Meister Eckert und seine Radl: Landshuts Meisterbetrieb mit urbayerischem Charme

"Fahrrad Eckert" gehört zu Landshuts letzten Meisterbetrieben mit urbayerischem Charme.
| Ingmar Schweder
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Martin Eckert am Montageständer, der wie vieles in seiner Werkstatt noch aus der Zeit seines Großvaters stammt. Für den Meister reicht das völlig aus.
Martin Eckert am Montageständer, der wie vieles in seiner Werkstatt noch aus der Zeit seines Großvaters stammt. Für den Meister reicht das völlig aus. © Christine Vinçon

Landshut - Der Pumuckl wohnt nicht bei ihm. Da ist sich Martin Eckert (62) sicher. Obwohl er sich bereits bei einem Kunden den Scherz erlaubt hat, einen Gegenstand in seiner Werkstatt nach dem für alle anderen unsichtbaren Klabautermann zu werfen. "'Was ist jetzt?', hat er mich gefragt. 'Der Pumuckl hat keine Ruhe gegeben', habe ich dann gesagt."

Martin Eckert ist seit 1972 da

Betritt man Eckerts Hinterhof, schlängelt sich an rund 40 reparaturbedürftigen Fahrrädern vorbei und guckt sogleich durch die Fenster in die Werkstatt hinein, kommen tatsächlich bayerische Fernsehgefühle hoch. Nur dass Martin Eckert nicht wie damals Gustl Bayrhammer alias Meister Eder in seiner Werkstatt das Schreinerhandwerk ausübt, sondern Fahrräder repariert - genauso wie sein Vater vor ihm. Sein Großvater hatte das Geschäft vor rund 100 Jahren an der Zweibrückenstraße aufgebaut. "Das ist dann immer so weitergegangen", sagt er. Die Eckerts waren schon immer ein Meisterbetrieb.

Durch den Hof geht es in die Werkstatt hinein, vorbei an Glocke und Luftdrucknanometer.
Durch den Hof geht es in die Werkstatt hinein, vorbei an Glocke und Luftdrucknanometer. © Christine Vinçon

Martin Eckert ist seit 1972 da. Kurz nach seiner Adoption beginnt er mit 15 Jahren seine Lehre und macht später selbst seinen Zweiradmechanikermeister, als er 1987 den Betrieb übernimmt. "Du musst eine gewisse Liebe zum Reparieren haben, sonst wird's nix", sagt er. "Wenn ich weiß, ich kann es herrichten, dann wird's hergerichtet."

 

Mopeds sind auch heute noch Eckerts Leidenschaft

Früher konnten die Landshuter in der Werkstatt sogar noch ihre Mofas und Mopeds reparieren lassen, das verraten die museumsreifen Schilder der längst ausgestorbenen Marke Puch, die immer noch ihren Platz in Eckerts kleiner Reparaturwerkstatt haben und nostalgische Glanzpunkte setzen. Dass Martin Eckert selbst ein Moped-Fan ist, verraten hingegen kleine Pokale und Urkunden, die sich in der Werkstatt zwischen Ersatzteilen, Werkzeug, Reifen, Schläuchen, Luftdrucknanometer, Senfgläsern und Schnupftabakdosen verstecken. Mit 16 Jahren hat Eckert seinen Moped-Führerschein gemacht. Mopeds sind auch heute noch seine Leidenschaft, das sagt der Glanz in seinen Augen. "Ja, das war schon schee", sagt er dann. Mit seinen Spezln bestreitet er früher das ein oder andere Rennen. In Schönthal Platz 3, in Adlkofen Platz 9. Moped-Reparaturen bietet er hingegen nicht mehr an. "Ich bin hier allein. Das geht nicht."

