Kebema-Panoramabrücke: Unbeabsichtigter Instagram-Hotspot

Die Sektion Neumarkt des Alpenvereins hat unbeabsichtigt einen Instagram-Hotspot erschaffen. Die AZ hat ihn sich angeschaut.
| Ralf Müller
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Der Aus- und Anblick ist freilich herrlich. Aber nur selten hat man die Brücke mittlerweile für sich allein.
Zillertaltourismus/Tom Klocker 3 Der Aus- und Anblick ist freilich herrlich. Aber nur selten hat man die Brücke mittlerweile für sich allein.

Karg ist die Landschaft hier oben, gut 2.400 Meter über dem Meeresspiegel und 700 Meter über dem Schlegeis-Speichersee ganz am Ende des Zemmtals in den Zillertaler Bergen Tirols. Man erwartet hier knorrige Bergfexe vom Schlag eines Luis Trenker, die sich über die Felsbrocken übersäten Hänge des Olperer (3476 Meter) nach oben kämpfen, um am Gipfelkreuz Berg-Heil auszurufen, doch es kommt ganz anders: Horden von jungen Leuten, viele nur mit Sneakern oder Turnschuhen ausgestattet, dafür mit teurer Kameraausrüstung und Schminkköfferchen bewaffnet werden von den Sozialen Medien hinauf getrieben. Nur um ein Foto zu machen.

Einreihen, bitte! Alle wollen ein Foto auf der Brücke.
Einreihen, bitte! Alle wollen ein Foto auf der Brücke. © Ralf Müller

Nur ein Brücken-Foto? Das Foto ihres Lebens!

Grund für den Auflauf, der jetzt im August zu Corona-Zeiten einen neuen Höhepunkt erreicht hat, ist eine eher zierliche Hängebrücke. Sie trägt den Namen "Kebema-Panoramabrücke", wobei sich nicht klären ließ, wofür "Kebema" eigentlich steht.

Sicher ist nur, dass die Sektion Neumarkt in der Oberpfalz des Deutschen Alpenvereins (DAV) mit der schaukeligen Brücke 2007 die alte Überquerung eines Gebirgsbachs ersetzte.

Brücke über dem Speichersee wird zum Instagram-Hotspot

Die "Kebema-Panoramabrücke" kann es an Länge nicht annähernd mit den in den letzten Jahren aus touristischen Gründen entstandenen oder geplanten Fußgänger-Hängebrücken aufnehmen und sie führt auch nur ein paar wenige Meter über den rauschenden Riepenbach. Das Besondere an ihr und dem reizvollen Spiel mit der Perspektive erkannte wohl als erster Manuel Daum, der mit seiner Mutter Katharina die Olpererhütte führt: Personen auf der Brücke können aus bestimmten Winkeln so fotografiert werden, als balancierten sie 1.000 Meter über dem Speichersee und frei schwebend vor den Gletschern der Zillertaler Berge.

Influencer erklären ein solches Brücken-Bild zum Lebensziel Irgendwie fanden vor etwa zweieinhalb Jahren Fotos von den zwischen Himmel und Erde schwebenden Wanderern ihren Weg ins Internet. 2020 zeigt sich an den Flanken des Olperer mit erhöhter Intensität, was es heißt, zum "Instagram-Hotspot" zu werden: Hunderte pilgern insbesondere an den Wochenenden von den großen Parkplätzen des Schlegeis-Speichersees zur Olpererhütte und ihrer inzwischen weltberühmten Brücke.

Blick von der Hütten-Terrasse auf den Schlegeisspeicher.
Blick von der Hütten-Terrasse auf den Schlegeisspeicher. © Carsten Reiff

Und das, obwohl Touristen aus Ländern außerhalb der EU wegen der Corona-Reisebeschränkungen der Weg ins Zillertal noch versperrt ist.

