Jobwechsel: Vom Bierbrauer zum Pharmaproduzenten

Jobwechsel geplant? Auch Harald Schneiders Berufsweg klingt ungewöhnlich. In der AZ erzählt er, warum er den Wechsel nie bereut hat.
| Ruth Schormann
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Schutzanzüge sowie Netze über den Haaren und dem Bart sind in der Fermentationsabteilung Pflicht.
Roche Penzberg 2 Schutzanzüge sowie Netze über den Haaren und dem Bart sind in der Fermentationsabteilung Pflicht.
"Ich dachte nie, dass ich jemals in die Richtung gehen würde", sagt Harald Schneider (51).
privat 2 "Ich dachte nie, dass ich jemals in die Richtung gehen würde", sagt Harald Schneider (51).

Penzberg - Die Folgen der Corona-Krise sind in Gänze längst noch nicht abzusehen. Viele bangen um ihre berufliche Zukunft – und ziehen dabei die eine oder andere Möglichkeit vielleicht gar nicht in Betracht, weil sie im ersten Moment so ungewöhnlich klingt.

Doch es gibt Firmen, die speziell auf der Suche nach Quereinsteigern sind. Zum Beispiel in Penzberg – bei Roche werden laut Geschäftsführer Claus Haberda etwa 130 neue Stellen vorwiegend in der Diagnostik- und Pharmaproduktion besetzt.

Harald Schneider tauschte Brauerschürze gegen sterile Schutzanzüge

Dort arbeitet Harald Schneider. Der wirkt ein bisserl so, wie sich mancher ganz klischeebehaftet einen Braumeister vorstellt: Er spricht breites Bairisch, lacht herzlich, trägt einen Schnauzer. Doch der Berufsweg des 51-Jährigen überrascht dann doch: Denn er hat seine Brauerschürze gegen sterile Schutzanzüge und Hopfen und Malz gegen Zellkulturen getauscht.

"Ich dachte nie, dass ich jemals in die Richtung gehen würde", sagt Harald Schneider (51).
"Ich dachte nie, dass ich jemals in die Richtung gehen würde", sagt Harald Schneider (51). © privat

Vor 14 Jahren hat er bei Roche angeheuert – und stellt nun Medikament-Wirkstoffe für Krebspatienten her. Das Unternehmen ist laut eigener Aussage der größte Arbeitgeber im Oberland und beschäftigt am Standort im Norden der Kleinstadt rund 6.400 Mitarbeiter aus über 63 Ländern. Einer von ihnen ist Schneider – als gelernter Bierbrauer ist er längst kein Exot, mindestens 100 der Mitarbeiter seien Brauer.

Auch Metzger, Bäcker und Bioverfahrenstechniker haben in dem Pharmaproduzenten ihre Wirkungsstätte gefunden. "Ich dachte nie, dass ich jemals in die Richtung gehen würde", sagt Schneider zur AZ. 1986 bis 1989 hat er bei Hacker-Pschorr sein Handwerk gelernt. Doch ehemalige Studienkollegen machten ihn neugierig auf die Arbeit in einem Pharmaunternehmen.

Harald Schneider: Kein Arbeitstag ist wie der andere

"Dann habe ich mir gedacht, Bier ist eine schöne Sache, aber wenn man mit dem, was man produziert, Leuten helfen kann, dass sie gesund werden, ist das noch schöner", erzählt der Münchner, der heute in Benediktbeuern lebt.

Der zweite Punkt: die Projektarbeit. Schneider gefällt es, wenn nicht jeder Arbeitstag dem anderen gleicht, schon als Brauer reiste er um die Welt und war zwei Jahre in China tätig. Auch bei Roche gebe es "immer wieder Projekte, in denen man mitarbeiten kann".

Noch 40 Jahre in einer Großbrauerei Flaschen abzufüllen, das habe sich Schneider nach 20 Jahren als Bierbrauer nicht vorstellen können. Warum sucht ein Pharmaunternehmen gezielt nach Brauern? Weil es um Fermentation geht – in beiden Bereichen. "Das, was wir hier machen, hat viel Ähnlichkeit mit der Arbeit in einer Brauerei", sagt Schneider.

Harald Schneider: "Wir vermehren hier Zellen"

Er erklärt: "In der Brauerei stelle ich aus Gerstenmalz und Wasser im Prinzip eine Nährlösung her, die ich mit einer Bierhefe vergäre. Bei Roche gewinnen wir unsere Antikörper aus bestimmten Zellen, die auch eine spezielle Nährlösung brauchen. Im Ansatztechnikum ist meine Aufgabe, diese Nährlösungen aus eiweiß- und stärkehaltigen Pulvern herzustellen. Das Ansatztechnikum entspricht quasi dem Sudhaus in der Brauerei."

Dann geht es weiter: "In der Brauerei habe ich einen Gärkeller, das ist bei uns im Prinzip die Zellfermentation mit ihren großen Edelstahlkesseln. Da passiert nichts anderes. Wir vermehren hier Zellen, die dann Antikörper produzieren. Also auch wieder ziemlich ähnlich. Danach wird in beiden Fällen alles wieder getrennt mit Filtern und Separatoren. Übrig bleibt dann im Prinzip auf der einen Seite das Bier, auf der anderen Seite eine Flüssigkeit mit Antikörpern", schildert er.

Also alles ganz einfach? Nicht ganz. Denn in der Pharmaproduktion geht es doch noch deutlich strenger zu, was Dokumentation und Hygienevorschriften anbelangt. "Wenn ich beim Brauen fünf Kilo Malz vergesse, das schrote ich noch und schmeiß es nach, aber das geht hier in der Pharmaproduktion natürlich nicht. Die Umstellung war schon extrem", erzählt Schneider und muss lachen.

Auch die sterile Umgebung, Haarnetz und Bartschutz sind anfangs neu. Bereut hat er den Wechsel trotzdem nie. Was es bei Roche freilich auch nicht gibt, ist der sogenannte Haustrunk, eine nicht unerhebliche Menge an Bier, die Brauereimitarbeiter bekommen. Aber das ist für Schneider kein Problem: "Ich gehe lieber in den Biergarten, ich hab daheim gar kein Bier rumstehen", sagt er und lacht.

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