Hitze-Krise in Bayern: Ministerin Kaniber warnt vor dramatischen Folgen

Die tropische Hitze lässt die Menschen schwitzen, die Ernteerträge zurückgehen, Seen und Flüsse immer weniger Wasser führen. Welche Folgen hat das für den Tourismus und die Landwirtschaft im Freistaat? Die AZ hat darüber mit der zuständigen Ministerin Michaela Kaniber (CSU) gesprochen.
AZ: Frau Kaniber, die wichtigste Frage gleich zu Beginn: Wie bleiben Sie bei dieser Hitze cool?
MICHAELA KANIBER: Ganz ehrlich? Man darf sich möglichst nicht stressen lassen und sollte locker damit umgehen. Aber mir ist bewusst, dass viele unter der Hitze leiden. Ich persönlich kann mit Hitze sogar besser umgehen als mit Kälte. Es ist auch schön, mal einen richtigen Sommer mit lauen Abenden zu erleben. Wahr ist aber: Natürlich trifft uns spürbar der Klimawandel.

In dieser Woche kratzen die Temperaturen erneut an der 40-Grad-Marke, gleichzeitig sorgen Starkregen-Ereignisse für Verwüstung. Ist Bayern ausreichend auf den Klimawandel vorbereitet?
Wir tun alles, um in der Vorbereitung noch besser zu werden. Das zeigt schon die Tatsache, dass wir in der letzten Kabinettssitzung vor der Sommerpause genau darüber gesprochen haben: Wie wir mit Starkregen-Ereignissen umgehen; wie wir Wasser zurückhalten können, um es wieder zur Verfügung zu haben, wenn diese Trockenzeiten und Dürren entstehen. Unser Ministerium ist intensiv dabei, gemeinsam mit den Kommunen, den Menschen vor Ort und mit den Ämtern für ländliche Entwicklung Schwammregionen in Bayern einzurichten. Aktuell sind es zehn mit 146 Kommunen.
Was geschieht dort?
Ganz einfach gesagt: Wir machen unsere Landschaft wieder stärker zum Wasserspeicher. Die einen Kommunen setzen auf Klimagärten. Die nächsten sagen, wir machen das über Gräben, versuchen da mit einer Begrünung das Wasser zurückzuhalten, sodass es in der Region bleibt und zu Trockenzeiten wieder abgegeben werden kann. Es ist wichtig, dass wir Wasser speichern, wenn wir es haben – und dass ein Starkregen am Ende des Tages eben nicht in Rekordzeit ins Schwarze Meer abfließt.
Die Landwirtschaft leidet: "Die Situation ist dramatisch und extrem besorgniserregend"

Trotzdem hat der Freistaat aktuell mit der Trockenheit zu kämpfen. Was hören Sie aus der Land- und Forstwirtschaft, Stichwort: Hitzestress?
Die Situation ist dramatisch und extrem besorgniserregend. Deswegen müssen wir den Bäuerinnen und Bauern ganz klar signalisieren, dass wir niemanden alleine lassen. Die Ernte wird dieses Jahr in vielen Bereichen unterdurchschnittlich ausfallen. Und das vor dem Hintergrund, dass die Kosten für Betriebsmittel und Produktion gestiegen sind, die Erlöse aber immer weiter sinken. Das macht mir wirklich große Sorgen.
Wie lässt sich gegensteuern?
Wir hoffen auf Gemeinsinn. Darauf, dass der Lebensmitteleinzelhandel ordentlich mit den Bäuerinnen und Bauern verhandelt und ihnen als Urproduzenten mehr Rückhalt gibt. Und darauf, dass unsere Verbraucherinnen und Verbraucher ganz gezielt zu bayerischen Produkten greifen – und nicht zu irgendwelchen Waren aus dem Ausland, die zu ganz anderen Bedingungen hergestellt werden. Aber auch die Politik muss entlasten, zum Beispiel bei Bürokratie.

Der Wasserpegel des Bodensees sinkt jeden Tag um zwei bis drei Zentimeter, auf dem Starnberger und dem Chiemsee werden Stege wegen des Niedrigwassers nicht mehr angefahren. Die Isar hat bei Plattling einen historischen Tiefstand erreicht. In anderen Gewässern machen sich Blaualgen breit. Ab wann wird diese Entwicklung gefährlich für den Tourismus-Standort Bayern?
Ein weiteres Beispiel wäre die Weltenburger Enge, wo im Moment auch keine Flussschifffahrt stattfindet. In diesen Fällen muss man sich ernsthaft Gedanken über eine technische Lösung machen, die eine Wasserstandsanhebung ermöglicht. Ganz so einfach ist das aber nicht, weil es ein Eingriff in die Natur und oft auch in geschützte Gebiete ist. Aber: Man muss auch sehen, dass es sich bei diesen Pegel-Tiefständen um Spitzenzeiten handelt, in denen die Trockenheit eben enorm zuschlägt. Ein Dauerzustand sind sie glücklicherweise noch nicht.

