Leben im falschen Körper: "Transsexualität ist kein Trend"

Im Internet teilt Leon Maximilian Zuleger seinen Weg mit allen Höhen und Tiefen - und ist glücklicher als je zuvor.
| Ulrike Schnyder
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Leon hat sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Er lebt als Transmann, teilt seine Geschichte im Internet - will aber nicht nur über seine Sexualität definiert werden.
Leon hat sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Er lebt als Transmann, teilt seine Geschichte im Internet - will aber nicht nur über seine Sexualität definiert werden. © Ulrike Schnyder

Landshut - Leon hieß mal Julia. Diese Zeit scheint aber ein ganzes Leben her zu sein. Leon Maximilian Zuleger lebt heute als Mann und ist glücklicher als je zuvor. Der Weg bisher war alles andere als einfach - und ein ganzes Stück liegt auch noch vor dem 19-Jährigen.

Kleider, Puppen, Rosa - das war alles nie sein Ding

Im Kindergarten wurde Fasching gefeiert, alle Kinder kamen in Verkleidung. Julia ging als Schneekönigin. Und hasste es. Im Schulfasching durfte sie in andere Rollen schlüpfen: "Da war ich dann der schwarze Spiderman oder Polizist und mein Papa hat mir die langen Haare unter die Mütze gesteckt. Das war das coolste Kostüm überhaupt für mich."

Der Mensch, der einmal Julia war, ist heute ein ganz anderer. Er heißt Leon und lebt als Mann. Dass das der richtige Weg für ihn ist, spürte Leon schon immer. Kleider, Puppen, Rosa - das war alles nie sein Ding: "Als Kind habe ich schon gemerkt, dass irgendwas anders ist. Puppen interessierten mich nicht, ich habe mich mehr über Autos gefreut. Beim Mutter-Vater-Kind-Spielen habe ich schon immer einen Jungen gespielt, da habe ich mich Max oder Leon genannt." Die anderen Kinder haben das nicht immer verstanden. "Ich wurde ausgestoßen. In der Grundschule bekam ich mal Schläge in den Bauch."

Pubertät: "Hier stimmt was hinten und vorne nicht."

Noch härter wurde es, als die Pubertät anfing. "Da habe ich gemerkt: Hier stimmt was hinten und vorne nicht." Als die Brüste zu wachsen begannen, trug Leon nur noch weite, dunkle Klamotten, interessierte sich für "Jungssachen". Die Eltern verstanden das Verhalten ihres Kindes nicht. "Mit meiner Mutter habe ich oft deswegen gestritten. Einmal sagte sie im Streit: ‚Du wirst immer meine Tochter bleiben.' Das war das Schmerzhafteste, was man mir zu der Zeit sagen konnte, und ich wusste noch nicht einmal genau, wieso eigentlich."

Mit 15 war Leon klar: Er ist eigentlich ein Mann. Er begann eine Therapie, muss den Therapeuten davon überzeugen, dass er es wirklich ernst meint und sein Frauenkörper nicht richtig ist. "Mich selbst so zu akzeptieren wie ich bin, war schon schwer. Aber dass es andere auch tun, ist noch schwieriger", meint er. Mit 17 Jahren durfte er endlich eine Hormontherapie beginnen. Wie er sich durch das Testosteron verändert, hält er auf seinem Instagram-Account fest. In Videos hört man, wie seine Stimme tiefer wird, er erzählt über Erfahrungen mit Operationen und wie es war, sich vor Freunden und Familie zu outen. "Davor hatte ich totale Angst. Ich habe Horrorstorys gehört, dass Eltern ihre Kinder deshalb verstoßen haben."

Transgender: Name und Geschlecht offiziell geändert

Doch das taten Leons Eltern nicht. Sie unterstützen ihr Kind, das jetzt offiziell als Mann lebt. "Als mein Name und mein Geschlecht offiziell umgetragen wurden, war das der beste Tag meines Lebens", erzählt der 19-Jährige. Neben den Eltern geben Leon auch seine Oma und vor allem seine Freundin Kraft. Und die braucht er. "Es gibt immer noch viele Menschen, die dagegen arbeiten, dumme Sprüche bringen. Viele Transgender haben sich wegen Mobbing schon das Leben genommen. Ich war auch schon öfter an dem Punkt, an dem ich aufgeben wollte. Warum werde ich so geboren, wenn ich nicht so sein soll?"

Genau deshalb ist Leon im Internet so offen und dokumentiert seine Reise zum Mannsein. "Das machen viele, aber ich sehe oft nur die guten Seiten. Mir hätte es aber geholfen, auch die Schwierigkeiten zu sehen. Die will ich zeigen und auch über das Thema Transsexualität aufklären. Dann versteht man vielleicht, dass es nicht einfach nur ein Trend ist. Ich wünsche mir, dass das selbstverständlich wird. Dass Transgender sich nicht immer zwangsouten müssen. Dass es nicht meine Persönlichkeit bestimmt, ich mich nicht darüber definieren muss."

Geschlechtsangleichende Operationen

Anzeige für den Anbieter Instagram über den Consent-Anbieter verweigert

Mit Schwierigkeiten meint er zum Beispiel Operationen. Leon ließ sich im November die Brüste entfernen. Doch die Mastektomie verlief nicht optimal, mit dem Ergebnis ist Leon alles andere als glücklich. "Der Operateur hat mir etwas anderes versprochen. Jetzt muss ich mich darum kümmern, das korrigieren zu lassen." Danach wird auch noch die größte, die geschlechtsangleichende Operation anstehen - sprich: Leon bekommt einen Penis. "Darüber machen Bekannte Witze. Einer macht sich darüber lustig, dass ich nur dreimal auf ein Ventil drücken muss und dann eine Erektion habe.

Ich bin froh, dass es das gibt, dass ich normal leben kann. Außerdem brauche ich dann im Alter keine Potenzmittel", sagt er mit einem Grinsen. So locker kann er den Kommentaren nicht immer begegnen. Aber Leon kennt sein Ziel: "Irgendwann muss ich zu keinem Therapeuten mehr, brauche keine Operation mehr und kann einfach mein Leben leben."

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