Polarwirbelsplit droht: Kommt jetzt die eisige Kälte nach Deutschland?

Ein historischer Polarwirbelsplit droht: Kommt jetzt der Kälteschock? Welche Auswirkungen ein Bruch auf das Wetter in Deutschland hat.
Christian Weihrauch |
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Der Polarwirbel über der Arktis ist ein wichtiger Taktgeber für das Wetter im Winter.
Der Polarwirbel über der Arktis ist ein wichtiger Taktgeber für das Wetter im Winter. © Ulf Mauder

Der Polarwirbel über der Arktis ist ein wichtiger Taktgeber für das Wetter im Winter in Deutschland. Nach aktuellen Prognosen droht in den kommenden Tagen ein Polarwirbelsplit – und das zum historischen Zeitpunkt. Es wäre der früheste Split seit Beginn der Auswertungen im Jahr 1958. Doch wie wahrscheinlich ist ein Polarwirbelsplit wirklich? Und welche Auswirkungen hätte er für das Wetter in Deutschland, Bayern und München? Diplom-Meteorologe Dominik Jung ordnet die aktuellen Prognosen für die AZ ein.

Doch was genau ist der Polarwirbel und was macht einen Split so ungewöhnlich? Der Polarwirbel ist ein riesiges Tiefdruckgebiet über der Arktis. Es baut sich dort im Herbst und Winter in der Stratosphäre in einer Höhe von 15 bis 50 Kilometern auf. Starke Westwinde umkreisen den Polarwirbel und halten die kälteste Luft weitgehend über dem Polargebiet fest.

Historischer Polarwirbelsplit droht: Was daran ungewöhnlich ist

Bei einem Split passiert Folgendes: Ein kräftiges Hoch in der Stratosphäre spaltet den Wirbel in zwei Teile auf. Das passiert meistens, wenn sich die Stratosphäre plötzlich erwärmt. Die Luft erwärmt sich innerhalb weniger Tage massiv und die Westwinde brechen ein oder drehen auf Osten.

Ein Polarwirbelsplit an sich ist nichts Ungewöhnliches. Er kommt im Schnitt etwa sechsmal pro Jahrzehnt vor, meist im Januar und Februar. "Ungewöhnlich ist diesmal der Zeitpunkt, denn Anfang November befindet sich der Wirbel noch im Aufbau. Eine vollständige Windumkehr wäre die früheste seit Beginn der Auswertungen im Jahr 1958, der bisherige Rekord datiert auf den 28. November", erklärt Jung.

So wahrscheinlich ist ein Polarwirbelsplit

Doch wie wahrscheinlich ist aktuell ein Polarwirbelsplit? "Gesichert ist eine deutliche Schwächung des Polarwirbels. Wie stark sie ausfällt, ist noch offen", sagt Jung. Auslöser dafür ist ein ausgeprägtes Hoch zwischen Skandinavien und dem Ural, das kräftige Wellen bis in die Stratosphäre schickt und den Wirbel abbremst.

Kommt es zum Polarwirbelsplit? Er könnte Frost und Kälte nach Deutschland bringen.
Kommt es zum Polarwirbelsplit? Er könnte Frost und Kälte nach Deutschland bringen. © Felix Kästle

Die Wettermodelle berechneten zuletzt eine Aufspaltung mit zwei Kernen über Sibirien und Kanada. Bei der vollständigen Windumkehr waren sie sich aber nicht einig: Je nach Ensemble lag die Wahrscheinlichkeit bei 96, 71 oder 37 Prozent. "Ich halte eine vorübergehende Aufspaltung für realistisch, aber nicht für sicher. Auch dann dürfte sie eher kurzlebig sein, denn der Wirbel erholt sich nach einer so frühen Störung häufig wieder", ordnet Jung ein.

Polarwirbel ist ein wichtiger Taktgeber für das Wetter in Deutschland

Der Polarwirbel ist ein wichtiger Taktgeber für das Wetter – auch in Deutschland. "Aber er ist nicht der einzige", betont Jung. Ein starker und stabiler Polarwirbel begünstigt kräftige Westwinde. Sie bringen milde und feuchte Atlantikluft nach Deutschland. In diesem Szenario sind kalte Winterphasen dann eher selten.

