Interview

Neid im Tegernseer Tal? Hotelier erinnert sich an Aufruhr um sein "Bussi Baby"

Hotelier und Investor Korbinian Kohler spricht im AZ-Interview über Missgunst im Tegernseer Tal, Hotelnamen mit Skandalpotenzial – und einen Busfahrer, der seinen Sohn anschrie. Ein Blick auf die persönlichen und beruflichen Herausforderungen des Unternehmers, die ihn bis heute prägen.
Michael Schilling
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Inhaber Korbinian Kohler im Tegernsee Phantastisch. Er ist Diplombetriebswirt und hat einen Master in Philosophie, Politik und Wirtschaft. Als Quereinsteiger wechselte er 2010 in die Hotelbranche.
Inhaber Korbinian Kohler im Tegernsee Phantastisch. Er ist Diplombetriebswirt und hat einen Master in Philosophie, Politik und Wirtschaft. Als Quereinsteiger wechselte er 2010 in die Hotelbranche. © Bachmair Weissach

Das Bussy Baby oder das Bachmair Weissach sind Namen, die am Tegernsee jeder kennt. Dahinter steht Korbinian Kohler, der seit 2010 in der Hotelbranche arbeitet. Wie sein Weg vom Quereinsteiger zum erfolgreichen Hotelier verlief, erzählt er im Interview.

AZ: Herr Kohler, wir sitzen hier bei Ihnen im Bachmair Weissach. Sie haben das Hotel 2010 in einer Phase übernommen, in der viele Unternehmer sich zurückzogen. Erinnern Sie sich, was Sie angetrieben hat?
KORBINIAN KOHLER: Wenn ich ehrlich bin: erstaunliche Naivität. Ich kam aus der Papierindustrie, hatte mit Design, Luxusgütern und internationalen Märkten zu tun, aber nicht mit Hotellerie. Als mir 2008, mitten in der Lehman-Krise, das Bachmair Weissach angeboten wurde, dachte ich zunächst, es sei ein reines Immobilienprojekt – und Immobilienentwicklung konnte ich. Dass Hotellerie ein völlig anderes Universum ist, habe ich erst verstanden, als ich schon mittendrin war. Aber die Herausforderung hat mich sofort gepackt. Ich habe mich manisch hineingearbeitet, jede freie Minute investiert.

Beschreiben Sie "manisch".
Ich habe praktisch im Hotel gelebt. Der Hoteldirektor ging, dann die Buchhaltungschefin, dann Housekeeping. Plötzlich war ich allein verantwortlich. Tagsüber habe ich Personal ersetzt, abends Konzepte entwickelt, nachts Bücher studiert. Ich wollte verstehen, wie Hotellerie funktioniert – nicht nur oberflächlich, sondern bis ins letzte Detail. Rückblickend war das der Beginn einer Leidenschaft, die mich bis heute antreibt.

Welche Vision hatten Sie damals für das Hotel?
Ich wollte ein Haus schaffen, in dem alle Generationen einer Familie willkommen sind – mit hohem ästhetischem Anspruch. Viele Grand Hotels schließen Kinder quasi aus. Familienhotels wiederum sind für Erwachsene oft die Hölle. Ich wollte einen Ort, der beides vereint: Ruhe und Schönheit für Erwachsene, Freiheit und Erlebnis für Kinder. Das war der Ausgangspunkt für alles, was später kam.

Kohler: "Da galt man einfach als faul"

Sie haben seitdem zahlreiche Projekte entwickelt, die alle etwas gemeinsam haben: Sie erwecken bestehende Orte zu neuem Leben.
Ja, das ist tatsächlich ein Muster. Ich liebe Orte, die eine Geschichte haben – selbst wenn sie bröckelt. Ich baue selten neu. Beim Bussi Baby (ehemals Kirchenwirt, d. Red.) steckte viel von meinen Jugend- und Reiseerfahrungen drin, beim Clubhaus Tegernsee meine Liebe zur israelischen Küche. Das Wallberghaus entspringt meiner Leidenschaft fürs Wandern und für feine Südtiroler Berghotellerie. Und das Tegernsee Phantastisch entstand aus dem Wunsch, einen Ort für die ganze Familie zu schaffen. Ein Ort, der Bewegung, Pädagogik, Ästhetik und Technologie verbindet.

