Sieben Mal getestet: Laras Corona-Odyssee

Eine 18-jährige Schülerin aus dem Landkreis Landshut muss sieben Mal zum Test, bleibt sechs Wochen in Quarantäne, kämpft mit Blackouts und Angstattacken - und fällt durch die Abitur-Prüfung.
| Carmen Merckenschlager
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"Ich hatte einfach ganz viel Pech", sagt Lara (18) heute.
"Ich hatte einfach ganz viel Pech", sagt Lara (18) heute. © privat

Landshut - "In dieser einen Nacht dachte ich, ich sterbe." Die 18-jährige Lara Trösch ist sonst eine lebensfrohe junge Frau. Die Schülersprecherin arbeitet ehrenamtlich beim Roten Kreuz, jobbt in einem Supermarkt im Kreis Landshut und will ihr Abitur bestehen.

Dann wird sie krank. Es ist Ende März, Lara ist Corona-positiv. Was sie damals noch nicht weiß: Ihr Leben wird in den kommenden Wochen völlig aus der Bahn geraten.

Das Coronavirus, die Pandemie, der Prüfungsstress - und hinter allem steht die große Ungewissheit. Das alles macht Laras Psyche immer mehr zu schaffen. Dann kommt ein Blackout.

Lara ist eines Tages übel, sie muss sich übergeben. Am Telefon schildert sie ihrem Hausarzt die Symptome. Ihr Arzt sagt, dass es sich um eine Gastritis handeln könnte, eine Magenschleimhautentzündung. Da die Schülerin beim Roten Kreuz arbeitet - und es dort im März bereits Corona-Fälle bei Kollegen gab - will sich Lara dennoch testen lassen. Sie bekommt hohes Fieber, liegt mit 40 Grad im Bett.

Von ihrem Testergebnis erfährt sie über Instagram

Lara macht sich auf zur Teststation am Landshuter Messegelände. Von den Ergebnissen hört sie erst mal nichts. Dann wird es kurios: Nach ein paar Tagen erhält sie eine Nachricht über die Social-Media-Plattform Instagram. "Ich wurde von einer jungen Frau angeschrieben, die ich vom Sport früher noch flüchtig kenne", erzählt Lara. "Sie wollte wissen, ob ich kürzlich einen Corona-Test habe machen lassen. Meine Ergebnisse wären da."

Das kommt Lara suspekt vor, sie ruft selbst beim Gesundheitsamt an. "Mir wurde erklärt, dass mein Testergebnis da ist, meine Daten aber verloren gegangen wären. Deshalb wurde ich über Instagram kontaktiert."

Zweiter Corona-Test beim Gesundheitsamt

Mit dem Anruf beim Gesundheitsamt erhält Lara auch ihr Ergebnis: Sie ist Corona-positiv. Die Schülerin und ihre Familie müssen in Quarantäne, die bis zum 14. April dauern soll. Nach ein paar Tagen erhält Lara einen Anruf vom Gesundheitsamt. "Sie wollten wissen, wie es mir gehe, welche Symptome ich habe." Dann kommt nichts mehr.

Kurz vor Ablauf der 14-Tage-Frist meldet sich Lara abermals beim Gesundheitsamt. Sie bittet um einen neuen Test. Ihr Abitur steht an. Weil sie beim BRK arbeitet, stuft sie ein Arzt als systemrelevant ein. Deshalb bekommt sie - statt eines Tests am Messegelände - einen beim Gesundheitsamt. Ihre Familie wird auch getestet.

"Mir ging es seit Tagen schlechter": Testergebnisse vertauscht

Laras Ergebnis: negativ. "Ich konnte das nicht ganz glauben. Mir ging es seit Tagen schlechter. Ich habe mehrmals nachgefragt, ob das wirklich meine Ergebnisse sind."

Am nächsten Tag bestätigt sich ihr Bauchgefühl. Eine Ärztin meldet sich und sagt, ihre Testergebnisse seien vertauscht worden. Die 18-Jährige ist weiterhin positiv - nur ihre Familie ist negativ getestet.

