Interview

Münchner Experte: Das erwartet er von der neuen Abnehmpille

Seit drei Jahren gibt es die Abnehmspritze Wegovy in Deutschland. Und bald soll eine Abnehmpille folgen. Thorsten Siegmund vom Hormonzentrum München am Isar Klinikum zieht ein Fazit und erklärt, was die beiden Mittel unterscheidet.
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Ein übergewichtiger Mann schaut sich seinen zu dicken Bauch an. Beim Abnehmen helfen kann die Abnehmspritze. Aber es gibt einiges zu beachten.
Ein übergewichtiger Mann schaut sich seinen zu dicken Bauch an. Beim Abnehmen helfen kann die Abnehmspritze. Aber es gibt einiges zu beachten. © imago/Michael Bihlmayer

Endlich abnehmen, überschüssige Kilos verlieren: Viele Menschen in Deutschland und Bayern wünschen sich das. Sie schaffen es aber auf Dauer nicht. Ein Lichtblick für sie war die Abnehmspritze.

Seit Juli 2023 ist in Deutschland Wegovy auf dem Markt. Und bald soll die Abnehmpille folgen. Welches Fazit lässt sich nach drei Jahren ziehen und was erwartet uns mit dem neuen Medikament? Der Münchner Mediziner Thorsten Siegmund vom Hormonzentrum München teilt seine Einschätzung mit der AZ.

Er ist seit zehn Jahren verantwortlich für den Fachbereich Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Isar Klinikum München. Zudem gründete er dort das ambulante Diabetes-Hormon- und Stoffwechselzentrum als Privatpraxis. Sein zusätzliches Plus: Er hat die Abnehmspritze selbst probiert.

"Adipositas ist keine Frage mangelnder Disziplin"

AZ: Herr Siegmund, seit drei Jahren gibt es die Abnehmspritze Wegovy, seit 2,5 Jahren Mounjaro in Deutschland. Zeit für ein Fazit: Wie gut sind Abnehmspritzen im Kampf gegen Übergewicht wirklich?
THORSTEN SIEGMUND: Die Einführung von Wegovy war aus meiner Sicht ein Wendepunkt in der Behandlung der Adipositas. Zum ersten Mal können wir bei vielen Betroffenen Gewichtsreduktionen erreichen, die früher fast ausschließlich nach einer bariatrischen Operation (medizinischer Eingriff an Magen oder Darm, etwa eine Magenverkleinerung, d. Red.) möglich waren. Gleichzeitig hat sich unser Verständnis verändert: Adipositas ist keine Frage mangelnder Disziplin, sondern zu einem erheblichen Teil eine biologische Störung, letztlich eine chronische Erkrankung, bei der das Gehirn das Hungergefühl dauerhaft fehlreguliert. Genau hier setzen GLP‑1‑Medikamente an. An erster Stelle reduzieren sie Hunger und Heißhunger, fördern die Sättigung und erleichtern dadurch eine nachhaltige Ernährungsumstellung. Das eigentliche Ziel ist jedoch nicht die Kleidergröße, sondern weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle, Diabetes, Gelenkbeschwerden und Fettleber. Mein Fazit lautet daher: Diese Medikamente gehören zu den bedeutendsten Fortschritten der Stoffwechselmedizin der vergangenen Jahrzehnte.

Thorsten Siegmund hat die Abnehmspritze selbst probiert.
Thorsten Siegmund hat die Abnehmspritze selbst probiert. © Frank Prekratic

Welche Nebenwirkungen treten aus Ihrer Sicht am häufigsten auf – oder sind diese mittlerweile weitgehend ausgemerzt?
Am häufigsten sehen wir Übelkeit, Völlegefühl, Verstopfung, seltener Durchfall. Fast immer treten diese Beschwerden in den ersten Wochen auf und lassen mit der Zeit nach. Durch eine langsame Dosiserhöhung, die man auch individuell anpassen kann, erreichen fast alle Patienten therapeutische Dosen. Entscheidend ist die richtige Begleitung: kleine Mahlzeiten, ausreichend trinken, langsam essen und Geduld. Schwere Nebenwirkungen sind insgesamt selten.

