Kopfschuss-Killer: Die Spur führt in die Türkei

Ein undurchsichtiger Import-Export-Laden geriet in Istanbul ins Visier. Ein Türke (42) aus Kreisen der Wettmafia wurde auch wegen der Mordserie vernommen. Vor wem haben Angehörige Angst?
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Er verfolgt in Zusammenhang mit der unheimlichen Morderie noch immer jede Spur: Kripo-Mann Georg Schalkhaußer.
dpa Er verfolgt in Zusammenhang mit der unheimlichen Morderie noch immer jede Spur: Kripo-Mann Georg Schalkhaußer.

Ein undurchsichtiger Import-Export-Laden geriet in Istanbul ins Visier. Ein Türke (42) aus Kreisen der Wettmafia wurde auch wegen der Mordserie vernommen. Vor wem haben Angehörige Angst?

NÜRNBERG Wer ist der Killer? Diese Frage stellte sich die Kripo nach dem Mord an Blumenhändler Enver S. (†38) zum ersten Mal – und danach immer wieder. Der türkische Geschäftsmann und acht weitere Menschen wurden seit Beginn der mysteriösesten Mordserie Deutschlands mit der selben Waffe erschossen. Die Antwort, wer der Killer ist, sind die Ermittler bis heute, auf den Tag genau zehn Jahre nach der Tötung des Blumenhändlers, schuldig geblieben.

In der Krimiserie „numbers“ ist ein Mathematik-Professor der Star der Ermittler. Er kommt den Verbrechern mit Hilfe von hochkomplizierten Wahrscheinlichkeitsberechnungen auf die Spur. Die futuristisch wirkende Methode aus dem Fernsehen ist auch bei uns längst Wirklichkeit. „Bei der Suche nach dem Serienmörder wurden unter anderem auch Mathematiker eingesetzt“, ist aus Kripo-Kreisen zu hören. Der Entlarvung des Mörders, der seine blutige Spur quer durch Deutschland (u.a. Nürnberg, München, Dortmund, Hamburg) zieht, hat auch der Einsatz des Rechenkünstlers nicht gedient.

Der Aufwand bei der Suche nach dem „Kopfschuss“-Killer sprengt alle Grenzen. Elf Millionen Geldtransfers zum Beispiel wurden von der Soko „Bosporus“ (bis zu 160 Kripobeamte) gecheckt, 3,7 Millionen Handyverbindungen unter die Lupe genommen. Nichts. Das Dilemma geht aus den Worten von Nürnbergs Polizei-Pressesprecherin Elke Schönwald hervor: „Wir haben alles auf den Kopf gestellt. Aber es gibt keine belastbaren Hinweise auf organisierte Kriminalität, und auch keine belastbaren Hinweise auf einen Einzeltäter, der von Ausländerhass oder ähnlichen Motiven geprägt sein könnte.“

Rätsel um die zweite Waffe

Genau genommen kann die Polizei nicht einmal die Frage beantworten, ob ein, zwei oder gar noch mehr Täter das blutige Werk vollbrachten. Eine tschechische Ceska vom Kaliber 7,65, die vermutlich in der Schweiz verkauft wurde, aber unauffindbar ist, wurde bei allen neun Morden eingesetzt. Bei zwei Morden wurde aber auch ein Pistole vom Kaliber 6,35 verwendet. Blumenhändler Enver S. war eines der Opfer, die durch die Kugeln aus beiden Waffen starben. Wer oder wie viele Personen schossen, ist ungeklärt.

Fahnder aus Bochum hörten im Zuge der Ermittlungen gegen die internationale Sportwetten-Mafia ein Telefongespräch ab, in dem der Name eines 42-jährigen Türken genannt wird. Sein Name, wie von der Nürnberger Justiz bestätigt wird, taucht aber auch in Zusammenhang mit der ungeklärten Mordserie an acht Türken und einem Griechen auf. Als Täter oder Drahtzieher scheidet er nach Polizeiangaben jedoch inzwischen aus.

Mafiöse Verbindungen in die Türkei könnten trotzdem eine Rolle spielen. Immerhin widmete sich die Nürnberger Kripo, mit Unterstützung ihrer Kollegen am Bosporus, sehr intensiv einem undurchsichtigen Import- und Exportgeschäft in Istanbul. Mehr als vage Verdachtsmomente, dass der Inhaber etwas mit den Verbrechen in Deutschland zu tun haben könnte, blieben jedoch nicht zurück.

Angehörige des ermordeten Blumenhändlers räumten lange nach der Tat einmal ein, dass sie Angst hätten. Vor der Mafia? Auch diese Frage blieb unbeantwortet.

Helmut Reister

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