Offensiv ins Finale: Kompany kennt nur einen Stil gegen PSG

Vincent Kompany verblüffte 30 Stunden vor dem Showdown mit Paris Saint-Germain um das ersehnte Champions-League-Finale. Erhöhter Puls? Totale Anspannung? Nichts da. "Bei mir überwiegt die innerliche Ruhe. Ich versuche, die Emotionen vom Spiel nicht zu früh eine Rolle spielen zu lassen", berichtete der Bayern-Coach. Und er verriet: "Ich überlege schon, was der letzte Satz sein kann, um die Mannschaft nochmal zu motivieren."
Ring frei, Runde zwei. Alle Fußball-Liebhaber warten gebannt auf den ultimativen Schlagabtausch der beiden Vollgas-Teams im Halbfinal-Rückspiel an diesem Mittwoch (21.00 Uhr/DAZN). "Jetzt geht's los. Jetzt ist Crunchtime angesagt. Es ist ein großes Spiel. Wir sind alle sehr heiß auf das Spiel und bereit, alles zu geben", verkündete Nationalspieler Jonathan Tah.
"Alle in Rot" für einen "Wahnsinnsmoment"
Das verschworene Münchner Meister-Ensemble will Titelverteidiger PSG mit aller Macht von Europas Thron stürzen. Auch mit Hilfe der Fans in der mit 75.000 Zuschauern ausverkauften Allianz Arena. Diese sollen - wie schon beim irren 4:3 im Viertelfinale gegen Real Madrid - wieder der zwölfte Mann sein. "Alle in Rot", lautet der Dresscode. Passend dazu laufen auch Kane und Co. erstmals im knallroten, neuen Heimtrikot der kommenden Saison auf.
"Wir stehen hier am Ende der Saison. Und wir haben schon so viele Wahnsinnsmomente erlebt. Gemeinsam mit den Fans wollen wir diesen Abend unvergesslich machen", sagte Kompany.
Runde eins ging beim 5:4-Spektakel vor einer Woche in Frankreich an PSG mit Erfolgscoach Luis Enrique. Nun kommt es im Finale vor dem Finale am 30. Mai in Budapest in einer brodelnden und in Rot getauchten Allianz Arena zur Entscheidung. In 90 Minuten? Nach 120 Minuten? Oder sogar erst in einem dramatischen Elfmeterschießen?
Kann der Neun-Tore-Wahnsinn aus dem Prinzenpark von den fantastischen Sturmreihen um Harry Kane, Michael Olise und Luis Díaz auf Münchner Seite sowie Ousmane Dembélé, Chwitscha Kwarazchelia und Desiré Doué bei PSG sogar noch mal getoppt werden? Sieben der neun Hinspiel-Tore erzielten diese Angreifer. "Pervers geil", nannte Sportvorstand Max Eberl das Offensivfest.
Kompany: Nicht verlieren, was uns stark macht
Jeder wünscht sich ein weiteres mitreißendes, intensives, temporeiches Duell zweier Kollektive, deren DNA auf einem kompromisslosen Offensivstil basiert. Der neue Trainerstar Kompany und der hochdekorierte Champions-League-Sieger Enrique werden kaum zurückweichen und ihre Philosophie verraten.
"Wer sollte einen Schritt zurück machen?", fragte Kompany. "Wir nützen die Mittel, die wir haben. Mehr ist es nicht. Das Einzige ist, dass dieser Fußball die Überzeugung ist, dass er zur Mannschaft passt und dass wir so gewinnen. Ich möchte gerne zu null spielen. Aber was nicht passieren darf, ist, dass wir etwas verlieren, was uns stark macht." Enrique würde es nicht anders ausdrücken. Für PSG ist die Münchner Arena zudem ein Ort des Glücks: 2025 überrollten die Franzosen mit ihrer Offensiv-Power im Endspiel Inter Mailand mit 5:0.
Das Gigantenduell könnte den Beweis erbringen, dass auch die pure Lust zum Angreifen Titel einbringen kann. "Das ist das, was den Fußball ausmacht - die Offensive", sagte Eberl zum Spektakel-Faktor. "Wir können andere Spiele haben, in denen die Defensive dominiert, die gehen 1:0 aus mit Eckballtor."
"Ich möchte auch gerne zu null spielen"
Für den ehemaligen Weltklasse-Verteidiger Kompany war "ganz logisch, was passiert ist in Paris. Ich möchte auch zu null spielen, gerne. Das ist immer ein Ziel von uns." Und das hätte man ja auch erst jüngst beim 2:0 im Pokal-Halbfinale in Leverkusen überragend geschafft, erinnerte der 40-Jährige.
Dann folgte Kompanys großes Aber: "Es gibt keinen Grund, warum PSG etwas ändern sollte, was sie im letzten Jahr zur besten Mannschaft in Europa gemacht hat. Und wir sind in dieses Duell gekommen als die Mannschaft, die in Europa die meisten Tore gemacht und die meisten Spiele gewonnen hat."
Bayerns Hoffnungen ruhen darum auf dem furiosen Angriffstrio Kane (54 Tore), Díaz (26) und Olise (21), das in 51 Saisonspielen auf unfassbare 101 Treffer kommt. Paris und Bayern sind mit 43 beziehungsweise 42 Toren die Teams mit den meisten Treffern in dieser Königsklassen-Saison. Also: Vollgas ins Finale!
Kann kontrollierte Offensive eine Lösung sein? Ruhephasen gönnen diese beiden Pressing-Maschinen üblicherweise dem Gegner nicht. Ein Umdenken auf "safety first" scheint absurd. "Unsere Spielweise hat uns dahin gebracht, wo wir sind", sagte Verteidiger Tah. "Wir werden uns nicht hinten einigeln", äußerte Taktgeber Kimmich. Er verwies auf die Aufgangslage. "Wir liegen ein Tor hinten. Wir sind die Mannschaft, die auf jeden Fall ein Tor braucht."
Hakimi-Ausfall Handicap für Paris
Ein 1:0, 2:1, 3:2 oder ein weiteres 5:4 würde Verlängerung bedeuten. Wenn es dazu kommt, könnte es Vorteil Bayern heißen. In Paris lag die Kompany-Elf 2:5 zurück, hatte aber am Ende mehr zuzusetzen, kam noch heran. Paris hat zudem ein Handicap: Der ehemalige Dortmunder Achraf Hakimi fällt verletzt aus. Der 20-jährige Warren Zaïre-Emery könnte die Notfall-Lösung rechts hinten sein - gegen den schon in Paris herausragenden Luis Díaz.
Klar ist auch: Der Spielstand beeinflusst die Dynamik auf dem Spielfeld im Rückspiel viel mehr als im Hinspiel. Beim Anstoß ist PSG weiter. Bayern muss auf Sieg spielen - Paris kann auf sein Turbo-Umschaltspiel mit den Hochgeschwindigkeits-Stürmern Dembélé, Kwarazchelia und Doué setzen.
Neuer noch einmal X-Faktor?
"PSG ist eine gute Kontermannschaft - und das haben wir auch schon gegen Real erlebt", warnte Kapitän Manuel Neuer. Madrid lag im Viertelfinale dreimal vorne in München. Kann der 40-jährige Neuer, der in Paris bei allen fünf Gegentoren machtlos war, im Rückspiel zum X-Faktor werden?