Ganz anders sieht es aus, wenn der Polarwirbel geschwächt ist. Dann gerät die Strömung leichter ins Stocken und Hochdruckblockaden im Norden werden wahrscheinlicher. Dadurch kann die Kaltluft weiter nach Süden vordringen.

So wirkt sich ein Polarwirbelsplit auf das Wetter in Deutschland aus

Was bei einem Polarwirbelsplit möglich ist, zeigt das Wetter im Februar 2018. Der Polarwirbel zerbrach und brachte zwei Wochen später sibirische Kälte nach Europa. In Deutschland gab es in manchen Regionen zweistellige Minusgrade. "Das ist aber kein Automatismus. Grob nur zwei von drei Ereignissen wirken sich überhaupt bis zum Boden aus. Ob Deutschland dann in der Kaltluft liegt, entscheidet sich oft erst kurzfristig. Der Polarwirbel verschiebt also Wahrscheinlichkeiten, er liefert aber keine verlässliche Prognose für den ganzen Winter", ordnet Jung ein.

Doch wie würde sich ein aktueller Polarwirbelsplit auf das Wetter in Deutschland auswirken? "Unmittelbar zunächst gar nicht. Was sich in rund 30 Kilometern Höhe abspielt, kommt nicht automatisch am Boden an, und wenn doch, dann meist erst nach zwei bis sechs Wochen", so Jung.

Polarwirbel bricht: Diese drei Szenarien gibt es

Es gibt drei mögliche Szenarien, die eintreten können. Zwei von ihnen betreffen Deutschland nicht. Im ersten fließt die Kaltluft nach Nordamerika oder Asien und verfehlt Deutschland. Beim zweiten bleibt die Störung auf die Stratosphäre beschränkt und am Boden passiert wenig.

Bringt der Polarwirbelsplit Frost und Kälte nach Deutschland? So soll das Wetter im November werden.
Bringt der Polarwirbelsplit Frost und Kälte nach Deutschland? So soll das Wetter im November werden. © Karl-Josef Hildenbrand

Ganz anders das dritte Szenario, das Deutschland betrifft: Die Westströmung über dem Atlantik bricht zusammen und es bilden sich Hochs über Skandinavien oder Grönland. Die Kaltluft aus Nordosten oder Osten kommt dann nach Deutschland und bringt Frost und Schneechancen bis ins Flachland.

Wetter im November: So stehen die Chancen auf Frost und Kälte

"Dazu kommt: So früh im Jahr ist die Atmosphäre noch nicht im Hochwinter-Modus, die Folgen sind deshalb schwerer abzuschätzen und möglicherweise schwächer. Die Kälte um den 10. November, die einzelne Modellläufe zwischenzeitlich gerechnet hatten, hat sich bislang nicht bestätigt", betont Jung.

In den aktuellen Langzeitprognosen für November zeichnet sich ein früher Wintereinbruch jedenfalls nicht ab. Das europäische und das amerikanische Wettermodell rechnen beide damit, dass der November deutlich zu warm ausfällt. Während das amerikanische Modell sogar eine Abweichung von +2 bis +3 Grad prognostiziert, liegt das europäische Modell mit seiner Prognose etwas darunter.

Wetter in München und dem Umland: Aktuelle Vorhersagen sind sich einig

München und das Umland schließen sich diesem Trend an. Normalerweise liegen die Temperaturen in München bei rund 4 bis 5 Grad. Die Höchstwerte betragen dabei etwa 8 bis 9 Grad, die nächtlichen Tiefstwerte liegen knapp über dem Gefrierpunkt. "Für diesen November erwarte ich ein Monatsmittel eher im Bereich von 6 bis 7 Grad. Tagsüber sind häufiger zweistellige Höchstwerte von 10 bis 14 Grad möglich. Bei Föhn kann es im Alpenvorland auch einmal deutlich milder werden, 15 Grad und mehr sind dann nicht ausgeschlossen", erklärt Jung.

Jungs Fazit zum Polarwirbelsplit: "Eine frühe Störung im November bedeutet nicht automatisch einen kalten Winter. Die Saisonmodelle zeigen weiterhin überwiegend positive Temperaturabweichungen, und auch der Klimatrend spricht dafür. Das schließt Frost und Schnee bis in tiefere Lagen nicht aus, eine lange geschlossene Schneedecke halte ich aber für unwahrscheinlich."

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