Interview

"In jedem anderen Unternehmen müsste der Vorstand längst den Hut nehmen": Ärger um Bayerns Pensionsgelder

Die US-Geschäfte der Bayerischen Versorgungskammer werden immer mehr zum Problem. Zwei Fachanwälte aus München bereiten rechtliche Schritte vor und attackieren den Vorstand.
Alexander Spöri
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In München baut sich die Bayerische Versorgungskammer gerade eine neue Zentrale: In den USA hat sie sich mit Investitionen massiv verhoben.
In München baut sich die Bayerische Versorgungskammer gerade eine neue Zentrale: In den USA hat sie sich mit Investitionen massiv verhoben. © Frank Hoermann/Sven Simon/Imago

Peter Mattil und Stephan Greger gehen in die Offensive: Die zwei Münchner Fachanwälte arbeiten sich seit Wochen in den Skandal um die Bayerische Versorgungskammer (BVK) und ihre Millionen-Zockerei mit Pensionsgeld von Ärzten, Anwälten, Apothekern, Schornsteinfegern sowie weiteren freien Berufsgruppen ein. Jetzt gründeten sie eine Interessengemeinschaft, um den Fall weiter aufzuklären und mögliche Schadensersatzansprüche zu prüfen. Mit der AZ haben sie über ihre Strategie gesprochen.

AZ: Die Verluste der Versorgungskammer in den USA sorgen gerade für einen medialen Wirbel: Haben sich schon Betroffene bei Ihnen gemeldet?
STEPHAN GREGER: Es melden sich täglich Betroffene, die um ihre Altersversorgung besorgt sind. Wir erhalten viel Zuspruch für unsere Arbeit, die gerade erst beginnt.
PETER MATTIL: Es sind unter anderem Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte und Architekten. Wir sprechen mit jedem.

"Die Menschen haben mit solchen Abgründen bei einer bayerischen Behörde nicht gerechnet"

Viele Menschen haben große Sorgen. Was sagen Sie ihnen?
MATTIL: Genau die Frage hatte ich gestern: 'Müssen wir uns Sorgen machen?' Ich habe gesagt, wenn es bei den 853 Millionen Verlust bleibt, dann eher nicht. Hoffentlich sind nicht noch mehr zweifelhafte Investments im Portfolio der BVK.
GREGER: Die Menschen sind völlig entsetzt, da sie mit derartigen Abgründen, bei einer als seriös geltenden bayerischen Behörde, nicht gerechnet haben. Wir hören uns aktuell zunächst deren Sorgen an, was die BVK offensichtlich nicht macht. Und vorab: Wir wollen Aufklärung, Schadensersatz – und Konsequenzen.

Stephan Greger hat bereits vergangenes Jahr die Güteverhandlung zwischen einem gefeuerten Manager und der BVK beim Arbeitsgericht München verfolgt.
Stephan Greger hat bereits vergangenes Jahr die Güteverhandlung zwischen einem gefeuerten Manager und der BVK beim Arbeitsgericht München verfolgt. © Stephan Greger/privat

Wie wollen Sie die Geschäfte der Pensions-Behörde konkret durchleuchten?
GREGER: Wir haben langjährige Erfahrung im Bank- und Kapitalmarktrecht und werden auch externe Kollegen und Spezialisten beauftragen, die nötig sind, um die Interessen der Versicherten wirksam zu vertreten. Darunter sind Experten für Verwaltungsrecht und finanzmathematische Gutachten. Wir werden auf Auskunft klagen und möglicherweise dann auf Schadenersatz – gegen alle für den Schaden verantwortlichen Personen, Organisationen und auch die Organe.

"Es ist unrealistisch, dass das ein Einzelfall ist"

Mit Blick auf die Verluste in den USA: Wie rechnen Sie einen persönlichen Schaden aus, also den jedes Betroffenen?
MATTIL: Das dauert. Es ist unrealistisch, dass die Geschichte in den USA ein Einzelfall ist.
GREGER: Diese Art von Investments, die die BVK eingegangen ist, haben ein Totalverlustrisiko. Dies wird sogar in den Prospekten ausdrücklich erwähnt. Dabei sind die rechtlichen Konstruktionen sehr kompliziert, risikoreich und es entstehen auf allen Ebenen viel zu hohe Kosten. Im Übrigen ist der US-amerikanische Rechtsraum ein für europäische Firmen sehr riskanter Platz. Das mussten schon andere Unternehmen teuer bezahlen. Nicht umsonst heißt es in den USA in manchen Kreisen: "Stupid German Money". Leider sind es in diesem Fall unsere Pensionsgelder.

Der Münchner Fachanwalt für Kapitalmarktrecht hat die Berichterstattung der AZ in den letzten Monaten verfolgt und sich in den US-Fall eingearbeitet.
Der Münchner Fachanwalt für Kapitalmarktrecht hat die Berichterstattung der AZ in den letzten Monaten verfolgt und sich in den US-Fall eingearbeitet. © Peter Mattil/privat

Was genau muss nachgewiesen werden, sodass überhaupt Schadenersatzansprüche geltend gemacht werden können?
MATTIL: Es braucht eine Pflichtverletzung. Dabei ist ein Vorsatz nicht nötig. Doch im US-Fall wurde die BVK sogar vor dem Entwickler Michael Shvo gewarnt.

"Offensichtlich hat der Vorstand seine Behörde nicht im Griff"

Wie bewerten Sie die bisherige Kommunikation mit der bayerischen Pensions-Behörde?
MATTIL: Sie war abweisend und arrogant.
GREGER: Bisher macht das für uns eher den Eindruck, dass die Sache unter den Tisch gekehrt werden soll. In jedem Unternehmen, in dem derartige Zustände herrschen und solche Verluste gemacht werden, müsste der Vorstand längst seinen Hut nehmen. Offensichtlich hat der Vorstand seine Behörde nicht im Griff!

Wann wird es nicht nur in New York, sondern auch in München erste Klagen geben?
MATTIL: Wir sind am Anfang. Erst wird weiter gebohrt und Fakten werden gesammelt. Dann werden wir entscheiden, ob ein kollektives Verfahren möglich ist. Ein Pilotverfahren vielleicht. Das wird noch mindestens dieses Jahr dauern.

Vielen Dank für das Gespräch, Herren, Mattil und Greger.

Betroffene können sich an die zwei Anwälte wenden – unter: "igversorgungswerke.de". 


Erfahren Sie hier mehr zu den Gerichtsverfahren gegen die BVK in New York: Exklusives Interview mit dem früheren Anwalt von Donald Trump.

Hier lesen Sie unsere aktuelle Berichterstattung, warum ein Partner der Bayerischen Versorgungskammer jetzt gegen die Münchner Behörde schießt – und die Verantwortung von sich weist.

In diesem Kommentar beleuchtet AZ-Redakteur Alexander Spöri, der den Fall seit mehr als eineinhalb Jahren begleitet, die aktuelle Kommunikationsstrategie der BVK: "Wie ein Milliarden-Skandal vertuscht wird".

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