Notschlachtungen in Zoos wegen Corona: Völlig absurd

Ein Tierpark in Neumünster ringt um Geld für Futter und erwägt drastische Maßnahmen. Die AZ hat in bayerischen Tiergärten nachgefragt – die sind entsetzt über solche Überlegungen.
| Rosemarie Vielreicher
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Tierpark-Chef Rasem Baban fordert, mehr Besucher in den Zoo zu lassen.
dpa Tierpark-Chef Rasem Baban fordert, mehr Besucher in den Zoo zu lassen.

München - Diese Nachricht lässt Tierfreunde erst einmal schlucken: Der Tierpark Neumünster in Schleswig-Holstein hat wegen der Corona-Zwangsschließung Notpläne für das Schlachten seiner Tiere erstellt. Dort steht auch, wer im Ernstfall zuletzt auf die Schlachtbank kommt: Es ist Eisbär "Vitus", sagt Zoodirektorin Verena Caspari.

Der Hintergrund: Der Tierpark hat keine Besucher und damit auch keine Einnahmen mehr. Er wird jetzt ausschließlich durch Spenden am Leben erhalten. "Wir sind ein Verein", erklärt Caspari. "Wir bekommen keine städtischen Gelder, und alles, was wir bis dato an Landesgeldern beantragt haben, ist noch nicht eingetroffen."

Noch reiche das Geld. "Doch wenn – und das ist wirklich der allerworst, Worst Case – wenn ich kein Geld mehr habe, Futter zu kaufen, oder wenn es passieren sollte, dass mein Futterlieferant aufgrund neuer Restriktionen nicht mehr liefern kann, dann würde ich Tiere schlachten, um andere Tiere zu füttern." Das wäre aber der allerletzte Schritt.

Düstere Zukunftsszenarien. Wie aber schaut es in bayerischen Zoos aus? Gibt es dort auch solche Pläne? Die AZ hat nachgefragt:

Tierpark München über Schlachtung: "Es ist vollkommen absurd"

Bestes Wetter, Frühlings-erwachen – und der Zoo ist menschenleer. Für den Chef des Tierparks Hellabrunn, Rasem Baban, ist das "sehr unwirklich, sehr surreal", wie er der AZ gestern erzählte. Seit 17. März ist der Zoo nun geschlossen, noch bis zum 19. April. Mindestens. Die finanzielle Auswirkung ist dagegen schon schmerzlich real: "Bis dahin wird uns ein Schaden entstanden sein von rund zwei Millionen Euro. Das ist Fakt." Jeden Tag habe die Einrichtung Kosten in Höhe von 50 000 Euro. Löhne, Energie, Futter und mehr.

Tierpark-Chef Rasem Baban fordert, mehr Besucher in den Zoo zu lassen.
Tierpark-Chef Rasem Baban fordert, mehr Besucher in den Zoo zu lassen. © dpa

Dennoch sagt Baban ganz klar: "Es ist vollkommen absurd, darüber nachzudenken, dass man Tiere wegen einer finanziellen Notlage schlachtet. Das ist für uns in Hellabrunn indiskutabel, solche Pläne gibt es nicht und solche werden wir auch nicht erstellen."

Das fehlende Geld müsse nun vom Tierpark kompensiert werden. "Wir werden dieses Geld nicht im Rest des Jahres erwirtschaften können, diesen Schaden werden wir mitziehen", so seine Prognose. Baban setzt darauf, mit den Zoobesuchern in Kontakt zu bleiben. Mit Abstand, versteht sich. Stichwort: Soziale Medien. "Wir haben zum Beispiel ‚Hellabrunn für Zuhause‘ gegründet", erzählt er. Jeden Tag gibt es Videos, Bilder, Berichte, teils mit Live-Aufnahmen. Auch einen kostenlosen Podcast hat man ins Leben gerufen. "Der wird super nachgefragt, das macht uns glücklich."

Finanziell unterstützen können Tierfreunde den Zoo, indem sie etwa einen Jahreskartengutschein kaufen (per Telefon oder E-Mail). Auch ein Engagement im Förderkreis hilft, ebenso Tierpatenschaften oder Spenden. Übrigens: Nicht nur die Menschen haben Sehnsucht nach ihrem Zoo. "Wir merken, dass einige Tierarten, etwa Primaten, ihre Besucher und die Interaktion vermissen." Die Pfleger beschäftigten sich noch mehr mit ihnen. Immer mit höchsten hygienischen Standards, so Baban.

Straubinger Tierpark: "Wir haben Futter für zehn Wochen eingelagert"

Pläne für Notschlachtungen von Zootieren? Auf keinen Fall, das sei hier kein Thema. "Null Komma Null", sagt Direktor Wolfgang Peter gestern recht energisch zur AZ. In dem ostbayerischen Tiergarten mit Löwen, Tigern und auch Braunbären verschwendet man keinen Gedanken an solche drastischen Maßnahmen wie in Neumünster. "Wir haben Futter für zehn Wochen eingelagert", versichert der Zoo-Chef. Punkt.

Natürlich fehlten die Einnahmen und natürlich habe man Pläne gehabt für das laufende Jahr – zum Beispiel wollte man Gehege verschönern. Aber diese Pläne müssten jetzt eben verschoben werden. Von der zunehmenden Ungeduld, das öffentliche Leben müsse schnellstmöglich wieder zur Normalität zurückkehren, hält er nichts. Man habe es schließlich mit einer Pandemie zu tun.

Es brauche Geduld. Auch im Zoo. Davon abgesehen hätten er und sein Team sowieso alle Hände voll zu tun. "Wir sind jeden Tag da, arbeiten ganz normal." Schließlich sei ein Zoo ein Pflegebetrieb, man müsse sich trotz Krise um die Tiere kümmern. "Wir beschäftigen unsere Tiere auch", sagt Peter. Deswegen würden etwa Rosinen, Nüsse oder auch Honig im Gehege verteilt, die Tiere sollen für die Snacks aktiv werden.

Zoo in Nürnberg hat keine Pläne für Schlachtung

Der Leitende Direktor des Zoos in Nürnberg, Dag Encke, teilt auf AZ-Anfrage mit: "In Nürnberg gibt es keine Engpässe in der Versorgung der Tiere, so dass auch keine pandemiebedingten Veränderungen in der Ernährung vorgenommen werden. Es gibt auch keine entsprechenden Pläne."

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