Die Drehbank, an der Martin Eckerts Großvater schon arbeitete.
Die Drehbank, an der Martin Eckerts Großvater schon arbeitete. © Christine Vinçon

Ohnehin hat Eckerts Werkstatt Anflüge eines Wimmelbildchens. Steril und Hightech sind Fremdwörter für den Meister, nur der moderne Apple-Computer passt nicht ganz ins Bild. Die ganz große Ordnung herrscht nur im Verkaufsraum an der Zweibrückenstraße. Dafür hat der 62-Jährige zwischen historischen Werkbänken und der hundert Jahre alten Drehmaschine, an der er heute noch Teile für Radl produziert, sein ganz eigenes System entwickelt, das noch öligen Werkstattcharme versprüht. Wer seit 47 Jahren ununterbrochen in derselben Werkstatt arbeitet, weiß, wo jedes Schräubchen zu finden ist, wo er nach Werkzeug suchen muss. Erst am Donnerstag hatte Eckert eine Lagerbüchse an der Drehbank hergestellt, an der früher noch regelmäßig Teile für Radl, Mopeds und Co. produziert wurden. "Heute werden die Teile nur noch ausgewechselt", sagt er. "Weil es alles gibt."

Die Werkbank ist noch vom Großvater. Unordnung oder Werkstattcharme ? Eckert jedenfalls weiß, wo alles liegt.
Die Werkbank ist noch vom Großvater. Unordnung oder Werkstattcharme ? Eckert jedenfalls weiß, wo alles liegt. © Christine Vinçon

"Jedes Jahr gibt es was Neues"

Im Verkaufsraum beziehungsweise Ausstellungsraum, an dessen Tür ein Schild zum Seiteneingang verweist, liegt noch der exzentrische Gummireifengeruch in der Luft, der - wenn Kunden die Augen kurz schließen - sie an ihren ersten Radelkauf in der Kindheit erinnert. Damals war die Auswahl an Modellen noch nicht so groß. Heute beherrschen Mountainbikes und Trekkingräder das Marktgeschehen. "Jedes Jahr gibt es was Neues", sagt Eckert. "Das wird auch nicht aufhören." Obwohl er dieses Jahr fast keine Radl bekommen habe. Wegen der Coronakrise kommen die Produzenten nicht mehr hinterher. "Es ist wirklich eine Katastrophe - und das wird nächstes Jahr nicht besser.

Wie es mit seiner 100 Jahre alten Werkstatt weitergeht? "Ich höre nicht auf. Was tust du denn schon, wenn du in der Rente bist. Hier kann ich immer was tun", sagt er. Erst recht, nachdem er im vergangenen Jahr den Krebs besiegt hat.

Pokale vom Mofa- und Mopedrennen: Martin Eckerts frühere Leidenschaft.
Pokale vom Mofa- und Mopedrennen: Martin Eckerts frühere Leidenschaft. © Christine Vinçon

Und zu tun hat Eckert viel, auch wenn er sich manchmal über uneinsichtige Kunden ärgern muss. Der Mann, der am Freitagvormittag vorbeikommt, kann beide Bremsen nicht mehr betätigen. "Kannst Du was machen, auf die Schnelle?", fragt er. Eckert kann, aber nicht ganz auf die Schnelle. "Die Bremsen vorne und hinten richten, 30 bis 35 Euro, 3 Uhr kannst Du es abholen." Doch der Kunde druckst herum, will nicht so recht und geht dann wieder. "Du kannst es auch selber machen, hältst mich hier auf für nix", sagt Eckert. "Solche Sachen ziehen mich manchmal runter, wenn der Kunde nicht einsieht, dass etwas richtig gemacht werden muss. Die meinen alle, das ist immer eine Kleinigkeit. Aber bei den Bremsen musst du richtig nachschauen. Wenn es die nach der Reparatur hinhaut oder sie einen Unfall bauen, kommen sie zu dir."

In diesem Fall kommt derselbe Kunde sogar früher, nämlich genau zehn Minuten später. "Ich kann so nicht fahren", sagt er. "30 bis 35 Euro. Abholen um 3 Uhr", sagt Eckert. Bis zu 20 Fahrräder repariert der Meister so am Tag. Und das sicher noch viele Jahre lang.

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