Holetschek macht Vorstoß für bessere Pflege in Bayern

Pflegerinnen flüchten erschöpft und frustriert aus dem Beruf, der Notstand in den Einrichtungen ist allgegenwärtig. Bayern will den Beruf aufwerten - etwa auch mit Steueranreizen.
| dpa
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Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU).
Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). © Peter Kneffel/dpa
Nürnberg

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) hat Vorschläge für eine umfassende Reform zur Verbesserung der Pflegesituation im Freistaat vorgelegt. "Die Pflege ist unabhängig von der Corona-Pandemie die große gesellschaftliche Herausforderung der kommenden Jahre. Wir brauchen sowohl mehr gut qualifiziertes Personal als auch Versorgungsformen, die besser auf die Menschen zugeschnitten sind. Das Ganze muss zudem finanzierbar sein", sagte Holetschek.

Neben der Förderung des Pflegepersonals will Holetschek die Pflegeversicherung künftig stärker positionieren. "Die Pflegeversicherung muss als substanzieller Beitrag zur Absicherung des finanziellen Risikos spürbarer werden, das eine Pflegebedürftigkeit mit sich bringen kann", sagte er. "Die Menschen wollen bei Pflegebedürftigkeit nicht zum Sozialfall werden oder ihren Angehörigen zur Last fallen." Künftige Generationen dürften nicht übermäßig belastet werden.

Er forderte ein Drei-Säulen-Modell, bei dem die Pflegeversicherung die Kosten für unterschiedliche Leistungen übernimmt - von der stationären Versorgung bis zur Unterstützung durch Angehörige. Außerdem müsse die Vor-Ort-Pflege verbessert werden. "Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, auch bei Pflegebedürftigkeit in ihrem gewohnten sozialen Umfeld und Teil des gesellschaftlichen Lebens bleiben zu können. Hierzu sollen die Versorgungsstrukturen vor Ort gestärkt werden."

Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) schlug Holetschek eine ständige Pflegereserve und steuerliche Vergünstigungen für die Bediensteten vor. "Wir müssen mehr Menschen, mehr Köpfe im System haben, ich glaube das ist unabdingbar", sagte der Minister. Es sei etwa denkbar, Zuschläge steuerfrei zu stellen. Die Kosten wären dann vom Steuerzahler zu tragen.

"Ich möchte, dass wir uns über den Wert der Pflege unterhalten und uns auch gesellschaftlich noch mal versichern, was wir denn wollen", sagte der Minister. Es gebe nur zwei Richtungen: Entweder gehe es hin zu einer Pflegeversicherung oder zu einem Steuerzuschuss. Der Pflegeberuf müsse mehr Kompetenzen übertragen bekommen und zu einem echten Beruf der Gesundheitsvorsorge entwickelt werden. "Fakt ist, dass wir so nicht weitermachen können."

Die Nachfrage nach Pflegekräften auf dem bayerischen Arbeitsmarkt sei ungebrochen, sagte der Leiter der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, Ralf Holtzwart. "Wir sehen, dass der Bedarf an Pflegefachkräften bei weitem nicht gedeckt werden kann", sagte er. Das bedeute langfristig noch deutlich höhere Investitionen.

Derzeit würden 2800 Menschen in Bayern von den Arbeitsagenturen zu Pflegekräften qualifiziert. Die Pflege habe aber in der Corona-Krise auch an Stellenwert gewonnen, die Pflegeschulen hätten einen Zulauf erfahren. Viele junge Menschen wollten etwas Sinnvolles leisten.

Bayern hat bereits einen Pflegepool gegründet, in dem Freiwillige - etwa aus dem Beruf ausgeschiedene Menschen, die früher einmal im Gesundheitswesen tätig waren - sich für spontane Einsätze registrieren können. Das Instrument funktioniere, es sei aber klar, dass es nicht ausreiche, sagte Holetschek. Mehr als 3800 Freiwillige hätten sich bereits gemeldet. "Der Pool ist ein guter Aufschlag, aber im Kern noch nicht die Lösung", sagte er.

Die Hilfe durch Pflegekräfte aus dem Ausland sei ebenfalls eine willkommene Ergänzung, könne aber nicht die tragende Säule sein, sagte Holtzwart. Die Anstrengungen müssten aus dem eigenen Land heraus kommen. "Die Pflege muss für die Menschen attraktiv sein." Dabei spiele neben der Bezahlung auch die Frage der Arbeitszeiten eine Rolle. So könnten etwa Schichtsysteme verbessert und attraktiver gemacht werden. Außerdem könnten Aufgaben aus der Pflege ausgegliedert werden, etwa Catering.

Einen zunehmenden Trend zur Akademisierung sehen sowohl der Minister als auch der Arbeitsmarktexperte skeptisch. "Ich weiß nicht, ob das dem Menschen im Bett tatsächlich hilft", sagte Holtzwart. Es gehe darum, einen vernünftigen Mix zu finden zwischen der Pflege am Menschen und einem Berufsbild, das auch gewisse Aufstiegschancen beinhalte.

© dpa-infocom, dpa:210314-99-815374/2

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