"Das ständige Kreisen der Gedanken um Essen verschwindet"

Studien zu Langzeit-Folgen gibt es aufgrund der kurzen Zeit noch nicht. Macht Ihnen das Sorgen?
Respekt vor neuen Medikamenten ist immer richtig. Gleichzeitig kennen wir GLP‑1‑Rezeptoragonisten jetzt seit mittlerweile fast 20 Jahren aus der Diabetologie. Millionen Menschen wurden bereits behandelt. Hinzu kommen große Studien über einige Jahre, die sogar eine Verringerung schwerer Herz‑Kreislauf‑Ereignisse zeigen. Die Risiken einer unbehandelten Adipositas sind nach heutigem Wissen deutlich größer als die bislang bekannten Risiken der Therapie.

Welche Erfahrungen Ihrer Patienten mit der Abnehmspritze haben Sie bisher am meisten bewegt?
Viele berichten, dass zum ersten Mal das ständige Kreisen der Gedanken um Essen verschwindet. Manche sagen: "Zum ersten Mal bestimmt nicht mehr der Hunger mein Leben." Andere können wieder mit ihren Enkeln spielen oder ohne Schmerzen Treppen steigen. Diese neu gewonnene Lebensqualität beeindruckt mich oft mehr als jede Zahl auf der Waage.

Wer Nebenwirkungen, Sättigungsgefühl und praktische Fragen selbst erlebt hat, kann Patienten oft besser beraten

Sie nutzen das Medikament selbst. Warum?
Ich habe die Therapie selbst ausprobiert, primär um mein "gesundes" Gewicht wiederzubekommen. Mir reicht seit Jahren eine kleine "Erhaltungsdosis", um das Gewicht zu halten, ein echter "Gamechanger". Natürlich kann ich so auch die Behandlung aus Patientensicht besser einschätzen. Wer Nebenwirkungen, Sättigungsgefühl und praktische Fragen selbst erlebt hat, kann Patienten oft besser beraten. Wissenschaftliche Evidenz bleibt die Grundlage – persönliche Erfahrung ergänzt sie.

Ein Mann setzt sich die Abnehmspritze.
Ein Mann setzt sich die Abnehmspritze. © imago/Michael Bihlmayer

Noch werden die Spritzen nicht von den Krankenkassen übernommen. Bleibt also dick, wer es sich nicht leisten kann?
Leider besteht derzeit eine soziale Schieflage. Adipositas ist eine chronische Erkrankung, dennoch müssen viele Betroffene die Therapie selbst finanzieren. Langfristig halte ich eine Kostenübernahme bei klarer medizinischer Indikation für sinnvoll, weil dadurch Folgeerkrankungen verhindert und langfristig sogar Gesundheitskosten eingespart werden könnten.

Viele Stars nehmen mit Abnehmspritzen ab und machen mager wieder angesagt. Wird damit ein falsches Ideal gefördert?
Die Diskussion über Hollywood und soziale Medien lenkt vom eigentlichen Thema ab. Diese Medikamente sind primär keine Schönheitsbehandlung, sondern eine Therapie gegen eine ernsthafte Erkrankung. Wer sie ausschließlich für wenige "Kosmetik-Kilos" nutzt, verkennt ja ihren eigentlichen Zweck.

Die Abnehmspritze Wegovy ist in Deutschland seit 17. Juli 2023 zur Verschreibung zugelassen.
Die Abnehmspritze Wegovy ist in Deutschland seit 17. Juli 2023 zur Verschreibung zugelassen. © imago/Lise Ãserud

Haben Sie Sorge davor, dass die Abnehmspritze wie ein Lifestyle-Produkt eingesetzt wird, obwohl es ein verschreibungspflichtiges Medikament ist?
Ja, deshalb ist die ärztliche Begleitung so wichtig. Vor Therapiebeginn müssen Ursachen des Übergewichts, Begleiterkrankungen und realistische Ziele besprochen werden. GLP‑1‑Medikamente sind keine Lifestyle-Produkte, sondern verschreibungspflichtige Arzneimittel. Und die Erfahrung zeigt mehr als eindeutig: Langfristigen Erfolg haben nur die, die eine kompetente ärztliche Begleitung haben.

