Kaltenbergs Kult-Narr: Der Mann hinter Wandelbar
Jeder Umzug startet mit ihm: Er bläst in seine Trillerpfeife, putzt mit seinem Staubwedel die Gesichter der Zuschauer und zieht allerlei Grimassen. Wer schon einmal das Kaltenberger Ritterturnier besucht hat, kennt ihn: Den Narr in dem braunen Lederkostüm mit der Kappe, von der ein großes Horn absteht und eine graue Mähne bis zum Po reicht, und dem weißen Punkt auf der Nase. Sein Name: Wandelbar – "Kaltenbergs Maskottchen", wie er über sich selbst sagt. Der dienstälteste Arenateilnehmer feiert dieses Jahr auf Kaltenberg sein 35-jähriges Jubiläum und seinen 60. Geburtstag.
Setzt er die Narrenkappe einmal ab, ist Wandelbar wieder Jens Olaf Manscheid – ein gelernter Gastronom, der seit seinem 20. Lebensjahr auf Mittelaltermärkten Getränke ausschenkt. Auch auf Kaltenberg betreibt er zwei Stände: die Märchenküche und die Wandelbar, die es schon vor der Figur gab. "Der Name kam nicht von mir, sondern von einem anderen Veranstalter, der irgendwann angefangen hat, mich so zu rufen", erinnert er sich. Er hielt das für einen treffenden Gauklernamen: "Bei der Wandelbar ist der Narr mit Bar." In der Öffentlichkeit will er nur unter diesem Namen genannt werden.
Wandelbars Anfänge: "Wir brauchen einen mit so einem großen Maul"
Auch den Weg nach Kaltenberg fand der Gastronom über seine Schenke im Jahr 1991 – elf Jahre nach dem ersten Ritterturnier im Jahr 1980. Wegen der sommerlichen Hitze wurde ein benachbarter Stand seine Filzhüte nicht los – Wandelbar schloss daraufhin eine Wette ab, dass er die erfolgreich bewerben könnte. Im Schlosshof stellte er sich daraufhin auf eine der Bierbänke und erzählte eine Geschichte vom Robin-Hood-Hutverkäufer. Die Kaltenberger Veranstalter wurden darauf aufmerksam: "'Wir brauchen einen mit so einem großen Maul.' Dann sagte ich: 'Dann bin ich hier ja genau richtig'", so der Gaukler lachend.

Das tut er im Gespräch mit der AZ oft – trotz professioneller Ausbildung zum Clown hat er nichts vom Klischee des im Privaten traurigen Unterhaltungskünstlers. "Ich mache mich wirklich gern zum Kasper", sagt Wandelbar. Ihm bereit es großen Spaß, dass die Menschen auf ihn zukämen und er wiederum auf sie.
Jahrzehntelang betrieb er nicht nur seine Stände, sondern trat auch als Gaukler auf Mittelaltermärkten in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf. Seine Heimat als Künstler blieb aber immer Kaltenberg. "Irgendwann fragte Prinz Heinrich (Veranstalter von Kaltenberg, d. Red.), ob ich nicht nur noch in Kaltenberg spielen möchte", sagt Wandelbar. Das ist inzwischen seit über zehn Jahren so. Für ihn ist Kaltenberg Familie: "Die meisten meiner Freunde arbeiten hier." Nun, da seine zwei Kinder erwachsen sind, will der in Bochum geborene Wahl-Bayer, der lange auch in Berlin gelebt hat, wieder in der Nähe von Kaltenberg wohnen.
Wandelbar: "Die haben mich nur noch umarmt"
Bereits in seinem zweiten Kaltenberg-Jahr, 1992, trat er als Wandelbar in der Arena auf. Und führte, obwohl er damals "der Neue" war, bald schon den dortigen Umzug an: "Am dritten Wochenende hieß es: 'Jens, du musst nach vorn gehen!'" Ein weiteres Jahr später stand er dann auch an der Spitze des Geländeumzugs, den es im Gegensatz zum Arena-Umzug bis heute gibt. Bis auf 2018, als er sich bei der Generalprobe ein Bein gebrochen hatte, führte er den auch jedes Mal an.
Die komische Mimik, das ausgefallene Kostüm – Wandelbar geriet schnell in den Fokus der Besucher. Und bleibt es bis heute: Kinder machen große Augen, die Eltern halten ihn auf Bildern fest. "Nach Corona war es tränentreibend, wie froh die Leute waren, dass ich noch da bin", sagt Wandelbar, "Ich konnte gar nichts mehr machen: Die haben mich nur noch umarmt und Fotos gemacht wie Verrückte."

