Nur eine Zugstunde von München entfernt: Diese Berghütte bietet ein Panorama wie aus dem Bilderbuch
Am Nachmittag schwappt von Bayern her der Hochnebel über die Ausläufer des Zahmen Kaiser. Später geht die Sonne dann über einem Nebelmeer unter, aus dem im Vordergrund ein paar Bäume ragen, während im Hintergrund der Wendelstein, das Rotwandmassiv, der Guffert und die Karwendelkette sichtbar bleiben.
Die Vorderkaiserfeldenhütte oberhalb von Kufstein hat eine phänomenale Aussicht. Sie ist von München aus leicht erreichbar: Kufstein, eine gute Zugstunde vom Ostbahnhof entfernt, ist nun nicht nur Grenzbahnhof in Österreich, sondern auch des MVV. Von dort fährt ein Stadtbus zum auch als Sparchenstiege bekannten Kaisertalaufstieg (gebührenpflichtiger Parkplatz).
Zwei Stunden später ist die Ritzau-Alm erreicht. Noch einmal 20 recht steile Minuten höher liegt auf 1388 Metern der 1901 eröffnete und nun für 5,3 Millionen Euro erneuerte Bau. Sie ist eine der 16 Hütten der Alpenvereinssektion München & Oberland. Und die wiederum steht nach dem FC Bayern, Borussia Dortmund und Schalke 04 hinsichtlich der Mitgliederzahl an vierter Stelle deutscher Sportvereine.
Materialien aus der Umgebung
Bei der Sanierung spielte entsprechend dem Selbstverständnis des Deutschen Alpenvereins die Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle, erklärt Christian Taufenbach. "Die Hütte stand jetzt über 100 Jahre und war im vorderen Teil nicht zu halten, weil sie den Regeln des Arbeits- und Brandschutzes nicht mehr entsprach. Außerdem war der Holzbau nachts sehr hellhörig“, sagt der Architekt, der sich ehrenamtlich als Referent für diese Hütte engagiert.
Die Nachhaltigkeit wurde bei der Sanierung konsequent umgesetzt: Das unbehandelte Lärchen- und Fichtenholz des Neubaus stammt aus der Region. Für die neue Ofenverkleidung wurde Nagelfluh aus Brannenburg verwendet, der nur 18 Kilometer entfernt in Bayern gewonnen wird.

Die Fenster kamen aus Ebbs, der Talgemeinde unterhalb der Hütte, die Türen aus Westendorf – ebenfalls nur wenige Fahrminuten entfernt. Auch die Fotovoltaikmodule wurden zu 100 Prozent in Österreich produziert. Ihr Strom reicht an einem gut besuchten Tag bei Sonnenschein für den kompletten Küchenbetrieb.

Das Abbruchmaterial der alten Hütte hat man nicht abtransportiert, sondern im Fundament des Neubaus verwendet. "Auch den Zement haben wir, anders als üblich, direkt auf der Baustelle mischen lassen und nur das wirklich nötige Material hochgefahren“, so Taufenbach. Auf Hubschrauberflüge wurde verzichtet und stattdessen eine temporäre Materialseilbahn eingerichtet.
Ein Erlebnis schaffen
Geplant wurde die Sanierung vom Innsbrucker Büro Imgang, das einen Wettbewerb mit sechs Teilnehmern für sich entschied. Bei der Wahl der Materialien war die Recyclingfähigkeit von großer Bedeutung: Die Dachdämmung aus Zellulose kann erneut verwendet werden. Die Massivholzdielen sind genagelt und nicht verklebt. Sie lassen sich bei Bedarf problemlos wieder ausbauen - der Materialkreislauf bleibt so erhalten.
Taufenbach versteht Nachhaltigkeit aber weiter: "Uns kam es beim Bau darauf an, dass sich Besucher merken, wo sie waren. Die grandiose Aussicht haben wir geschenkt bekommen. Wir haben versucht, einen gestalterischen Akzent zu setzen: etwa mit Enzian-Lampen, die auf das Symbol unserer Sektion anspielen, oder mit aufgearbeiteten Stühlen aus der alten Hütte, die sandgestrahlt und in Farben gestrichen wurden, die Le Corbusier entwickelt hat.“

