Interview

Michael Piazolo: "Es ist ein Balanceakt - für alle"

Bayerns Kultusminister über Präsenzunterricht in Zeiten der Pandemie, schlechte Vorbilder - und Kinder, die Schule plötzlich wunderschön finden.
| Natalie Kettinger
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"Die Schulschließung war ein sehr einschneidender Moment für mich", sagt Michael Piazolo in der Rückschau.
"Die Schulschließung war ein sehr einschneidender Moment für mich", sagt Michael Piazolo in der Rückschau. © Daniel von Loeper

München - Politik- Professor Michael Piazolo (63) ist Mitglied der Freien Wähler und seit 2018 Bayerns Kultusminister.

AZ: Herr Piazolo, in diesen Tagen werden viele Maßnahmen aus der Anfangsphase der Pandemie neu bewertet. Was sagen Sie für Ihren Bereich: War es richtig und notwendig die Schulen zu schließen?
MICHAEL PIAZOLO: Ja. Damals im März hat sich die Situation sehr schnell zugespitzt. Deshalb war es richtig - genau wie in Österreich, Tschechien oder der Schweiz -, auch bei uns die Schulen zu schließen. Dieser Schritt hat, genau wie später der Lockdown, deutlich gemacht, wie ernst die Lage ist und dass man sehr ernste Maßnahmen ergreifen muss, um die Pandemie einzudämmen. Diese Containment-Politik ist in Deutschland und Bayern gelungen. Wir sind inzwischen in einer Lage, in der wir die Maßnahmen differenzierter treffen können.

Was war für Sie als Kultusminister der schlimmste Moment in dieser Pandemie?
Es gibt mehrere Dinge, bei denen ich länger nachgedacht habe. Die Schulschließung war schon ein sehr einschneidender Moment. Dass wirklich alle Schulen geschlossen waren, gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Ähnlich war es jetzt bei der Maskenpflicht. Man weiß, es werden Rechte eingeschränkt. Es ist für viele Kinder und Jugendliche belastend, weil es sich mit der Maske nicht so leicht atmen lässt. Solche Entscheidungen trifft man nicht so einfach. Natürlich berät man sich vorher mit Medizinern und Virologen - aber die Verantwortung trägt man am Ende selbst.

Im aktuellen Schuljahr soll wieder möglichst viel Präsenzunterricht stattfinden - vorausgesetzt, die Infektionszahlen lassen es zu. Wie ärgerlich machen Sie vor diesem Hintergrund Bilder wie die der Bayern-Bosse, die Seite an Seite auf der Tribüne sitzen oder von Party-Szenen auf dem Viktualienmarkt?
Es ist ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite ist es irgendwie nachvollziehbar, dass nach all den Monaten nicht jeder jede Vorschrift immer präsent hat und dass die Menschen wieder mehr Freiheit wollen. Auf der anderen Seite ist es problematisch, wenn sich Menschen mit Vorbildfunktion nicht an die Regeln halten. Zumal es sich beim Bayern-Spiel nicht um eine kurze Aktion handelte. Die Beteiligten saßen zwei Stunden lang zusammen. Das ist dann schon ärgerlich. Man muss sich immer überlegen, welche Zeichen man sendet - das gilt übrigens auch für die Bilder vom Viktualienmarkt.

Piazolo: "Ein automatisches Umschalten gibt es nicht"

Ministerpräsident Markus Söder drohte am Montagmorgen mit einer Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen. Mittags verkündete OB Dieter Reiter diese für die Fußgängerzone, den Marienplatz und den Viktualienmarkt. Was halten Sie davon?
Eine Maskenpflicht kann auf beengten Plätzen wie dem Viktualienmarkt durchaus sinnvoll sein - oder in Bereichen wie dem Wedekindplatz oder dem Gärtnerplatz, wo die Leute eng zusammenstehen und vielleicht auch Alkohol im Spiel ist.

Die Sieben-Tage-Inzidenz für München liegt weiter über 50. Während im Großteil des Freistaats die Maskenpflicht im Unterricht am Freitag ausgelaufen ist, bleibt sie an den weiterführenden Schulen in der Landeshauptstadt vorerst bestehen. Wie geht es weiter? Bis hin zu erneutem Homeschooling wäre bei diesem Wert alles möglich.
Unser Drei-Stufen-Plan ist eine Orientierungshilfe. Wenn man, wie jetzt München, die dritte Stufe erreicht, bewerten die Gesundheitsämter und die Politik vor Ort die Situation, also woher das Infektionsgeschehen kommt. Dann wird entschieden. Ein automatisches Umschalten gibt es nicht. In Mamming etwa war klar, dass vor allem Erntehelfer betroffen waren. In einem anderen Bereich war es ein Seniorenheim. Da war das Infektionsgeschehen eindeutig lokal begrenzt. München hat sich für die Maskenpflicht entschieden, die bei Stufe drei auch vorgesehen ist, aber gegen den Wechselbetrieb zwischen Schule und Distanzunterricht. Das ist durchaus nachvollziehbar.

