Nachlass aus dem Eis: Uraltes Tagebuch in Gletscher gefunden

Vom Nanga Parbat nach Oberbayern: 81 Jahre nach dem Tod des Bergsteigers Peter Müllritter gibt der Gletscher das Tagebuch des Trostbergers frei. Die DAV-Sektion nimmt sich des Schatzes an.
| Ruth Schormann
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Bergsteiger Peter Müllritter aus Trostberg. Von ihm stammt das jetzt entdeckte Tagebuch.
DAV-Sektion Trostberg 2 Bergsteiger Peter Müllritter aus Trostberg. Von ihm stammt das jetzt entdeckte Tagebuch.
Vereinsarchivar und Ex-Vorsitzender Herwig Höger hat die vergilbten, zerknitterten Seiten untersucht und entziffert.
DAV-Sektion Trostberg 2 Vereinsarchivar und Ex-Vorsitzender Herwig Höger hat die vergilbten, zerknitterten Seiten untersucht und entziffert.

Trostberg - Zweimal hat sich der Bergsteiger, Fotograf und Kameramann mit seinen Spezln nach Asien aufgemacht, zum "Schicksalsberg der Deutschen", dem Nanga Parbat, mit 8.125 Metern der neunthöchste Berg der Welt.

Er ist auch Müllritters Schicksalsberg geworden – im Juni 1937 überrascht eine Eislawine die schlafenden Bergentdecker. Die Expeditionsteilnehmer und ihre Sherpas sterben – darunter der 30-jährige Müllritter aus Trostberg, dessen Leiche nie gefunden wird. Dafür aber jetzt, 81 Jahre später, sein Tagebuch, das eindrucksvolle Schilderungen über seine beiden Expeditionen enthält.

Bergsteiger Peter Müllritter aus Trostberg. Von ihm stammt das jetzt entdeckte Tagebuch.
Bergsteiger Peter Müllritter aus Trostberg. Von ihm stammt das jetzt entdeckte Tagebuch. © DAV-Sektion Trostberg

Es klingt nach unglaublich vielen Zufällen, wie dieses spannende Dokument nach so langer Zeit wieder zurück nach Bayern gekommen ist: Wie die DAV-Sektion seiner Heimat mitteilt, hat ein Franke ein Schulprojekt in Pakistan, am Fuße des Nanga Parbat, unterstützt und Besuch seiner Schützlinge bekommen. Sie besuchen gemeinsam Fritz Bechtold, heute ein Mann in den 80ern. Er lebt im gleichen Ort nahe Nürnberg wie der Schulprojekt-Unterstützer.

Restauratoren machen das Tagebuch teilweise wieder lesbar

Dessen Vater selbst war viermal in den 30er-Jahren auf dem Berg unterwegs – ein Kamerad Müllritters. Ein junger Mann erzählt, dass der Rakhiot-Gletscher Gegenstände freigegeben hat (der Klimaerwärmung sei ausnahmsweise einmal gedankt). Bechtold bekommt das vergilbte, zerknitterte Notizbüchlein eines deutschen Expeditionsteilnehmers. Es stammt von Müllritter. Nun also sucht Bechtold Kontakt zu dem Verein, in dem der am Nanga Parbat Verunglückte selbst schon Mitglied war – der DAV-Sektion Trostberg, schildert deren Tourenreferent Armin Kain.

Dort nimmt sich Herwig Höger, Vereinsarchivar und ehemaliger Vorsitzender der Trostberger Sektion, den auf den ersten Blick unleserlichen, welligen Seiten an, wie er beschreibt. Doch mit Hilfe von Restauratoren, viel "Muße, Fachwissen und Leidenschaft" schafft er es, den Inhalt der Tagebuch-Seiten zu entziffern, so Sektions-Schriftführerin Ingrid Klein.