Wie geschätzt der Narr beim Publikum ist, zeigt auch seine Ehrung als erster Gauklerkönig von Kaltenberg – damals noch ein reiner Publikumspreis, den er im Jahr 2006 mit großem Abstand für sich gewinnen konnte. "Da war ich natürlich wahnsinnig stolz und habe damit gar nicht gerechnet", sagt Wandelbar. Immerhin springt die Konkurrenz durch die Luft, jongliert oder spielt wortwörtlich mit dem Feuer.
Wandelbar unterhält derweil vor allem mit seinem vielseitigen Gesicht und der dazu passenden Gestik – ohne viel zu sprechen. Mit seiner tiefen, rauen Stimme scherzt er: "Reden tue ich ja sonst noch genug. Spätestens wenn ich nach Feierabend wieder in meiner Bar bin."
Wandelbar: "Heute kriege ich das nicht mehr hin"
Ein Tag auf Kaltenberg beginnt für ihn damit, seine Stände vorzubereiten. Wenn seine Mitarbeiter übernehmen, kann er sich aufs Auftreten konzentrieren. Dafür muss er in der Regel eine Stunde vorher zum Eingang: Er und zwei Herolde übernehmen die Begrüßung. Später folgt der Geländeumzug und der Höhepunkt des Abends: das Ritterturnier. Dort gehört er fest zum Programm.
Mit Fernsehmoderator Roman Roell, der 15 Jahre lang durch das Turnier führte, etablierte er die La-Ola-Welle als festen Bestandteil des Vorprogramms. Wegen einer Panne mit den Pferden war der Beginn verschoben worden; stattdessen musste Wandelbar einen Publikum-Block nach dem anderen dazu animieren, im richtigen Moment die Arme in die Luft zu reißen. "Früher bin ich die La-Ola komplett mitgelaufen. Heute kriege ich das wirklich überhaupt nicht mehr hin, aber ich laufe, so schnell es geht!", sagt er und lacht.

Sein Job während des Turniers: sich in der Arena herumtreiben und das Publikum anspornen, wann immer es geht. Als es noch den Umzug in der Arena gab, war es sein Markenzeichen, dass er den Auszug verpasste – und als Letzter vor verschlossenen Toren stand. "Das vermisse ich natürlich ein bisschen, weil mir das sehr viel Spaß gemacht hat", gesteht Wandelbar. Weil die Show aber immer länger wurde, war für den Arena-Umzug keine Zeit mehr.
In manchen Jahren darf er auch eine kleine Rolle im Stück selbst spielen. Die Show hat sich ihm zufolge seit der Übernahme 2013 von Prinz Heinrich von Bayern, Sohn von Prinz Luitpold von Bayern, vom Turnier zum Theater-Spektakel entwickelt. Das heißt, die Stücke wurden länger, anspruchsvoller und die auf dem Gelände verteilten Lagergruppen involvierter.
Ritter-Darsteller sahen früher auf Gaukler herab
Das hat auch das Verhältnis der Darsteller zueinander verändert: "Vorher war das alles ein bisschen getrennt." Die Ritter-Darsteller hätten auf die Gaukler herabgeschaut – getreu der mittelalterlichen Ständegesellschaft. "Wir mussten uns unseren Platz richtig erkämpfen", sagt Wandelbar. Über die Jahre seien die Darsteller aber "wahnsinnig zusammengewachsen". "Heute haben wir alle miteinander Spaß", sagt der langjährige Gaukler.
Für ihn sind die drei Wochen Kaltenberg wie Urlaub. Er lebt in dieser Zeit mit den anderen Künstlern, die von weiter her anreisen, in einem Sommercamp vor dem Gelände. Unter der Woche trifft er sich mit Freunden zum Essen, verbringt Zeit am Ammersee – und sammelt Kraft, um die hohen Temperaturen in der mit Sand gefüllten Arena auszuhalten, die ihn auch an diesem Wochenende wieder erwarten. "Da kann sich die Hitze richtig stauen, das ist schon heftig", sagt Wandelbar. Doch schlimmer als die Hitze ist der Regen: "Das ist ein Albtraum. Ich kann mich an Turniere erinnern, da ist mir in der Arena das Wasser in die hohen Narrenstiefel reingelaufen."
Seine Rolle als Wandelbar ist auch abseits des Wetters körperlich fordernd – und er wird älter. Deshalb sagt der altgediente Gaukler: "Ziel ist es, dass ich bis 66 durchhalte." Das wären 40 Jahre als Narr in Kaltenberg. Dem Turnier gänzlich den Rücken zu kehren, kommt für ihn jedoch überhaupt nicht infrage: "Dann möchte ich gerne Kaltenberger Geschichten erzählen." Über die schönen und die aufregenden Sachen, die über all die Jahre rund um das Turnier passiert sind, auch hinter den Kulissen. "Geschichten von und zu Kaltenberg", nennt er es. Zu eben so einer ist er selbst längst geworden.
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