"Wichtig ist: Corona ist eine Gefahr"

Wobei das Infektionsgeschehen in München jedoch nicht klar begrenzt ist.
München hat so viele Einwohner wie etwa zehn Landkreise. Da ist es schwierig, das Infektionsgeschehen einzuordnen. Aber es ist wohl stark begrenzt auf private Feiern und auf junge Leute, die draußen unterwegs waren.

Ihr Drei-Stufen-Plan fußt auf der Sieben-Tage-Inzidenz. Nun werden jedoch Stimmen laut, die es sinnvoller fänden, sich an der Auslastung der Intensivbetten zu orientieren.
Ich glaube, es gibt nicht die eine Zahl. Es sind Indikatoren. Man muss außerdem bedenken, dass wir heute wesentlich mehr testen als im April. Es ist nachvollziehbar, dass die Zahlen höher geworden sind. Ein anderer Indikator wäre, wie stark die Intensivbetten belegt sind. Anfangs war die große Sorge, dass man nicht genügend ärztliche Versorgung haben könnte. Wichtig ist: Corona ist eine Gefahr, und wir müssen darauf reagieren. Wir müssen achtsam sein, dürfen aber nicht völlig in Angst erstarren. Das ist ein Balanceakt für alle.

8.809 Schüler und 771 Lehrer aktuell in Quarantäne

Wie fällt Ihre Bilanz nach den ersten beiden Unterrichtswochen des Schuljahres 2020/21 generell aus?
Der Start ist gut gelungen. Wir hatten Zeit, uns vorzubereiten, und haben uns mit der gesamten Schulfamilie ausgetauscht. Alle wollten wieder Präsenzunterricht unter Hygienebedingungen. Die Schulleiter und die Lehrkräfte haben das gut gemacht, die Schüler und ihre Eltern genauso. Dass es den einen oder anderen Infizierten gibt, der in die Schule kommt, war zu erwarten. Aber die Herausforderung ist der Zeitraum: Das Coronavirus richtet sich nicht nach unseren Plänen - wir müssen uns nach Corona richten. Keiner kann sagen, wie das Schuljahr laufen wird. Und das ist keine leichte Situation.

Am Freitag waren knapp 7.000 der 1,65 Millionen bayerischen Schüler und 752 Lehrer im Freistaat in Quarantäne. Vier der 6.200 Schulen waren komplett geschlossen. Wie ist der aktuelle Stand?
8.809 Schüler und 771 Lehrer sind in Quarantäne. 343 Schüler und 48 Lehrer können wegen eines positiven Covid-19-Tests nicht am Präsenzunterricht teilnehmen.

Hat es in den vergangenen zwei Wochen eigentlich Schüler gegeben, die des Unterrichts verwiesen wurden, weil sie sich weigerten, die Maske auch am Platz zu tragen?
Nicht in nennenswertem Umfang. Ich weiß, dass es in einzelnen Fällen Streit gab. Aber an der Schule wird grundsätzlich pädagogisch gearbeitet. Und insofern ist mir immer ganz wichtig, Dinge zu erklären. Dann lässt sich manches klarstellen.

Piazolo: "Mebis hat die meiste Zeit gut funktioniert"

Sie hatten Anfang September angekündigt, dass für Schüler 250.000 und für Lehrer 120.000 Laptops oder Tablets zusätzlich angeschafft werden sollen, falls doch wieder zu Hause gelernt werden muss. Wie ist der Stand der Dinge?
Man muss unterscheiden: Wir konnten schon im Mai und Juni 50.000 vorhandene Geräte an Schüler verleihen. Inzwischen sind daraus 105.000 geworden, die aber nicht vollständig ausgeschöpft wurden. Trotzdem werden wir noch mehr Leihgeräte anbieten. Bei den Lehrer-Geräten ist es ein bisschen anders. Da haben wir jetzt schon ungefähr 20.000 verliehen, wollen aber allen unseren Lehrern - unabhängig von Corona - ein Gerät Verfügung stellen. Darum ging es am Montag auch bei der Kanzlerin.

