Metzgerei Sieber: Wurde bei den Proben geschlampt?

Der Insolvenzverwalter der Wurst-Firma Sieber wirft den Behörden vor, Testergebnisse falsch zugeordnet zu haben – sowie den Drang, nach Bayern Ei und Müller-Brot unbedingt ein Zeichen setzen zu wollen.
| Ruth Schormann
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Das Firmengelände der Großmetzgerei Sieber. Ihr Insolvenzverwalter Josef Hingerl sieht die Schuld für das Ende des Traditionsunternehmens bei den Behörden.
dpa Das Firmengelände der Großmetzgerei Sieber. Ihr Insolvenzverwalter Josef Hingerl sieht die Schuld für das Ende des Traditionsunternehmens bei den Behörden.

Geretsried - Den dringenden Verdacht, dass bei der Schließung der Firma "Sieber Wurst" in Geretsried etwas falsch gelaufen ist, hat deren Insolvenzverwalter Josef Hingerl bereits im Herbst geäußert (AZ berichtete).

Nun legt er nach – und die Gläubiger des Unternehmens wollen den Freistaat auf zwölf Millionen Euro Schadenersatz verklagen. Doch das zuständige Landratsamt in Bad Tölz schickt gleich vorweg: "Die Wiederholung von Behauptungen durch den Insolvenzverwalter Dr. Josef Hingerl ändert nichts am bestehenden Sachverhalt."

Denn Hingerl macht einzig Landratsamt und Verbraucherschutzministerium für die Insolvenz verantwortlich. Der Vorwurf: Eine einzige – vertauschte – Probe habe zu der Betriebsschließung geführt. Amt und Ministerium hätten falsch reagiert. Und ihre Fehler nicht eingeräumt. "Wir sind davon überzeugt, richtig entschieden zu haben", sagt dagegen Amts-Sprecherin Marlis Peischer.

Hingerl geht es darum, den Ruf der Firma wiederherzustellen und den finanziellen Schaden zu kompensieren, deshalb die Millionen-Forderung.

Ministerium: "Es besteht dafür keine Rechtsgrundlage"

Das Verbraucherschutzministerium weise diese jedoch erneut "entschieden zurück", sagte ein Sprecher am Dienstag auf AZ-Anfrage. Es bestehe keine Rechtsgrundlage für die geforderte Zahlung. Die Schließung des Betriebs sei damals "zum Schutz der Verbraucher veranlasst" worden.

Josef Hingerls Meinung nach hat die Schließung des Wurst- Unternehmens in die Insolvenz geführt, bei der gut 50 Mitarbeiter ihren Job verloren haben.

"Dass die Firma Sieber auch nach der Aufhebung des Produktionsstopps nicht mehr in Betrieb gehen konnte, bedauern wir", kommentiert die Sprecherin des Landratsamts.

Was ist passiert? Zwar war im März 2016 eine erhöhte Listerienkonzentration in einem Wacholderwammerl von Sieber nachgewiesen worden (siehe rechts). Doch spätere Prüfungen, etwa im Mai 2016, boten keinen Grund zur Beanstandung – sagt Hingerl. Und dass die verseuchte Probe falsch zugeordnet wurde: Sie stammte aus dem Supermarkt, nicht aus dem Sieber-Betrieb selbst, wo eine Null-Toleranz-Grenze für Listerien gilt.

Im Einzelhandel dürfen die Bakterien hingegen in einer gewissen, gesundheitlich unbedenklichen Höhe vorkommen. "Dieser Unterschied ist entscheidend", sagt Hingerl. "Die beprobte Ware war somit unbedenklich." Der Jurist möchte wissen, wer die Proben vertauscht hat – Antworten darauf gibt es bisher nicht.

Der Ministeriums-Sprecher erklärt, die Proben im Mai seien sowohl im Einzelhandel als auch im Betrieb vor Ort genommen worden. "In 15 von 16 untersuchten Proben hatte das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Listeria monocytogenes festgestellt", erklären Ministerium und Landratsamt. Dabei konnte das für Krankheits- und Todesfälle verantwortliche genetische Muster festgestellt werden. Es habe sich um elf Proben aus dem Einzelhandel und fünf aus der Firma selbst gehandelt.

Hingerl wiederum sagt, dass nur bei fünf Proben Listerien festgestellt worden seien – in einer Konzentration unter dem Grenzwert. "Für eine Schließung gab es daher keine Veranlassung." Trotzdem sei diese angeordnet worden.

Über 100 Tonnen fertige Ware musste der Betrieb vernichten

Hingerl mutmaßt, das Ministerium habe bewusst so hart durchgegriffen und gleich die gesamte Produktion verboten, um nach den Geschehnissen um Bayern Ei und Müller-Brot Stärke zu demonstrieren. Aus Furcht vor einem weiteren Lebensmittel-Skandal.

Der Insolvenzverwalter kritisiert außerdem, dass bei der Entscheidung, jegliche Produktion zu untersagen, nicht differenziert wurde.

Denn bei der Hälfte der Produkte habe es sich um "nachpasteurisierte Ware" gehandelt. Diese werde in der Verpackung erhitzt und dabei würden sämtliche Bakterien abgetötet. Doch so hätten über 100 Tonnen nachpasteurisierter Ware vernichtet werden müssen. Das Landratsamt erklärt, Sieber habe solche Waren überhaupt nicht hergestellt.

Die Behauptung des Landratsamts, es sei zudem "nicht möglich, einzelne Produkte von den angeordneten Maßnahmen auszunehmen", bezeichnet Insolvenzverwalter Hingerl als falsch.

Im September mussten Hingerl und Sieber-Chef Dietmar Schach die Belegschaft über deren Kündigung informieren. Das Produktionsverbot hatte Sieber in die Insolvenz getrieben.
Er werde einen letzten außergerichtlichen Einigungsversuch unternehmen, bevor er die Klage einreiche, kündigte Hingerl jetzt an.

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