Kopfschmerz durch Föhn lindern: Sofortmaßnahmen und Vorbeugung

Meteoropathie – so lautet der Fachbegriff für Wetterfühligkeit. Wie stark Menschen darauf reagieren, lässt sich beeinflussen, wie Forschungen belegen.
Ralf Schlenger |
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen
Bei Föhn haben viele Menschen Probleme wie etwa Kopfschmerzen. Schon Karl Valentin befand: „Wer beim Föhn ned krank ist, der ist überhaupt ned gesund.“
Bei Föhn haben viele Menschen Probleme wie etwa Kopfschmerzen. Schon Karl Valentin befand: „Wer beim Föhn ned krank ist, der ist überhaupt ned gesund.“ © IMAGO / Westend61

Manche Menschen ahnen jedes Gewitter, spüren jeden Temperatursprung, erst recht bei Föhnlage. Ist Wetterfühligkeit eine taugliche Ausrede für allerlei Verstimmungen – oder schlicht Realität? Falls ja, wie kann man ihr begegnen?

München, 18. Dezember 2019: Um sieben Uhr früh misst die Wetterstation in Neuhausen vier Grad – nur eine halbe Stunde später 13 Grad. Es herrscht eine ausgeprägte Föhnlage, ein extrem warmer, trockener Wind strömt über den Alpenkamm gen Norden. Neben dem plötzlichen Temperatursprung entstehen erhebliche Luftdruckschwankungen mit starkem Wind.

Im Tagesverlauf stellen sich im Freistaat Temperaturunterschiede von bis zu 20 Grad ein; Werte um den Gefrierpunkt nördlich von München bis zu 18 Grad am Alpenrand. Ein dermaßen starker Föhn ist auch für Südbayern ungewöhnlich, kommentierte der Meteorologe Martin Schwienbacher vom Deutschen Wetterdienst.

Kopfschmerz und Konzentrationsstörungen 

Aber das Beispiel zeigt, wie der Föhn binnen kürzester Zeit die regionale Wetterlage buchstäblich auf den Kopf stellt. Mit unterschiedlichen Folgen für die Menschen. Die meisten genießen die grandiose Fernsicht in der extrem klaren Luft.

Andere geraten in eine an Euphorie grenzende Hochstimmung mit unbändigem Leistungsdrang. Aber nicht wenige lasten dem Föhn vielerlei Beschwerden an: von Kopfweh, Konzentrationsstörungen über Unruhe und Schlafprobleme bis hin zu Gelenk- und Narbenschmerzen. Manche Statistik berichtet einen Anstieg von Herzinfarkten und Selbstmorden. Einer, von dem berichtet wird, dass er bei jedem Föhneinfall depressiv wurde, der Philosoph Karl Valentin, brachte das Phänomen so auf den Punkt: 

Wer beim Föhn ned krank ist, der ist überhaupt ned gesund.

Karl Valentin

Wechselspiel zwischen Wetter und Mensch

Zweifellos hat das Wetter einen großen Einfluss auf unseren Organismus. Medizin-Meteorologen unterscheiden drei Reaktionen: die normale Anpassung an das Wetter, die Wetterfühligkeit und die Wetterempfindlichkeit. Die normale, physiologische Reaktion bei Temperaturschwankungen ist die, dass der Körper bestrebt ist, die Kerntemperatur von 37 Grad aufrechtzuerhalten. Zuständig dafür ist das vegetative Nervensystem.

Es steuert automatisch, meist unbemerkt, die Anpassungs- und Regulationsvorgänge des Körpers auf äußere Reize. Zum Beispiel ziehen sich bei Kälte die Hautgefäße zusammen; das Blut wird gleichsam in den Körper gedrückt, damit überlebenswichtige Organe, insbesondere das Gehirn, weiterhin ausreichend durchblutet werden.

Bei Hitze geschieht das Umgekehrte. Die Blutgefäße in der Haut ziehen sich zusammen, die Schweißdrüsen werden aktiviert, damit der Körper verstärkt Wärme nach außen abgeben kann.

Stichwort: Wetterfühligkeit

Von Wetterfühligkeit spricht man, wenn Menschen auf Veränderung von Luftdruck, Temperatur und Feuchtigkeit deutlich empfindlicher reagieren als andere. Dafür gibt es den Fachausdruck Meteoropathie.