Wie stehen Sie zu gesetzlich verordneten Wassersparmaßnahmen wie zuletzt in München, aber auch in anderen Landkreisen im Freistaat?
In die Politik der Stadt München möchte ich mich nicht einmischen. Aber grundsätzlich muss man unterscheiden: Sperrt man Brunnen, weil sie einfach eine Sehenswürdigkeit darstellen? Oder handelt es sich um Trinkbrunnen? Oder verbessern sie das Mikroklima auf einem Platz? Dann sollte man nicht sparen, sondern den Menschen die Möglichkeit geben, sich zu erfrischen oder ihre Trinkflasche aufzufüllen – gerade, wenn es so heiß ist.
Ich bin keine Ärztin, aber der gesunde Menschenverstand rät uns doch allen, die enorme Mittagshitze zu meiden
Zurück zum Tourismus: Viele Urlauber kommen zu uns, weil es hier eben nicht so heiß ist wie etwa in Spanien – werden die künftig nach Norden abwandern? Urlaub auf dem Bauernhof etwa dürfte deutlich weniger attraktiv sein, wenn die idyllischen Wiesen verdorrt sind, und Camping bei 40 Grad macht auch keinen Spaß …
Da kommt die bayerische Angebotsvielfalt ins Spiel: Bei uns gibt es die Möglichkeit, trotzdem kühle Orte anzufahren. Sei es ein See, eine wunderbare Klamm oder ein Wald, in dem man spazieren gehen kann. Da ist es überall frischer, kühler und besser auszuhalten als unmittelbar in der prallen Sonne am Meer. Und es geht auch um die eigene Urlaubsplanung und -gestaltung: Wie verteile ich meine Aktivitäten auf den Tag oder zu welchen Zeiten bin ich draußen unterwegs? Ich bin keine Ärztin, aber der gesunde Menschenverstand rät uns doch allen, die enorme Mittagshitze zu meiden. Also: Um 12 Uhr besser in die Klamm als auf einen Berggipfel! Wenn die Menschen da ein bisschen umdenken, schützen sie nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern auch die der Einsatzkräfte von Bergwacht und Rotem Kreuz.

Overtourism? "Das Wort verwende ich nicht, weil es für Bayern nicht zutrifft"
Oft tummeln sich die Erholungssuchenden dann aber in Scharen an "Hotspots“ wie dem Eibsee, was wiederum den Anwohnern das Leben schwer macht. Hat Bayern in einigen Regionen ein Overtourism-Problem?
Das Wort verwende ich nicht, weil es für Bayern nicht zutrifft. Natürlich gibt es immer wieder Spitzenzeiten, die sehr extrem genutzt werden, und dann empfinden Gäste wie Einheimische diesen Tourismus als belastend. Wir versuchen deshalb, die Regionen bei der Besucherlenkung zu unterstützen, etwa indem Auslastungsdaten in Echtzeit erfasst und digital ausgespielt werden. Ein positives Beispiel ist die Bayerische Seen-Schifffahrt. Wer sein Ticket vorher online für weniger stark nachgefragte Zeiten bucht, zahlt etwas weniger. Genauso gibt es Regionen, die Parkgebühren unter der Woche günstiger ansetzen, um den Besucherdruck an den Wochenenden rauszunehmen. Parkplatzreservierungen, Kontingentierungssysteme oder Parkraummanagement und Tipps für weniger frequentierte Orte sind tolle Instrumente, um die Regionen zu entlasten.

Kaniber über Selfie-Tourismus: "Das ist tatsächlich ein Problem"
Haben diese Instrumente denn eine Chance gegen den Selfie-Tourismus wie etwa am Infinity-Pool über dem Königssee?
Das ist tatsächlich ein Problem. Deshalb wird dieser Punkt bei unserer zukünftigen Ausrichtung sehr wichtig sein. Es wäre schön, wenn wir das digital mit Echtzeitdaten so auslegen könnten, dass man sieht: "Aktuell ist der Wanderparkplatz für eine bestimmte Region gnadenlos überfüllt – aber hier hast Du Alternativen.“ Schaut Euch einfach etwas anderes Schönes an! Es muss doch nicht unbedingt genau an diesem einen Tag der Königs-, der Chiemsee oder das Schloss Neuschwanstein sein. Es gibt Hunderte andere tolle Seen und Ausflugsziele in Bayern, die allesamt sehenswert sind – und wo die Besucher in Ruhe parken können, ganz ohne Stress.

Welche Geheimtipps gibt die Ministerin?
Haben Sie einen oder zwei Geheimtipps für uns?
Wenn ich in Bayern unterwegs bin, und das bin ich sehr viel, sehe ich immer wieder herrliche Flecken, von denen ich sage: Da will ich noch mal hin, wenn ich mal mehr Zeit habe. Es braucht gar nicht diesen einen Geheimtipp. Wer die Augen aufmacht, sieht: Wir leben in einem wundervollen Land. Nicht umsonst fliegen Touristen um die halbe Welt, um Bayern zu erleben und zu genießen.
Schließlich darf ich da leben, wo andere gerne Urlaub machen
Letzte Frage: Wo macht Bayerns Tourismus-Ministerin in diesem Sommer Urlaub?
Sonst fahre ich im Sommer oft in die Heimat meiner Eltern nach Kroatien, wo noch das alte Elternhaus steht. Aber wir waren heuer an Pfingsten schon dort. Jetzt im Sommer bleiben wir im Berchtesgadener Land. Schließlich darf ich da leben, wo andere gerne Urlaub machen. Wir werden auf ein paar Almen wandern. Und dort freuen wir uns auf a g’scheide Brotzeit.