Internet-Seiten mit Namen wie "beforewedie" (bevor wir sterben) erwecken den Eindruck, man habe sein Leben verschwendet, wenn man kein Foto von sich auf der Panoramabrücke in den Zillertaler Bergen vorweisen kann.

"Wenn du jemals die Chance hast, eine Wanderung zur Olpererhütte zu machen, dann tu mir den Gefallen und mach das", dichtet ein Influencer. Das verfehlt seine Wirkung nicht: 2019 war das Hängebrückenbild angeblich das meistgepostete Instagram-Foto Österreichs, berichtet die Zillertal Tourismus GmbH. Vor dem Foto, das angeblich über das Erreichen des Lebensziels entscheidet, haben die Alpen doch ein paar Mühen gesetzt. Auf die Olpererhütte führt keine Seilbahn. Vom Parkplatz aus windet sich ein steiniger, nicht gerade bequemer Weg über 650 Schweiß treibende Höhenmeter hinauf zur ersehnten Location. 90 Minuten soll es laut Hinweistafel dauern, bis man auf der Hütte angekommen ist.

Viele unterschätzen die Distanz und laufen nur mit Turnschuhen

Tatsächlich wundern sich die meisten Amateur-Bergsteiger, dass sie nach zweieinhalb Stunden noch immer nicht am Ziel angekommen sind. Die vom DAV nach einer bestimmten Formel errechneten Gehzeiten hätten wohl nur einem Reinhold Messner in seinen besten Zeiten getaugt.

Fragwürdige Hinweise aus dem Netz machen es nicht unproblematischer: "Turnschuhe reichen aus." Immerhin ist der Weg in die nicht ganz leichte "Kategorie T2" eingestuft. Anforderungen: "Etwas Trittsicherheit. Trekkingschuhe sind empfehlenswert. Elementares Orientierungsvermögen."

So leidet denn bei den vielen jungen Frauen, die sich von ihrem meist männlichen Hobby- und Fanfotografen in schwindelerregender Höhe ablichten lassen wollen, die kunstvoll aufgetragene Schminke durch den mühsamen Aufstieg. Zum Glück hat sich die Olpererhütte auf solche Bedürfnisse eingestellt und stellt im Damen-WC einen überdimensionalen Spiegel zur Verfügung. Es kommt auch gelegentlich vor, dass Brautkleider und andere Outfits hinaufgeschleppt werden, um oben für den einzigartigen Look zu sorgen.

Lange Wartezeiten an der Brücke

Es kann an Wochenenden übrigens bis zu zwei Stunden dauern, bis man die Brücke für die eigene Fotosession für ein paar Minuten allein hat. Dieser Tage musste sogar die Polizei mit einem Hubschrauber anrücken, um Streit zwischen Wanderern und den Instagram-Models zu schlichten.

Karl Gottschalk, Vorsitzender der DAV-Sektion Oberpfalz, sieht den Hype auf die Brücke am Olperer als "Fluch und Segen zugleich". Dem Geschäftserfolg der vereinseigenen Hütte tue der Rummel sicher gut, andererseits mache die Unbedarftheit vieler Bergstürmer Sorgen. Zum Glück sei noch nichts Ernstes passiert.

Historie der Kebema-Panoramabrücke

Die Brücke ist nur der letzte Eintrag in das an Ereignissen reiche Geschichtsbuch der Olpererhütte. Sie wurde 1881 von der Sektion Prag des deutschen-österreichischen Alpenvereins errichtet, später von der Sektion Berlin übernommen und 2004 an die Sektion Neumarkt verkauft. Die Neumarkter gaben schließlich den Auftrag für eine der modernsten Hütten im Alpenraum.

Langweilig wurde es auch vor Instagram-Hotspot auf 2.389 Metern Seehöhe nicht. Immer noch im Bewusstsein der Einheimischen ist die frühere Wirtin Olga Platzer, die sich einen legendären Ruf als "Olpererhexe" erarbeitete.

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