Was klingt wie eine Krankheit, bezeichnet lediglich eine erhöhte Ansprechbarkeit des vegetativen Nervensystems auf Wettererscheinungen. Wenn etwa bei einer Warmfront eine Überwärmung des Körpers droht, gibt das vegetative Nervensystem einen starken Impuls, Blut aus dem Körperinneren in die Hautgefäße zu verlagern. „Dieser vermehrte Blutanteil in den Hautgefäßen fehlt dann beispielsweise auch im Gehirn, so kann es dort zu einer Minderdurchblutung und zu Kopfschmerzen kommen“, erklärt Prof. Jürgen Kleinschmidt, ehemals Akademischer Direktor am Institut für Medizinische Balneologie und Klimatologie der LMU München.

Bei Föhn, wenn die Lufttemperaturen innerhalb von 24 Stunden um 10 Grad und mehr ansteigen, sei dieser Effekt besonders ausgeprägt. Bei Menschen, deren Körper darauf nicht eingestellt ist – eben den wetterfühligen – können dann durch Minderdurchblutung bedingte Kopfschmerzen auftreten.

Eine wärmebedingte Weitstellung der peripheren Gefäße lässt auch den Blutdruck sinken. Hier kommen auch die Druckrezeptoren (Barorezeptoren) in den Gefäßen ins Spiel. Sie nehmen bei empfindlichen Menschen gewisse niederfrequente Luftdruckschwankungen wahr. Diese sogenannten „Schwerewellen“ von 4 und 20 Hertz pro Minute können entstehen, wenn atmosphärisch ein Hochdruck- auf ein Tiefdruckgebiet stößt. Geringe Luftdruckschwankungen gehen der sichtbaren Wetteränderung voraus, was die Vorfühligkeit mancher Menschen erklären könnte.

Ein uralter Schutzreflex?

Als Erklärung für Wetterfühligkeit werden auch die sogenannten Sferics (Kürzel für das englische Wort atmospherics) diskutiert. Der Begriff steht für das impulshaftes Auftreten natürlicher, schwacher elektromagnetischer Wellen in der Atmosphäre.

Diese Wellen entstehen zum Beispiel durch Blitzschlag oder luftelektrische Schwankungen. Dass empfindliche Menschen auf Sferics reagieren, lässt sich im Laborversuch nachweisen. Indes wurde weder für Sferics noch für irgendeinen anderen Auslöser belegt, dass er alleine für Wetterfühligkeit verantwortlich ist.

Manche Forscher sind übrigens der Ansicht, dass es sich bei der Wetterfühligkeit um einen uralten Schutzreflex handelt: Die besonders empfindsamen unter den Menschen warnten die Sippe vor einem Wetterwechsel.

Stichwort: Wetterempfindlichkeit

Menschen, die an einer Herz- und Kreislauferkrankung, an Migräne, Asthma, Bluthochdruck oder rheumatischen Krankheiten leiden, zeigen häufig eine besondere Wetterempfindlichkeit. Diese wird von der Wetterfühligkeit unterschieden, welche ansonsten gesunde Menschen betrifft.

Bei Wetterempfindlichkeit werden Symptome der Grunderkrankung durch Wetterphänomene spürbar oder verstärkt. Wer ohnehin unter niedrigem Blutdruck leidet, und das sind in erster Linie Frauen, wird von einem abrupten Temperaturanstieg kalt erwischt, wird folgerichtig leichter schlapp und müde.

Rheumatiker spüren ihre Gelenke und verspannten Muskeln; man vermutet, dass erst bei niedrigen Temperaturen die Schmerzschwelle erreicht wird.

Kälte beeinflusst die Blutgerinnung, den Blutfettspiegel und die Sauerstoffversorgung des Herzens, was Menschen nach Herzinfarkt gefährden kann. Große Narben und Amputationsstümpfe reagieren auf Veränderungen von Temperatur und Feuchtigkeit. Die Folge sind Narbenschmerzen und bei Amputierten die Stumpf- und Phantomschmerzen.

Mehr Vermutungen als Wissen

Den vielen Hypothesen stehen wenig harte Daten gegenüber. Noch nie wurde bewiesen, dass Migräne, Schlappheit oder Gelenkschmerzen direkt vom Wetter abhängen. Und doch schwören Betroffene Stein und Bein, dass es genau so ist.