Vereinsarchivar und Ex-Vorsitzender Herwig Höger hat die vergilbten, zerknitterten Seiten untersucht und entziffert.
Vereinsarchivar und Ex-Vorsitzender Herwig Höger hat die vergilbten, zerknitterten Seiten untersucht und entziffert. © DAV-Sektion Trostberg

Müllritter beschreibt die schreckliche Erschöpfung, gewaltige Stürme, und wie er im Schnee erfrorene Kameraden versucht einzugraben, bis schließlich der Entschluss fällt, ins Basis-Lager abzusteigen (siehe Auszüge unten). Die Einträge stammen aus Müllritters erster Expedition 1934. Drei Jahre später wagt er sich nochmals in den Westhimalaya – und findet dort selbst den Tod.

Wie Höger mitteilt, lagert das Tagebuch nun in einem speziellen, säure- und laugenfesten Behälter, um den Schatz zu konservieren.


Diese Textpassagen hat Herwig Höger bereits entziffert. Sie schildern eindrucksvoll die Angst und die Probleme auf der Expedition 1934, die Peter Müllritter umtrieben.

12.VII. Der gestrige Tag brachte traurige Stunden. Um 4 Uhr sah ich 8 Leute am Rakhiot absteigen bei einem wahnsinnigen Schneesturm. Wir hofften fest, dass es drei Sahibs sind mit ihren … boys (?). Um 7 h waren sie am …. Gletscherbruch und wir … Kuli zur Hilfeleistung … (….)

Fritz ist mit drei Kulis, Kikuli, Kitta, Da Thunda ins H. L. (Hauptlager) abgestiegen. Parsang liegt noch erschöpft … Er erzählt, dass der Sahib am 9. aus Lager 8 den Befehl zum Umdrehen gab, als der Sturm gewaltig wurde, dass sie …. die Zelte mit Seilen festmachen möchten. Trotzdem können sie nicht verhindern, dass der Orkan die Zeltstäbe knickte: Nima Dache und Pinzo Nurdu ….. mit Müh und Not Lager 7 …… von Schnee frei. (…)… in einer (Eishöhle) schliefen, da sie das Zelt nicht mehr fanden. Nach einer grauenhaften Nacht versuchten sie am anderen Tag, den Rakiot T zu erreichen. Doch verliefen sie sich im Schneesturm … Unterdessen holten sie die anderen Kulis (Kitar, …,Tundu, Nina Taschit), die ebenfalls den Heimweg angetreten haben, ein. Am RP (Rakiot Peak) ging dann der Sturm so stark, dass Pintior Nurbu, Nima Dorse und Nima Taschit zurückblieben.

Wir versuchten, Leute nach L. V zu kommen um evtl. Rettung zu bringen. Doch absolut unmöglich. Der tiefe Neuschnee und der arge Sturm macht es einfach unmöglich.

13.VII. Schneider, Aschenbrenner und ich haben heute zum Lager V gespurt. Wir mussten teilweise bis zum Bauch im Schnee waten und brauchten 6 Stunden. Von den Zelten sahen wir nur 30 cm aus dem Schnee hervorstehen. 5 m neben einem Zelt lag … Nurbi erfroren. Ich begrub ihn an Ort und Stelle, während A. und Sch. nach den anderen 2 suchten. Wie jeden Tag am Mittag setzte auch heute wieder ein Schneesturm ein…. So konnten wir die anderen Toten, die bei den Felsen am Rakiot in den Seilen hängten, nicht mehr ausgraben. (…)

Wir sind in ganz großer Sorge und befürchten das Schlimmste, denn die Leute haben ja seit dem 6. VII. nichts zu essen… (…) Wir warten …. Die Angst wird immer größer und wir geben die Hoffnung bald auf.

14. VII. Wir haben beschlossen, nachdem die Lebensmittel zu Ende gehen und vor allem auch das Brennmaterial, dass ich mit dem kranken Pasang und den anderen Kulis nach Bas. Camp absteigen soll.

15. VII. Gestern bin ich gut, d. h. nach einem mehr als anstrengendsten Marsch (11 Std ?) im Bas Camp angekommen. Hier ist eine … Frühlingslandschaft. Doch die Sorge um die anderen ist groß (…)

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