Eine der kleineren Stuben zitiert die Vergangenheit, die größeren Räume sind in einer modernen, hellen Schlichtheit gehalten. "In der blauen Stube gibt es an der Wand rote Streifen. Die Breite der Bretter entspricht der Länge von Wörtern. Da haben wir drei Sinnsprüche des 2013 verstorbenen Innsbrucker Bischofs Reinhold Stecher verarbeitet, der viel über Berge geschrieben hat“, so Taufenbach.

Derlei mag mancher Bergsteiger für verspielt oder verkopft halten. "Eine Neugestaltung darf nicht nur auf eine Vereinfachung hinauslaufen“, sagt der Hüttenreferent. "Sie kann auch den geistreichen Einsatz dessen bedeuten, was wir heute machen können. Auch das halte ich für nachhaltig, weil wir so einen Erinnerungswert schaffen."
Für Traditionalisten und Modernisten
Spektakulär ist im Inneren der Hütte der Übergang zwischen den neuen Räumen mit Schlafkojen und Toiletten und dem alten Gebäude. Eine im Stil einer Außenfassade verschindelte Innenwand markiert die Grenze. Dahinter liegen die alten, dunklen Räume aus dem Jahr 1913, die heute urig wirken, damals wegen der für eine Hütte ungewöhnlichen Dampfheizung aber als hotelartig wahrgenommen wurden.

Deren klobige Heizkörper sind noch immer da, einschließlich der historischen Münzautomaten. Bei meinem Besuch buchten einige sanft erschrockene Gäste nach der Besichtigung vom historischen Zweibettzimmer sogleich auf die modernen Mehrbettzimmer mit Zweier-Schlafkojen um.
Der museale Altbau dürfte trotzdem weiterhin Traditionalisten ansprechen, die bereits Duschen als Verrat an der alpinistischen Idee empfinden. Sie sollten allerdings nachts Ohrstöpsel bereithalten. Im Winter sind diese nicht heizbaren Räume allerdings geschlossen.

Neu errichtet wurde auch ein großes Haus für Selbstversorger neben der Hütte. Untypisch für beide Gebäude ist der Anschluss an die Kanalisation des Kaisertals. Aufbereitetes Trinkwasser liefern zwei Quellen über einen Hochbehälter in der Nähe, die auch in trockenen Sommern nicht versiegen. "Zusätzlich haben wir einen 15 Kubikmeter fassenden Brauchwassertank vergraben, mit dem die Toiletten gespült werden“, erklärt Taufenbach.
Tour zur Pyramidenspitze
Nach einigen Nutzungsjahren vergibt der Alpenverein ein Umweltgütesiegel, bei dem auch der laufende Betrieb einbezogen wird. Der scheint gut zu laufen, denn die Hütte ist auf einem steilen Fahrweg leicht zu erreichen, über den das Pächterpaar Isabell Schwaninger und Bernd Graf mit dem Geländewagen Lebensmittel nach oben und ihr Kind zum Kindergarten ins Tal fährt.
Wer es alpiner schätzt, für den beginnt gleich hinter der Hütte der Steig zur Naunspitze (1633 Meter) und weiter auf die mit Latschen bedeckte Hochfläche des Zahmen Kaisers.

In zwei Stunden ist man auf der 1997 Meter hohen Pyramidenspitze, dem beliebtesten Gipfel des Massivs. Die Tour ist auch im Winter mit Schneeschuhen machbar und gilt wegen der geringen Lawinengefahr auch als einsteigertauglich.
Und diese Mischung aus leichter Erreichbarkeit und attraktiven Zielen macht die Vorderkaiserfeldenhütte seit 130 Jahren so beliebt.
Ganzjährig geöffnet, Betriebsurlaub: 25.1. bis 28.2., Buchung: hut-reservation.org/reservation/book-hut/307/wizard
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