: Rechtsextremen Narrativen und Argumenten begegnen." Oder anders gesagt: Hier soll man lernen, wie man reagiert, wenn jemand einem eine rechtsextreme Parole um die Ohren haut.

Giglberger ist 62, Arzt und seit 2018 Stadtrat in Geiselhöring. Als ÖDP-Mitglied gehört er der Fraktion der Freien Wähler an. 2025, da war er etwa sieben Jahre Stadtrat, wollte die Stadt eine neue Asylbewerberunterkunft bauen. Weil die Leute nun mal da waren und der Landkreis sie irgendwo unterbringen musste, sagt der 62-Jährige.

Im Ort regte sich Widerstand. Ein Geiselhöringer, langjähriges NPD-Mitglied, Betreiber eines Versandshops für Neonazi-Kleidung und bekannt in der rechtsextremen Szene, startete eine Petition gegen die Asylunterkunft. Zeitweise kursierte dazu ein Link in den sozialen Medien.

"Bösartige Drohungen" auf Facebook

Giglberger erinnert sich an hitzige Diskussionen auf Facebook und Co. und "bösartige Drohungen" von Nutzern. Jeder Stadtrat "würde genau beobachtet werden", habe er da gelesen. Worte, die Wirkung zeigten: Giglberger fühlt sich beobachtet, bedroht. Diese Vehemenz, diese Wut der Menschen, sei heftig gewesen. Die Flüchtlinge kamen nie nach Geiselhöring und jene, die gedroht hatten, beruhigten sich wieder. Aber das Gefühl der unsichtbaren Bedrohung ist bei Giglberger geblieben. Und die Angst, dass der Rechtsextremismus in Geiselhöring wieder aufflammt.

Mit dem Stadtrat sitzen an diesem Freitag etwa 50 Menschen im Auditorium, die Ähnliches erlebt haben. Die meisten zwischen 30 und 40 Jahren, die Frauen sind in der Überzahl. Viele von ihnen sind Kommunalpolitiker, Lehrer oder Verwaltungsmitarbeiter. Manche sind privat da. Sie alle wollen wissen, "was man da eigentlich erwidern kann", bringt es eine Teilnehmerin auf den Punkt.

Miteinander reden ist gut, aber wie? Wie man auf rechtsextreme Äußerungen reagieren kann, lässt sich in einem Seminar in Tutzing lernen.
Miteinander reden ist gut, aber wie? Wie man auf rechtsextreme Äußerungen reagieren kann, lässt sich in einem Seminar in Tutzing lernen. © Zoonar.com/Anastasiia Torianyk/imago

Bayern wählt im März. Das Seminar in Tutzing ist wie schon das erste im November ausgebucht. Auch dieses Mal sind einige der Anwesenden zuerst auf der Warteliste gelandet. Eine Teilnehmerin habe erst am Vortag erfahren, dass sie kommen könne.

Rechte geben sich als "Kümmerer" aus

Die Teilnahme ist kostenlos. Die Veranstaltung soll ein "Safe Space" sein, in dem die Teilnehmer ungestört erzählen können, was sie erlebt haben. Ein Kommunalpolitiker Mitte 60, Sakko, gibt an, die Leute in seinem Ort würden einfach nicht verstehen, warum manche Probleme nicht sofort zu lösen seien. Rechtsextreme würden sich dann "als Kümmerer ausgeben" und alles Mögliche versprechen. Wie soll man dagegen noch ehrlich ankommen?

Eine Frau, Anfang 30, Nasenpiercing, aus einem 2000-Seelen-Dorf in Oberbayern, ist privat da. Ihre jugendliche Nichte hätte neulich gesagt, sie könne wegen der ganzen Ausländer ja nicht mehr vor die Tür gehen. Was soll man da noch erwidern? Eine andere, Ende 40, Wanderrucksack, aus Sonneberg, Thüringen, ist mit ihren Kindern im Hallenbad, als sie eine wildfremde Frau im Whirlpool darauf anspricht, was sie eigentlich davon halte, dass da auch "ein Ausländer" mit im Pool sitzt. Perplex sei sie gewesen.

Wie soll man da schlagfertig sein? Eine andere Frau, um die 30, gestreiftes T-Shirt und Jeans, arbeitet in der kommunalen Verwaltung im Kreis Starnberg. Alles, was die Politik nicht hinbekomme, würde an der Verwaltung ausgelassen, sie bekäme regelmäßig Frust ab. Wo soll das noch hinführen? Viel Nicken, viel Zustimmung, viel Verständnis.