Sie sprachen über Ihre Kindheit und die Rolle Ihrer Jugend. Was genau hat Sie geprägt?
Etwa die Legasthenie. So etwas wurde damals ja nicht diagnostiziert – da galt man einfach als faul. Mein Vater war ein Mann klarer Worte und klarer Methoden. Als ich in der 9. Klasse sitzen blieb und zur Nachprüfung antrat, hat er mich in den Sommerferien jeden Tag zum Schreiben verdonnert: Jeden Morgen die BR-Nachrichten aufnehmen und als Diktat abgeben. Ich fand es furchtbar. Aber es hat geholfen. Ich habe gelernt, dass man Dinge überwinden kann, die einem nicht liegen. Und ich habe gelernt, zu kämpfen – ohne Drama. Außerdem habe ich die Prüfung bestanden und musste das Jahr nicht wiederholen.

Hat diese Erfahrung dazu geführt, dass Sie heute sehr hohe Ansprüche an sich selbst stellen?
Ich glaube, dass ein Sinn für Details in meiner Branche sehr wichtig ist, es hilft mir bei meiner Arbeit, kann aber auch anstrengend sein – für mich und für andere. Ich neige zum Perfektionismus. Früher hat mich das zu keinem guten Chef gemacht. Ich war ungeduldig, wollte alles gleichzeitig. Heute weiß ich, dass Menschen unterschiedlich arbeiten und unterschiedlich wahrnehmen.

Tegernseer Tal: "Neid zerstört Gemeinschaft"

Ein großes Thema im Tegernseer Tal ist Neid – auch für Sie, oder? Warum?
Ich glaube, das ist ein strukturelles und nicht unbedingt ein persönliches Problem. Neid entsteht in kleinen Gesellschaften schneller als in großen. Hier im Tal sieht jeder, was der andere macht. Und manche reagieren darauf nicht mit Interesse, sondern mit Missgunst. Besonders, wenn jemand etwas Unkonventionelles wagt. Ich empfinde Neid als zutiefst unsozial. Er zerstört Gemeinschaft und verhindert Entwicklung.

Wann wurde dieser Neid Ihnen gegenüber besonders sichtbar?
Ich weiß nicht, ob es Neid war, aber ein ganz auffälliger Moment war, als ich Bussi Baby ins Leben gerufen habe. Der Name allein hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Da standen Fernsehkameras vor der Tür. Im Fernsehen sprachen Pfarrer davon, dass "die Toten sich im Grab umdrehen würden". Gemeinderäte wetterten. Und am schlimmsten war, dass ein Busfahrer, als er dort mit Schülern vorbeifuhr, meinen zehnjährigen Sohn anschrie, was für ein schrecklicher Mensch ich sei – wegen eines Hotelnamens! So etwas vergisst man nicht.

Ein Stück Luxus: Korbinian Kohler trainiert und arbeitet auf den Ironman hin.
Ein Stück Luxus: Korbinian Kohler trainiert und arbeitet auf den Ironman hin. © privat

Weil der Name nach Schickimicki oder gar Swingerclub klingt? Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich habe es ausgehalten und versucht, mit Humor zu reagieren. Bei der Eröffnung gab es ein "Vögelzimmer" mit echten Wellensittichen, eine Peep-Show, die vollkommen harmlos war, und ironische Elemente, die den Leuten ihre eigenen Fantasien vor Augen geführt haben. Danach war die Stimmung plötzlich freundlich. Viele, die zuvor geschimpft hatten, wurden zu Fans.

