"Hidden Champion" aus Bayern: Warum es dieses nostalgische Museum mit den ganz großen in München aufnehmen kann

Wenn man mit dem Zug im Bahnhof von Nördlingen ankommt, wundert man sich über eine lange Parade von alten Loks und Waggons, die auf mehreren Gleisen gegenüber der Bahnstation aufgereiht sind. Die Veteranen der Schiene in unterschiedlichem Erhaltungszustand sind Teil des "Bayerischen Eisenbahnmuseums" (BEM), einem privaten gemeinnützigen Verein, der vor mehr als 40 Jahren im Nördlinger Ries eine Heimat gefunden hat. Mit seinem enormen Fuhrpark von 300 Fahrzeugen kann es das BEM ohne Weiteres mit den großen Eisenbahnmuseen aufnehmen und als einer der "Hidden Champions" unter den Technikmuseen gelten.
An Wochenenden hat man gute Chancen auf die Dampfrösser
Auch, weil ein guter Teil der Museumsstücke regelmäßig auf der Schiene bewegt wird. An Wochenenden oder Feiertagen ist die Chance im Nördlinger Ries groß, eines der gewaltigen Dampfrösser an der Spitze eines Zuges auf einer der alten Strecken von Nördlingen nach Gunzenhausen oder Harburg zu erspähen. Zu den Paradestücken zählt eine bayerische Dampflok des Typs 3/6 aus dem Jahr 1918, die regelmäßig unter Dampf gesetzt wird. Die S3/6 startete im Mai 1996 zu einer 3.700 Kilometer langen Deutschland-Tour. Im Einsatz ist auch die klassische Schnellzuglokomotive des Typs 001, die seit 2014 wieder vor Sonderzügen in ganz Deutschland anzutreffen ist.

Insgesamt umfasst die Nördlinger Sammlung 40 Dampfloks, von denen neun betriebsbereit sind. 15 der 700 Vereinsmitglieder haben eigens einen Lokführerschein erworben, um die Dampfrösser bewegen zu dürfen. Der sonst ausgestorbene Job des Heizers überdauert in Nördlingen bis heute. In dem historischen dreiteiligen Lokschuppen verbergen sich ungeahnte Raritäten.
Eine "Dampfspeicherlok" fürs Schwabinger Krankenhaus
So eine "Dampfspeicherlok" aus dem Jahr 1912, die bis 1972 Kohlewagen vom längst aufgelösten Güterbahnhof München-Schwabing zum Schwabinger Krankenhaus transportierte. "Dampfspeicher" bedeutet, dass in der Lok selbst keine Kohleverbrennung stattfand, sondern sie den Dampf über ein Ventil von außen bezog – eine Voraussetzung für den Einsatz in Bereichen, in denen offenes Feuer verboten war.

So wie jede einzelne Lok ihre Geschichte hat, blickt auch der Trägerverein des Museums auf bewegte Zeiten zurück. Aus der Taufe gehoben wurde der Verein durch Eisenbahnbegeisterte im Jahr 1969, berichtet der Vorsitzende Ekkehard Böhnlein. Der Apotheker stieß als junger Student zu den Münchner Bahnverrückten und ist seit 1971 Vorsitzender – also seit rekordverdächtigen 55 Jahren.
Die Sammelwut stieß in München auf Platzprobleme
Die Sammelwut des Eisenbahn-Vereins stieß in München schon bald auf Platzprobleme. Die vom Verein erworbenen alten Loks und Waggons mussten auf viele Standorte verteilt werden. In den 80er-Jahren bot sich die einmalige Gelegenheit, ein stillgelegtes Bahnbetriebswerk samt Schuppen, Drehscheibe und Werkstätten auf 40.000 Quadratmeter Fläche zu erwerben. Die 1848 von der königlich-bayerischen Staatsbahn errichtete Anlage in Nördlingen war im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und anschließend für den neuen Dampfbetrieb der Deutschen Bundesbahn wieder instandgesetzt worden.
Der inzwischen auf 700 Mitglieder angewachsene Verein steckte im Laufe der Jahre ungezählte Ehrenamts-Stunden in das Betriebswerk, legte alte Architektur frei und ertüchtigte die drei je fünfständigen Lokschuppen, die Schienen und die Drehscheibe. Gleichzeitig wuchs der Bestand an Schienenfahrzeugen aller Art. Während die älteste und noch betriebsbereite Lok "Füssen" aus dem Jahr 1889 datiert, widmet man sich auch dem Diesel- und dem Elektrozeitalter. So zählt unter anderem eine stattliche E 03, die DB-Schnellfahrlokomotive der ersten Generation, zum Bestand.
Keine Konkurrenz zu Nürnberg oder München?
Die jüngsten, aber bereits museumsreifen E-Loks stammen aus dem Jahr 1976. Zwei Akkumulator-Rangierloks aus den Jahren 1930 und 1937 sowie ein Triebwagen aus dem Jahr 1954 beweisen, dass man auch damals schon mit Batterie fahren konnte. Instandhaltungsfahrzeuge, Kräne und viele Personen- und Güterwaggons, von denen viele schon weit mehr als 100 Jahre auf der Achse haben, fanden ebenfalls ihren Weg nach Nördlingen.