1281 rechtsextreme Gewalttaten in 2024

Von Gewalt berichtet keiner der Teilnehmer. Doch laut dem Verfassungsschutzbericht des Bundesinnenministeriums nimmt Rechtsextremismus nicht nur verbal zu. So stieg die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten 2024 im Vergleich zum Vorjahr um 11,6 Prozent. Waren es im Jahr 2023 insgesamt 1148 Gewalttaten, so waren es im Jahr 2024 schon 1281. 87,5 Prozent davon waren Körperverletzungen.

Die beiden Politikwissenschaftler Stefan Matern und Sascha Ruppert-Karakas von der Ludwig-Maximilians-Universität München erklären in Tutzing sechs Stunden lang, was man auf rechtsextreme Aussagen erwidern kann. Die Dozenten zeigen den Teilnehmern erfundene Zitate. Die sollen dann entscheiden, was das mit ihnen macht und wie sie darauf reagieren würden.

Zum Beispiel, wenn jemand in der Bürgersprechstunde sagt, Flüchtlingen würde Geld hinterhergeworfen, während deutsche Obdachlose verhungern. Oder wenn jemand am Stammtisch die Behauptung aufstellt, dass 90 Prozent aller Flüchtlinge Terroristen des Islamischen Staat sind.

"Sehr realitätsnah"

"Sehr realitätsnah" nennt Giglberger die gezeigten Zitate. Ungefähr einmal pro Monat kämen ihm ähnliche Bemerkungen unter. Er selbst versuche immer, respektvoll mit jedem umzugehen, egal, welche politische Haltung sein Gegenüber hat.

Etwas anders sieht das ein Mann, Mitte 30, Dreitagebart. Wer so etwas sage, sei bei ihm "direkt in einer Schublade". Naja, in solchen Aussagen stecke viel Angst, sagt eine Frau. Man müsse ja auf die Leute eingehen, sonst komme man nie weiter.

Eine andere meint, dass jeder nur in seiner Blase unterwegs sei, "man kriegt sich gegenseitig ja gar nicht mit". Das sei das Problem an dieser Veranstaltung: Man redet über Menschen, die Rechtsextremes von sich geben, aber nie mit ihnen.

"Unsere Faulheit kann verhängnisvoll sein"

Ein Mann, Anfang 40, Hornbrille und Fleecejacke, fühlt sich erschlagen von solchen Aussagen. "Man wird müde und die werden nie müde." Die Deutschen seien faul, was Gegenrede angeht. "Bis wir mal auf die Straße gehen, muss viel passieren." Und er ist sich sicher: "Unsere Faulheit kann verhängnisvoll sein."

Matern sagt: "Gespräche dürfen auch nicht geführt werden." Manchmal würde eine Diskussion nichts mehr bringen. Aber "was unwidersprochen bleibt, kann sich nicht ändern". Ohne Gegenrede würden rechtsextreme Parteien und Politiker immer mehr Aufwind bekommen. Nur sollte man sich seine Kräfte einteilen, rät Matern. Freunde und Familienmitglieder, zu denen man eine enge Bindung hat, wird man eher erreichen als Fremde. Und es käme darauf an, wie oft man die Chance habe, mit jemandem zu sprechen.

Fragen statt Frontalangriff

Den Nachbarn am Gartenzaun wird man eher überzeugen als einen Wildfremden, den man einmal am Infostand sieht. Jemandem direkt zu sagen, dass er falsch liegt, würde beim Gegenüber nur Abwehrhaltung hervorrufen. "Wenn ich wirklich überzeugen will, dann sind Fragen immer besser", sagt Matern. Fragen darüber, wo eine Information herkommt, warum jemand so empfindet, was ihn wütend macht oder beängstigt. Dann hätte man eine gemeinsame Basis und käme vielleicht zu einer Übereinkunft.

Zahlen sollen oft Objektivität vermitteln. Das heiße aber nicht automatisch, dass die Zahlen auch stimmen, stellt Matern klar. Man sollte sich davon nicht zu sehr beeindrucken lassen. Und wer in einer Aussage mehrere Themen vermischt, den könne man bitten, erst mal bei einem Thema zu bleiben, rät Matern.

Wer an diesem Freitag zugehört hat, weiß, dass Gegenrede Geduld und Ausdauer braucht. Und dass es die eine richtige Reaktion nicht gibt. Giglberger sagt über die sechs Stunden am Starnberger See, sie seien "richtig ermutigend" gewesen. Er fühle sich weniger machtlos als davor. Die Hemmschwelle, überhaupt etwas zu erwidern, sei jetzt weg. Bei der Kommunalwahl 2026 tritt der 62-Jährige wieder an.

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