Was man unter einem "Ozempic Face" versteht

Woran erkennt man eigentlich ein "Ozempic Face"?
Der Begriff stammt aus den sozialen Medien. Gemeint ist ein eingefalleneres Gesicht nach einer raschen Gewichtsabnahme. Das ist keine spezifische Nebenwirkung von Ozempic oder Wegovy, sondern kann nach jeder deutlichen Gewichtsreduktion auftreten – unabhängig davon, ob sie durch Medikamente, Diät oder eine Operation erreicht wurde. In diesen Fällen wurde offensichtlich die Dosis nicht rechtzeitig angepasst.

Bald soll auch die Abnehmpille kommen. Wie wirkt sie?
Noch dieses Jahr werden wir zwei Tablettenvarianten in Deutschland verfügbar haben. Die erste mit dem Wirkstoff Semaglutid, also das gleiche Peptid, das auch in der Wegovy-Spritze enthalten ist. Durch einen speziellen "Resorptionsverstärker" ist es möglich, das Eiweiß in ausreichender Menge unverdaut über den Magen aufzunehmen. Die zweite Pille mit dem Wirkstoff Orforglipron ist eine komplett neue Option, ein sogenanntes “small molecule”. Beide Tabletten aktivieren denselben biologischen Signalweg wie die bekannten Spritzen. Sie reduzieren Hunger, steigern die Sättigung und erleichtern dadurch eine geringere Kalorienaufnahme. Die bisherigen Studiendaten zeigen vielversprechende Gewichtsverluste, sie werden vermutlich aber nicht ganz die Effektivität der Spritzen erreichen.

Einnahme, Aufbewahrung: Das muss man über die Abnehmpille wissen

Wie unterscheidet sie sich grundsätzlich von der Spritze?
Vor allem durch die Anwendung. Viele Menschen bevorzugen eine Tablette gegenüber einer Injektion. Eine Kühlung ist nicht notwendig, die Pillen müssen im Gegensatz zu den Spritzen aber täglich genommen werden.

Erst zwickt die Hose, auf der Waage sieht man dann die Wahrheit: Man hat zugenommen.
Erst zwickt die Hose, auf der Waage sieht man dann die Wahrheit: Man hat zugenommen. © imago/Michael Bihlmayer

Entgleitet den Ärzten damit die engmaschige Kontrolle?
Ich denke: nein. Entscheidend ist nicht die Darreichungsform, sondern die Betreuung. Gewicht, Blutdruck, Laborwerte, Ernährung und Bewegung müssen regelmäßig kontrolliert werden. Die Tablette macht die Therapie einfacher, ersetzt aber keine fachkundige medizinische Begleitung. Eine gewisse Gefahr sehe ich, dass genau die ärztliche Begleitung nicht suffizient erfolgt. Übergewicht ist eine chronische Störung, die Anwendung dieser Medikamente ist daher bei fast allen dauerhaft notwendig. Genau dieses "dauerhaft" kann aber individuell unterschiedlich aussehen, sowohl was die Dosis betrifft als auch die Einnahmefrequenz. Das Absetzen der Medikation führt in neun von zehn Fällen erneut zur Gewichtszunahme. Genau hier ist der Stoffwechselmediziner, der mit ausreichend Wissen über das Vorgehen in der Langzeit-Therapie ausgestattet ist, Gold wert.

Was erwarten Sie von der Einführung der Abnehmpille und wann wird sie in München verfügbar sein?
Ich rechne damit, dass die Tablette die Behandlung von Adipositas nochmals deutlich verbreitern wird. Viele Menschen stehen der Injektion kritisch gegenüber, wären aber zu einer Tablettentherapie bereit. Nach heutigem Stand rechnen wir voraussichtlich mit einer Markteinführung in Deutschland im August beziehungsweise im November dieses Jahres.

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