Funktioniert die Lernplattform Mebis mittlerweile ohne Probleme?
Mebis hat die meiste Zeit gut funktioniert. Es war fast zu befürchten, dass es genau am ersten Tag, als die ganze Welt draufgeschaut hat, einen Hacker-Angriff auf die Plattform gab. Unabhängig davon hatten wir bereits in den ersten Tagen so viele Zugriffe, dass wir die Speicherkapazitäten erhöhen mussten und das brauchte eben ein bisschen. Mir wurde jedoch gesagt, dass man Mebis in 98 Prozent der Fälle innerhalb von zehn Sekunden gut erreichen konnte.

Das Angebot der Lehrer war zu Homeschooling-Zeiten sehr unterschiedlich. Gibt es mittlerweile feste Regeln?
Unsere Vorgaben sind schon seit April immer deutlicher geworden und wir haben relativ zügig Best-Practice-Beispiele veröffentlicht. Jetzt haben wir das Distanzlernen in die Schulordnung aufgenommen und zudem sieben Grundsätze dafür aufgestellt, vom gemeinsamen virtuellen Morgen-Gruß bis zur Abbildung des Stundenplanes. Hinzu kommt, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer gegenseitig geholfen und alle dazugelernt haben.

Lehrermangel war schon vor Corona ein großes Thema. Jetzt können zusätzlich Tausende nicht im Klassenzimmer stehen, weil sie zur Risikogruppe gehören, krank oder schwanger sind. Sie suchen derzeit zwar 800 Quereinsteiger als unterstützende "Teamlehrkräfte" - doch wird das ausreichen?
Man muss differenzieren: Wer krank ist, steht nicht zur Verfügung. Schwangere und Lehrer, die zur Risikogruppe gehören, sind zwar nicht im Präsenzunterricht - aber weiterhin im Dienst. Das heißt, sie können korrigieren, den Distanzunterricht vorbereiten und vieles mehr. Das betrifft etwa 4000 Lehrkräfte. Wir haben Instrumente, um hier zu unterstützen: Wenn man allein den Grund- und Mittelschulbereich anschaut, ist da eine mobile Reserve von 2500 Lehrkräften. Trotzdem wird man mit den bisherigen Instrumenten nicht alles ersetzen können. Dafür brauchen wir die Teamlehrkräfte. Unter den 6.000 Interessenten sind Hunderte mit zwei Staatsexamen, also ausgebildete Lehrer. Es gibt einige, die nur ein Staatsexamen haben und andere, die zum Beispiel einen Magister für Germanistik haben. Je nach Qualifikation können sie eingesetzt werden. Wir geben das nicht zentral vor, das müssen die Schulen je nach Bedarf und Situation entscheiden.

"Wir erwarten in Kürze Experten-Aussagen zu Raumluftreinigern"

Die Situation an den Schulen wird sich bald generell ändern: Es wird Winter. Gelüftet werden muss trotzdem, um die Aerosol-Belastung gering zu halten. Das geht bei manchen Schulen nur bedingt, an anderen dürfte es recht kalt werden. Experten plädieren daher für Raumluftfilter. Bislang bewegt sich da jedoch wenig.
Bei Corona gibt es immer drei Empfehlungen: Abstandhalten - das können wir in den Schulen nur noch bedingt. Hinzu kommt die Maske, wenn man den Abstand nicht halten kann. Und das Dritte ist: Lüften, Lüften, Lüften. Die Empfehlung ist, alle halbe Stunde oder alle 45 Minuten stoßzulüften, was gut funktioniert - ich glaube, auch im Winter. Trotzdem ist natürlich immer die Frage, ob es technische Unterstützungsmaßnahmen gibt. Ich bin da grundsätzlich aufgeschlossen - wir erwarten in Kürze Aussagen der Experten, was die Eignung von Raumluftreinigern angeht.

Corona hat die schulischen Abläufe auf den Kopf gestellt. Liegt darin vielleicht auch eine Chance für die Zukunft?
Unbedingt. Natürlich hat sich niemand diese Pandemie gewünscht. Aber wie immer bei neuen Herausforderungen sieht man, dass das eine oder andere, was man entwickelt hat, auch für die Zeit der Normalität zu überlegen ist: Den Schub in der Digitalisierung wollen wir mitnehmen. Die Entzerrung im Busverkehr. Und ganz wichtig ist, dass sowohl Eltern als auch Schüler gemerkt haben, wie schön Schule sein kann.

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