Luxus: Umverteilung von oben nach unten

Ihre Objekte stehen auch für Luxus. Was bedeutet Luxus für Sie persönlich?
Freiheit. Zeit. Selbstbestimmung. Materielle Dinge sind mir nicht so wichtig. Mein Luxus ist es, Zeit mit meiner Familie zu verbringen, zu trainieren, ein Jahr auf einen Ironman hinzuarbeiten oder in Ruhe zu leben. Das ist echter Luxus. Aus dieser Freiheit kann dann Kreativität entstehen.

Gleichzeitig sagen Sie, Luxus sei sozial. Wie passt das zusammen?
Luxusgüter und Luxushotellerie schaffen Wertschöpfung – direkt und sofort. Gäste geben Geld aus, das unmittelbar bei Mitarbeitern, Lieferanten, Bauern, Handwerkern ankommt. 40 Prozent der Einnahmen fließen direkt in Löhne. Das ist Umverteilung von oben nach unten, die denjenigen, die das Geld ausgeben, auch noch Freude bereitet – besser geht es doch gar nicht. Das gilt übrigens ganz allgemein für alle Luxusindustrien.

Hat Ihre Sicht auf Luxus auch mit einer spirituellen Haltung zu tun?
Das kann sein. Ich bin Pantheist. Ich glaube also, dass das Göttliche in allem liegt. Schönheit und Spiritualität widersprechen sich nicht. Eine Kathedrale ist sowohl spirituell als auch Luxus. Das Schöne und das Gute hatten schon von jeher auch in der antiken Philosophie eine enge Verbindung.

Sie haben auch das Wildbad Kreuth übernommen. Der Umbau stockt. Was haben Sie dort vor?
Wildbad Kreuth ist ein ganz außergewöhnlicher Ort. Ich sehe dort enormes Potenzial für Gesundheit, geistige Erholung, medizinische Betreuung, mentale Stärkung. Die letzten Jahre – Corona, Ukrainekrieg, Inflation, Zinsen – haben das Projekt verzögert. Aber der Antrag auf Bau-Vorbescheid ist eingereicht. Wenn der genehmigt ist, können wir weiterarbeiten. Viele Menschen kommen dort hin und sagen mir ungefragt: "Das ist ein Kraftort."

Kohler: "Der Tegernsee ist größer, als man dachte"

Warum machen Sie immer weiter? Warum immer neue Projekte?
Weil es meine Form von Leben ist. Ich erwecke Orte wieder zum Leben. Das ist meine Leidenschaft. Ich tu das nicht für meine Kinder – die sollen ihren eigenen Weg gehen. Ich tu es, weil ich gestalten will.

Kennen Sie Sorgen und Angst noch?
Natürlich. In den ersten Jahren hatte ich massive Sorgen. Nächte, in denen ich nicht schlafen konnte. In diesen Phasen schrieb ich meine Sorgen auf ein Blatt Papier, das ich danach verbrannte. Das klingt einfach, aber es funktioniert. Bei größeren Zäsuren bin ich gerne wandern gegangen, beispielsweise auf dem Jakobsweg oder vom Tegernsee an den Gardasee.

Sie haben viel Zeit im Ausland verbracht. Was bedeuten Ihnen große Städte?
Städte wie Paris, London oder New York sind Inspirationsorte. Dort fühle ich mich frei, neugierig, wach. Die Energie solcher Metropolen finde ich toll.

Trotzdem sind Sie an den Tegernsee zurückgekehrt.
Weil ich irgendwann gemerkt habe, dass man die Welt nicht verlassen muss, wenn man sie vermisst. Man kann sie sich holen. Ein Restaurant wie das Mizu, das Clubhaus, internationale Impulse – das alles bringt die Welt nach Hause. Und plötzlich merkt man: Der Tegernsee ist größer, als man dachte.

Und welche Botschaft wollen Sie in der alten Heimat vermitteln?
Dass wir uns weniger vergleichen und mehr inspirieren sollten. Luxus ist sozial. Und Neid ist das Gegenteil davon. Wenn wir das verstehen, wird das Miteinander leichter.

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