Herrn Reissners Gespür für Schnee

Auf die Einschätzung von Bernhard Reissner verlassen sich Sportler, Behörden, Liftbetreiber: Der Förster liefert Informationen für den Lawinenlagebericht.
| Elke Richter
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Bernhard Reissner, Revierförster beim Forstbetrieb Schliersee und Mitglied in der Lawinenkommission, ist mit den Hunden Ronja und Mali unterwegs, um die Lawinensituation einzuschätzen.
Angelika Warmuth/dpa Bernhard Reissner, Revierförster beim Forstbetrieb Schliersee und Mitglied in der Lawinenkommission, ist mit den Hunden Ronja und Mali unterwegs, um die Lawinensituation einzuschätzen.

Bernhard Reissner steht bis zum Bauch im Schnee und fährt sachte mit dem Finger durch das kalte Weiß. Bevor es nicht minus 20 Grad hat, zieht der 39-Jährige höchst selten Handschuhe an.

Dabei ist er jeden Tag stundenlang draußen. Reissner gehört zu den 25 Ehrenamtlichen, die für den Lawinenwarndienst die Schneedecke in den Bayerischen und Allgäuer Alpen beurteilen – damit Wintersportler ihr Risiko im alpinen Gelände abschätzen können.

Auf Bernhard Reissner hören alle

Auch Lawinenkommissionen, Liftbetreiber und Behörden stützen sich auf den täglichen Lawinenlagebericht, wenn sie entscheiden, ob eine Straße gesperrt, eine Lawine künstlich ausgelöst oder ein Ort geräumt werden muss.

Seit Jahresbeginn riefen die Experten um Hans Konetschny, dem Chef der Lawinenzentrale, an zwölf Tagen die zweithöchste der fünf europaweit einheitlichen Warnstufen aus. Allerorten rumpelten teils große Lawinen zu Tal, Ortsteile wurden von der Außenwelt abgeschnitten oder – wie Raiten – vorsichtshalber geräumt.

Konetschny und seine Kollegen stützen ihre Urteile auch auf 19 Wetterstationen, die entlang des Alpenbogens verteilt sind. Doch bei den aktuellen Verhältnissen lieferten auch die nicht immer zuverlässige Messdaten – einige waren schlicht vereist.

Umso genauer hört Konetschny zu, als Bernhard Reissner anruft. Nicht einmal eine Stunde zuvor hat Reissner am Rauhkopf einen Blocktest gemacht. Mit einer Lawinenschaufel grub er ein großes Loch in den Schnee, in dessen Mitte eine etwa 40 mal 40 Zentimeter breite Säule stehenbleiben sollte. Doch noch bevor die vierte Seite freigelegt war, brach die Spitze des Blocks ab – ein Alarmzeichen.

Der Schnee hat eine Menge zu erzählen

Behutsam fährt Reissner mit dem Zeigefinger von oben nach unten durch den Schneeblock. Am Anfang kommt kompakter, gebundener Schnee, nach 25 Zentimetern knirschen kantige Kristalle am Fingernagel.

Die Gefahr: Auf dieser ein Zentimeter dicken Schicht könnten Skifahrer bei ausreichender Steilheit die gefürchteten Schneebretter auslösen. Das wird im Lawinenlagebericht vermerkt. Reissner ist permanent in seinem Revier unterwegs. Mit seinen Hunden stapft er durchs Gelände. Dabei entgeht ihm nichts: Hier ist ein Geländerücken abgeblasen, dort hängt eine Wechte.

Am einen Hang zeigen sich Lockerschneerutsche, am anderen ein 150 Meter breiter Anriss eines Schneebretts. Wie tief sinken seine Schuhe ein? Bis zu welcher Meereshöhe ist der Schnee auf Bäumen abgetaut? Aus allen Informationen zieht Reissner seine Schlüsse und gibt sie weiter – damit die Allgemeinheit so sicher wie möglich ein Wintermärchen erleben kann. Auch wenn ein Restrisiko selbst bei Stufe 1 immer bleibt.

Lesen Sie hier: Schnee-Chaos in Bayern: Miesbach hebt Katastrophenfall auf

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