Frauen klagen eher über Wetterfühligkeit als Männer, ältere Menschen eher als jüngere, Stubenhocker häufiger als wackere Spaziergänger.

Oft trügt auch die Selbsteinschätzung: In einer Studie der Münchner Universität dokumentierten 1300 föhnempfindliche Menschen für längere Zeit ihr Befinden. Längst nicht alle verspürten an Föhntagen tatsächlich vermehrt Kopfschmerzen oder andere Beschwerden.

Insgesamt kam es an föhnstarken Tagen nur zu rund 10 Prozent mehr Kopfschmerzanfällen als an Tagen ohne Föhn. Professor Kleinschmidt sieht im Föhn nur eine von vielen Ursachen für Kopfschmerzen, mit einem „überschaubaren Einfluss“.

An Bedeutung gewinnt dieser Einfluss in der kalten Jahreszeit, wenn die warme Föhnluft zu extremen Anstiegen im Vergleich zu den üblichen Temperaturen führt. Im Sommer bleiben Föhnlagen für die meisten Menschen unbemerkt – von der phänomenalen Fernsicht abgesehen.

Abhärtung gegen Wetterfühligkeit

Ob beweisbar oder nicht, für viele wetterfühlige Menschen ist der Leidensdruck real, manchmal enorm. Wie können sie dem begegnen? Hinweise darauf liefert die Beobachtung, dass Polizisten, Sportler und alle, die im Freien arbeiten, seltener unter Wetterfühligkeit leiden.

Angela Schuh, Professorin für medizinische Klimatologie an der LMU, hat gezeigt, dass sich die Symptome der Wetterfühligkeit durch Training stark vermindern lassen.

Erstens sollten Betroffene sanft ihre Ausdauer trainieren. Zweitens sollten sie sich natürlichen Wettereinflüssen häufiger aussetzen, um das Thermoregulationssystem zu trainieren. Ideal sei ein täglicher, einstündiger, zügiger Spaziergang an der frischen Luft in nicht zu warmer Kleidung. Dies trainiere Ausdauer und Thermoregulation gleichzeitig.

Wie es zum Föhn kommt

Die Bezeichnung Föhn kommt vom lateinischen favonius für „lauer Westwind“. Föhn steht als meteorologischer Begriff für einen warmen, trockenen Fallwind, der häufig auf der windabgewandten Lee-Seite von größeren Gebirgen auftritt.

Beim alpinen Südföhn zieht warme und feuchte Luft vom Mittelmeer Richtung Norden und wird an der breiten und hohen Alpenwand zum Aufsteigen gezwungen.

Die feuchtwarme Luft kühlt sich dabei um 1,0 Grad Celsius pro 100 Meter Höhenanstieg ab. Da kalte Luft weniger Wasser aufnimmt, bilden sich Stauwolken, es kommt zum Steigungsregen. Das Ausregnen setzt Wärme frei, die in der Luft gespeichert wird. Die abgeregnete Luft zieht über den Bergkamm und strömt, dem Gefälle folgend, an der Nordseite hinab.

Der Föhn hat Schattenseiten

Beim Absinken erwärmt sie sich schneller, als sie sich beim Aufsteigen abkühlte. So kommt sie in tieferen Lagen mit höheren Temperaturen und extrem trocken an. Der Föhnwind kann mild oder stürmisch sein. Bis auf die föhntypischen Linsenwolken über den Berggipfeln bläst der Föhn die Wolken weg und macht einen strahlend blauen und sonnigen Tag. Die Wärme verändert den Brechungsindex der Luft und ist außerdem extrem klar. Dies zusammengenommen, lässt die Berge zum Greifen nah erscheinen.

Es passiert nur zwei bis drei Mal im Monat, dass eine Luftmasse vom Gardasee die Alpen überwindet.

Der Föhn hat Schattenseiten: Durch die hohen Windgeschwindigkeiten und die Trockenheit der Luft steigt bei Föhn die Gefahr von Waldbränden und Sturmschäden stark an. Mit der Klimaerwärmung ist auch ein Anstieg der Maximaltemperaturen bei Föhnlagen zu erwarten.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
Noch keine Kommentare vorhanden.
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.