Gefühl der Hilflosigkeit nagt an Laras Psyche

Insgesamt sieben Mal wird Lara in sechs Wochen getestet. Nachfragen beim Gesundheitsamt seien unbeantwortet geblieben. Vieles läuft schief, doch Lara lässt nicht locker. Alles, was sie will, ist, gesund werden - und ihr Abitur schreiben.

Weil sie niemanden anstecken will, schottet sie sich von der Familie ab. "Ich hatte einfach Angst, dass durch mich jemand zu Schaden kommt." Das Gefühl der Hilflosigkeit während der zähen Quarantänezeit nagt an ihrer Psyche.

Lara Trösch: Plötzlich Panikattacken und Blackouts

Und dann passiert das, was Lara bei sich nie für möglich gehalten hatte: "Plötzlich stand ich mit dem Auto auf einem Parkplatz in Erding." Wie sie dort hingekommen ist und was sie dort wollte, daran kann sie sich nicht erinnern. Weinend ruft sie einen Freund an. "Dann folgte eine Panikattacke, weil ich ja gegen die Quarantäne verstoßen hatte!"

Kurz nach diesem Vorfall hat die junge Frau noch einen weiteren Blackout. Sie schneidet sich selbst die Haare - erinnern kann sie sich daran nicht. Einen Tag nach offiziellem Ende der mittlerweile sechswöchigen Quarantäne erhält die Schülerin das Ergebnis ihres siebten Tests. Er ist negativ. Laras Albtraum könnte ein Ende haben. Körperlich geht es ihr tatsächlich wieder besser.

"Ich hatte plötzlich Angst vor der Welt"

Geistig ist sie jedoch nach diesen langen Wochen völlig am Ende. "Diese Blackouts waren für mich das eindeutige Zeichen, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Ich dachte nur: Ich brauche Hilfe." Sie schafft es, Mitte Mai ein Gespräch mit dem Bezirkskrankenhaus (BKH) in Landshut zu arrangieren. Was sie nicht schafft: mit ihrer Mutter im Auto fahren. "Ich hatte Angst, sie anzustecken. Ich hatte plötzlich Angst vor der Welt."

Das BKH nimmt die Schülerin stationär auf. Trotz allem versucht sie, weiter für ihr Abitur zu lernen. Nach und nach geht es ihr besser. Für Lara ist klar, dass sie das Abitur mitschreibt. Sie beantragt für die Prüfungen einen Zeitzuschlag.

Kultusministerium erkennt Attest zunächst nicht an

Das Attest, welches die Schülerin dem Kultusministerium aushändigt, wird jedoch zunächst nicht anerkannt. Erst als ihre Mutter wütend beim Ministerium anruft, bekommt Lara den Zuschlag gewährt. Sie schreibt das Abitur. Und fällt durch.

"Corona war und ist für uns alle hart", sagt Lara Trösch heute. "Aber ich glaube, ich hatte einfach ganz schön viel Pech auf einmal." Die Erleichterung ist bereits kurz nach den Prüfungen groß: "Ich wollte es einfach hinter mich bringen. Die Noten sind mir mittlerweile egal." Die ehemalige Schülerin hat mittlerweile eine Ausbildung begonnen.

Weder auf das Gesundheitsamt noch auf die Schule und die Ärzte hegt sie einen Groll. "Es war einfach eine Ausnahmesituation für alle", sagt sie heute. Die Zeit zu meistern, war für Lara schwer. "Alles war immer so unklar, niemand konnte mir wirklich helfen. Ich fühlte mich im Stich gelassen."

Lara Trösch: Folgeerkrankungen nach der Corona-Infektion

Neben ihrem neuen Job erwarten Lara nun noch einige Arzttermine. Seit der Corona-Infektion hat sie mit Folgeerkrankungen zu kämpfen. Ein Test hat ergeben, dass ihr Körper unzählige Antikörper gegen Corona produziert hat. Zudem hat ein Lungenfacharzt eine leichte Form von Asthma diagnostiziert. "Ob das von Corona kommt oder nicht, weiß niemand." Eine Magenspiegelung soll klären, woher Laras anhaltende Bauchschmerzen kommen.

Was Lara rückblickend mit am schlimmsten findet, ist, dass ihre ganze Familie leiden musste. Sie ist sich sicher, dass sie kein Einzelfall ist - und dass ihre Geschichte anderen helfen könnte.

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