Kunstschmiedin repariert Zugspitzkreuz: "Tut uns weh, das so zu sehen"

Andrea Würzinger (47) aus Eschenlohe hat gerade eine riesige Aufgabe in ihrer Kunstschmiede: das Gipfelkreuz der Zugspitze. 300 Kilo schwer, knapp fünf Meter hoch. Würzingers Vater hat das ikonische Gipfelkreuz 1993 erbaut. Nun restauriert es die Tochter - nötig ist das auch wegen der dicken Schichten an Aufklebern.
AZ: Frau Würzinger, seit wenigen Tagen haben Sie das Zugspitz-Gipfelkreuz in Ihrer Werkstatt. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als es bei Ihnen ankam?
ANDREA WÜRZINGER: Es war ein schönes Gefühl, ein bisschen heimatlich. Ich habe mich darüber gefreut, andererseits war es auch schockierend, wie es wirklich aussieht. In der Werkstatt sieht man erst die ganzen Beschädigungen und die vielen Aufkleber. Das ist erschütternd gewesen.
In welchem Zustand ist das Kreuz aus Ihrer Sicht?
In einem ganz schlechten Zustand. Wirklich beschämend.

Schläge mit Pickel? "Es sind Dellen zu erkennen"
Woran liegt das?
An den Aufklebern, diese zerstören die Oberfläche und damit auch das Kreuz. Wir vermuten außerdem, dass jemand mit einem Pickel auf das Kreuz eingeschlagen hat - es sind Dellen zu erkennen.
Welchen Schaden verursachen die Sticker?
Die Bayerische Zugspitzbahn hat schon zuvor einmal versucht, die Aufkleber zu entfernen. Dadurch wurden helle Gelbflecken sichtbar, das heißt, das Gold wird dadurch mitabgezogen.

Können Sie verstehen, dass Besucher dort Aufkleber hinterlassen?
Nein. Ich finde es unmöglich und ich kann nicht verstehen, warum Menschen sinnlos fremdes Eigentum verschandeln.
Voller Aufkleber: "Man kann sie gar nicht zählen"
Wie viele Aufkleber sind drauf, haben Sie gezählt?
Man kann sie gar nicht zählen, Hunderte. Teils war die Schicht einige Millimeter stark. Das ist bei Aufklebern eine ganze Menge.

Was werden Sie neben der Sticker-Entfernung noch erledigen?
Wir schleifen die ganze Altlackierung ab, auf der die Aufkleber waren, und überarbeiten diese mit Grundierung und Neulackierung. Ebenso nehmen wir eine Neu-Vergoldung vor, ich kalkuliere dafür mit 500 Blatt Gold. Dieses ist sogar dünner als ein Haar. Darüber kommt ein Schutzlack, der trotzdem empfindlich ist. Es geht darum, das Gold vor äußeren Einflüssen wie Eisregen besser zu bewahren. Auch die Befestigung der oberen Strahlen machen wir komplett neu, die unteren überarbeiten wir.
Meinen Vater würde es furchtbar freuen, dass mein Team und ich es restaurieren. Er ist leider vor drei Jahren gestorben, aber vielleicht schaut er trotzdem von irgendwo zu.
Warum müssen auch die Strahlen repariert werden? Dort kleben keine Sticker.
Die oberen beiden sind seit 1993 noch nie repariert worden. 2017 hat man sie geprüft und etwas nachgearbeitet. Wir wollen sie jetzt anschrauben und nicht mehr anschweißen. So kann man sie schneller vor Ort austauschen. Man sieht zudem Haarrisse.
Wie lange werden Sie insgesamt brauchen? Am 28. November soll das Gipfelkreuz pünktlich zum Saisonstart wieder auf der Zugspitze landen.
Wir werden sicher am 27. November noch etwas zu tun haben. Denn nach den Arbeiten muss die Lackierung trocknen.

Worauf müssen Sie besonders achten?
Bei der Kugel muss man aufpassen, sie ist aus Blech und man könnte sie eindrücken. Auch beim Transport muss man auf die Oberfläche und die Strahlen achten. Alles ist schwer und unhandlich, da kann man schon etwas falsch machen.
Kunstschmiede-Tradition in der Familie "Das begleitet uns das ganze Leben"
Wie besonders ist diese Aufgabe für Sie als Kunstschmiedin?
Das Schöne an der Sache ist: Ich weiß nicht, wie mein Vater das damals zusammengebaut hat. Ich war damals noch ein kleines Mädel, wir haben auch nie darüber gesprochen, wie er es gemacht hat. Jetzt verstehen wir, was er sich im Detail dabei gedacht hat, damit das Kreuz für die extremen Verhältnisse auf lange Sicht hält. In dem Rohr ist mehr drin, als man glaubt.

Was bedeutet Ihrer Familie die Gipfelkreuz-Tradition?
Das begleitet uns das ganze Leben. Meinen Vater würde es furchtbar freuen, dass mein Team und ich es restaurieren. Er ist leider vor drei Jahren gestorben, aber vielleicht schaut er trotzdem von irgendwo zu. Meine Mutter erzählt gern, dass ihr Mann das Gipfelkreuz geschaffen hat. Wir haben auch alle ein Zugspitzkreuz als Anhänger und freuen uns immer, wenn wir es irgendwo sehen. Deswegen tut es uns auch weh, das Zugspitzkreuz so beschädigt zu sehen.