Der Museumsverein will dem DB-Museum in Nürnberg, dem Deutschen Museum in München und dem Dampflokomotiv-Museum in Neuenmarkt-Wirsberg nicht Konkurrenz machen, sondern sucht sich sein eigenes Konzept. Gezeigt werden soll ein Bahnbetriebswerk aus den 1950er-Jahren mit allen dazugehörigen Anlagen. Weil Vereinsmitglieder nahezu täglich an Ausstellungsstücken und Anlagen arbeiten, entstand so etwas wie ein "lebendes" Museum. Höhepunkt ist der regelmäßige historische Zugbetrieb, der neben dem Eintrittsgeld (acht Euro), einem bescheidenen Jahresmitgliedsbeitrag und gelegentlichen Spenden für Einnahmen sorgt.
Die Deutsche Bahn lässt sich alles bezahlen
Wer glaubt, dass Loks und Waggons dem BEM in großem Stil gespendet werden, der irrt. Gerade auch die Deutsche Bahn lasse sich alles bezahlen, merkt Vereinsvorsitzender Böhnlein an. Während nach dem Ende der DDR und der Fusion der Deutschen Reichsbahn mit der Bahn AG relativ viele Fahrzeuge auf den Markt kamen, habe sich das Angebot auf dem Gebraucht-Eisenbahn-Markt inzwischen stark ausgedünnt.
Bei interessanten Exemplaren greift das BEM weiterhin zu und legt dafür fünfstellige Beträge hin. Wer das alles rechnerisch überschlägt, kommt zu dem Schluss: Mit den Einnahmen aus Eintritt, Sonderfahrten und Mitgliedsbeiträgen kann das BEM trotz eines unschätzbar hohen Anteils an ehrenamtlicher Arbeit nicht auskommen, auch wenn unlängst ein Zuschuss von 150.000 Euro aus dem bayerischen Denkmalfonds für den Bau einer neuen Depothalle zugesagt wurden.

Allein die ständigen TÜV-Prüfungen am betriebsbereiten Material kosten eine Menge Geld. Eine 1987 gegründete und 2000 in "BayernBahn GmbH" (BYB) umbenannte Tochtergesellschaft des Vereins wird daher gezielt zur Existenzsicherung des Museums genutzt. Die BYB übernahm die Verantwortung für die Strecken Nördlingen-Dinkelsbühl-Dombühl (54 Kilometer), Nördlingen-Gunzenhausen (39 Kilometer) und Landshut-Neuhausen (15 Kilometer) sowie mehrere Gleisanschlüsse und wickelt darauf Personen- sowie Güterverkehre ab
"Arbeit für die nächsten 100 Jahre"
Das kommerziell arbeitende Eisenbahnverkehrsunternehmen kauft beispielsweise regelmäßig historische Loks auf. Die Instandhaltung der Gleisanlagen, Hallen und Werkstätten wird durch die BYB mitgetragen. So aufgestellt kann das BEM Pläne für die Zukunft schmieden und weiter sammeln. Man habe noch etwas Platz, sagt Vereinsvorsitzender Böhnlein und blickt auf die zahllosen verrosteten Fahrzeuge: "Und Arbeit für die nächsten 100 Jahre."