Quasthoff fordert mehr Ehrlichkeit bei Klassikwettbewerben

Der Bassbariton Thomas Quasthoff wünscht sich bei Klassikwettbewerben mehr Ehrlichkeit der Juroren gegenüber den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. "Es wird in diesem Zusammenhang sehr oft gelogen", sagte der 66-Jährige der Nachrichtenagentur dpa.
Quasthoff gewann 1988 den ARD-Musikwettbewerb, der am Sonntag (30.8.) in die 75. Ausgabe startet. "Sehr viele Studentinnen und Studenten sagen mir nach Wettbewerben: Wir wissen nie, woran wir wirklich sind. Weil immer alle nur sagen: Ach, das war doch prima, und ich hätte Sie weitergelassen."
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten aber auch mit fachlich fundierter Kritik klarkommen: "Ehrlichkeit gehört zu unserem Beruf, auch wenn es um negative Urteile geht. Das müssen die Studentinnen und Studenten oder jungen Sängerinnen und Sänger definitiv auch lernen." Zudem sei es wichtig, die Musik "mit dem Herzen" zu machen.
Ähnlich sieht es die ARD: Es gewinne nicht, "wer höher, schneller, weiter performt, sondern wer die überzeugendste künstlerische Darbietung präsentiert".
Jubiläumsausgabe mit Orgel
Für Quasthoff war der ARD-Musikwettbewerb ein wichtiges Sprungbrett, den der Bayerische Rundfunk (BR) nun zum 75. Mal ausrichtet und bei dem junge Talente aus aller Welt in wechselnden Disziplinen antreten.
Dieses Jahr sind es bis zum 18. September 184 Musikerinnen und Musiker aus 32 Ländern aus den Bereichen Fagott, Schlagzeug, Streichquartett - und Orgel, einer Kategorie, die aus Spargründen zur Disposition stand, dann aber dank eines neuen Sponsors wieder aufgenommen wurde.
Das Publikum kann die Auftritte im Internet verfolgen. Ab dem Semifinale gibt es 18 Livestreams von ARD Klassik. Spielstätten vor Ort sind dieses Jahr unter anderem das Amerikahaus, das Prinzregententheater oder die Jesuitenkirche St. Michael. Am 18. September ist das finale Preisträgerkonzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal. Am 7. November ist zudem ein Festkonzert zum 75-jährigen Bestehen geplant.
Harte Budgetkürzungen
1952 gab es den ersten ARD-Wettbewerb, an dem in den folgenden Jahren so manche Künstler teilnahmen, die später weltberühmt wurden, so etwa die Sopranistin Jessye Norman, der Trompeter Maurice André oder die Pianistin Dame Mitsuko Uchida.
2023 wurden jedoch harte Budgetkürzungen verkündet. Im Zuge von Einsparungen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk halbierte die ARD ihre Beteiligung für das Jahr 2025 auf nunmehr 370.000 Euro. Auch die Zahl der Disziplinen wurde von vier auf drei reduziert. Die Kritik war harsch, so etwa vom Bayerischen Musikrat.
2025 verkündete der BR dann einen neuen Sponsor: Die Ernsting Kunst- und Kulturstiftung kündigte an, sich zunächst bis 2028 stark zu engagieren. Die Zahl der Kategorien wurde wieder auf vier erhöht. Auch das Fach Orgel, das auf der Kippe stand, konnte fortbestehen.
Jazz statt Klassik
Quasthoff jedenfalls zeigt sich dankbar für die Chance, die ihm der erste Preis beim Wettbewerb eröffnete. Er selbst zog sich 2012 allerdings aus der Klassik zurück und wandte sich vor allem dem Jazz zu.
"Ich war gezwungen, meine Karriere als klassischer Sänger zu beenden, da der Tod meines Bruders auch meine Seele sehr berührt hat. Ich konnte zwei Jahre nicht singen", erklärte er. Als die Stimme wiedergekommen sei, habe er sich für den Jazz entschieden, der ihn immer gereizt habe. Und: "Ich wollte immer aus der Klassik zurücktreten in einem Zustand, in dem ich noch sehr gut singen konnte."