Lyrik in Landshut: Romantik per Plakatständer

Wie ein kleiner Plakatständer an der Klötzlmüllerstraße mit Liebeslyrik der alten Meister die Landshuter verzückt.
| Ingmar Schweder
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Derselbe Plakatständer, wechselnde Gedichte: Seit etwas mehr als einem Jahr verzückt ein unbekannter Lyrikkenner das Klötzlmüllerviertel mit Poesie von Rilke, Lasker-Schüler und weiteren Meistern der schönen Sprache.
Derselbe Plakatständer, wechselnde Gedichte: Seit etwas mehr als einem Jahr verzückt ein unbekannter Lyrikkenner das Klötzlmüllerviertel mit Poesie von Rilke, Lasker-Schüler und weiteren Meistern der schönen Sprache. © privat

Landshut - Die anderen sind das weite Meer. Du aber bist mein Hafen. So glaube mir: kannst ruhig schlafen. Ich steure immer wieder her..." (Für Einen, Mascha Kaléko † 1975).

Wenn Verse wie diese allein durch die Kraft ihrer Sprache ohne Umwege ins Herz treffen, ist die hohe Kunst der Poesie erreicht. Seit rund einem Jahr entfaltet ein kleiner unscheinbarer Plakatständer, der an einer Laterne vor dem Parkplatz an der Klötzlmüllerstraße 45 steht, bei so manchem Landshuter genau diese Wirkung.

Der Aufsteller des Lyrikplakatständers ist unbekannt

Einige Hinweise lassen jedoch darauf schließen, dass es sich (vermutlich) um einen Liebenden handelt, der seiner Angebeteten im Abstand von ein paar Wochen immer neue Herzensbotschaften übermitteln will.

Der unbekannte Lyrikkenner bedient sich dabei bei den Gedichten der großen Meister wie Else Lasker-Schüler († 1945), Christian Morgenstern († 1914), Rainer Maria Rilke († 1926) und Mascha Kaléko. Zudem wendet sich der Romantiker mit ebenfalls immer wechselnden Textstellen bekannter Liebeslieder an die Adressatin: "Für meine Liebste, das wunderschönste Mädchen auf der Welt" steht dann da, oder "Ich will dich küssen, immer und und immer wieder".

So viel Romantik erwärmt - gewollt oder ungewollt - auch die Herzen von Passanten, die regelmäßig an dem Schild vorbeispazieren, stehenbleiben und die Zeilen lesen. Konrad H. (65) besucht regelmäßig Freunde im Klötzlmüllerviertel und schickte unserer Zeitung - angeregt durch den kürzlich in der AZ erschienenen Artikel "Die Suche nach der Unbekannten" - ein Foto eines der lyrischen Werke.

Wieder mehr Gedichte dank dem Lyrik-Plakatständer

"Mich berühren die Gedichte sehr und ich bin durch den Lyrik-Plakatständer wieder auf den Geschmack gekommen, mich mit Lyrik zu beschäftigen. Ich habe mich regelrecht anstecken lassen und mir nach und nach Lyrikbände von Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler, Christian Morgenstern und Rainer Maria Rilke und anderen gekauft und lese immer wieder gerne mal darin", sagt H. im Gespräch mit der AZ. "In einer Zeit, die uns vor viele Herausforderungen stellt, finde ich es sehr heilsam und berührend, wenn man diese Gedichte liest."

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Regelmäßig neue Gedichte am Lyrik-Plakatständer in der Klötzlmüllerstraße 

Acht verschiedene Gedichte hat Konrad H. in den vergangenen Monaten fotografieren und sammeln können. An das erste, das er im Januar 2020 entdeckt hatte, kann er sich noch gut erinnern: "Zu lesen war ‚Heimlich zur Nacht' von Else Lasker-Schüler.

Bereits im darauffolgenden März war es das Gedicht von Rose Ausländer ‚Wir werden uns wiederfinden'." Seitdem steuert Konrad H. bei seinen Besuchen in der Klötzlmüllerstraße regelmäßig den Lyrik-Plakatständer an in der Hoffnung, ein neues Gedicht entdecken zu können.

"Ich finde es eine schöne Idee, wenn Liebeserklärungen in dieser Art und Weise stattfinden. Die Verse sind sehr romantisch und die verwendeten Wörter stammen aus einer Zeit, in der Poesie einen hohen Stellenwert hatte. Beim Lesen der Gedichte kann man kurzzeitig aus seinem Alltag, von seinen Sorgen und Ängsten, in eine poetische, romantische Welt entfliehen", sagt H. nicht weniger poetisch.

"Poesie im öffentlichen Raum wäre ein schönes Projekt für die Stadt"

Das aktuelle Gedicht, das über den kleinen Plakatständer seine Wirkung verbreitet, stammt von Rainer Maria Rilke: "Ich will dirs erzählen: Der Kuß ist ein Lied, ein wortloses Lied; ein Kuß - der geschieht!..."

Konrad H. hofft nun ein wenig, dass die Idee, über die unbändige Kraft der Sprache die Gefühle zum Ausdruck zu bringen, in Landshut sogar Nachahmer finden wird, um das Stadtbild mit Poesie zu beleben. "Es könnte ein Projekt ‚Poesie in der Stadt Landshut' entstehen. Es gibt so viele schöne Liebesgedichte, die die Stimmung der Menschen in Zeiten der Coronapandemie heben könnten.

Und vielleicht wird die Lyrik, die vor gut 50 bis 100 Jahren ihren Höhepunkt durch Dichter und Dichterinnen wie Rilke, Morgenstern, Lasker-Schüler, Rose Ausländer und Mascha Kaléko hatte, auch wieder mehr Interesse bei den Menschen finden."

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