Große Unterschiede beim Wechsel auf weiterführende Schulen

Ob Gymnasium, Realschule oder Mittelschule: Wo Kinder in Bayern nach der vierten Klasse hingehen, hängt auch von der Region ab. Wie die Lage ist - und welche Kritik sich daran entzündet.
von  dpa
Wie der Stundenplan in der fünften Klasse aussieht, hängt von der Schulform ab - und die wiederum vom Übertrittszeugnis. (Symbolbild)
Wie der Stundenplan in der fünften Klasse aussieht, hängt von der Schulform ab - und die wiederum vom Übertrittszeugnis. (Symbolbild) © picture alliance / Andreas Arnold/dpa

Die Viertklässler in Bayern bekommen am Montag ihre Übertrittszeugnisse - doch auf welche weiterführende Schule die Kinder danach wechseln, ist regional unterschiedlich. In Summe besuchten nach Angaben des Kultusministeriums in den vergangenen Jahren stets rund 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler nach der Grundschule ein Gymnasium. Jeweils um die 28 Prozent gingen auf Real- oder Mittelschule. Doch regional schaut die Verteilung teils ganz anders aus, wie eine Datenanalyse des Bayerischen Rundfunks (BR) bis hinunter auf Landkreisebene ergeben hat.

So wechselten zum Schuljahr 2024/25 in Oberbayern fast 45 Prozent der meist Zehnjährigen auf das Gymnasium - aber nicht einmal 32 Prozent ihrer Altersgenossinnen und -genossen aus Niederbayern. Bei den Realschulen reicht die Spreizung von rund 32 Prozent in Schwaben und Niederbayern bis knapp 26 Prozent in Oberbayern und Oberfranken, wie das Ministerium auf Nachfrage bestätigte. Die Mittelschule besuchten fast 34 Prozent der neuen Fünftklässler aus Niederbayern, während es in Oberbayern nur knapp 26 Prozent waren.

Realschulen auf dem Land positiver wahrgenommen

Warum das so ist, kann das Kultusministerium nicht sicher sagen. Ein möglicher Grund dafür könne die unterschiedliche Erwartungshaltung der Eltern bezüglich des Bildungsweges und der sozioökonomischen Ziele sein - "gegebenenfalls auch in Verbindung mit den weiteren Ausbildungs- und Arbeitsplatzmöglichkeiten in der Region". Zudem sei die hohe Durchlässigkeit des bayerischen Schulsystems bekannt. "Die zunächst getroffene Schullaufbahnentscheidung ist damit keineswegs endgültig."

Der Bildungsexperte Marcel Helbig von der Universität Erfurt erklärt die Unterschiede laut BR damit, dass Familien in ländlichen Regionen ihre Kinder öfter als Städter trotz einer Gymnasialempfehlung auf die Realschule schickten. Das habe die Konsequenz, dass auch viele leistungsstarke Kinder die Realschule besuchten und diese dadurch auf dem Land als starke Schulform wahrgenommen werde. Die Wahl der neuen Schule hänge aber auch vom Bildungshintergrund der Eltern ab, ergänzte Helbig dem BR zufolge. Ebenso spiele die Erreichbarkeit der Schulen und die Infrastruktur vor Ort eine Rolle.

Ein Unding, findet der bayerische Realschullehrerverband. "Die Erreichbarkeit darf nicht das entscheidende Kriterium bei der Wahl der weiterführenden Schule sein", betont dessen Vorsitzender Ulrich Babl. Gerade im ländlichen Raum seien Realschulen bewusst so verteilt, dass sie eine möglichst breite Flächenabdeckung gewährleisteten – oft mit der Konsequenz, dass lange Anfahrtswege mit Bus oder Bahn nötig sind. Deshalb müssten die infrastrukturellen Rahmenbedingungen und Beförderungsmöglichkeiten verbessert werden.

Gymnasiallehrer kritisieren zu niedriges Niveau der Fünftklässler

Der bayerische Philologenverband (bpv) schlägt angesichts der regionalen Unterschiede einen landesweiten Aufgabenpools für die Übertrittsproben vor. Dies würde die Vergleichbarkeit der Schullaufbahnempfehlung erhöhen.

Zugleich kritisierten die bayerischen Gymnasiallehrkräfte ein gesunkenes Niveau bei den neuen Fünftklässlerinnen und -klässlern. Besonders die Basiskompetenzen bereiteten Grund zur Sorge. "Häufiger als früher kommen Schüler an das Gymnasium, für die diese Laufbahn nicht passend ist", schildert der bpv-Vorsitzende Michael Schwägerl. "Das wiederum führt zu Frustrationen und Misserfolgserlebnissen bei Schülern, die im vielgliedrigen Schulsystem passgenauere Angebote finden könnten."

Grüne fordern Gemeinschaftsschulen

Einen anderen Weg wollen hingegen die Grünen gehen. Sie bringen am Mittwoch einen Gesetzentwurf im Landtag ein, der künftig auch in Bayern Gemeinschaftsschulen ermöglichen soll. "Mit zehn Jahren in eine Schulform gesteckt zu werden, setzt Kinder und Familien massiv unter Druck", erläuterte die bildungspolitische Sprecherin Gabriele Triebel. "Längeres gemeinsames Lernen ist der Schlüssel zu mehr Chancengerechtigkeit."

Die Grünen wollen deshalb eine "Öffnungsklausel" im Schulgesetz verankern, wonach Schulträger Gemeinschaftsschulen einrichten können, in denen Kinder von der fünften bis mindestens zur neunten Klasse gemeinsam lernen - inklusiv und binnendifferenziert. So bekämen die Kinder mehr Zeit, ihr Potenzial zu entfalten, und wenig nachgefragte Schulstandorte im ländlichen Raum könnten gesichert werden. Es ist aber nicht zu erwarten, dass der Antrag eine Mehrheit finden wird; die CSU steht fest zum derzeitigen, gegliederten Schulsystem.

Wenn die Viertklässlerinnen und Viertklässler am Montag ihre Übertrittszeugnisse bekommen, ist darin auch eine Schullaufbahnempfehlung enthalten. Sie legt im Normalfall fest, welche weiterführende Schule die Kinder besuchen dürfen. Entscheidend dafür ist die Gesamtdurchschnittsnote in den drei Fächern Deutsch, Mathematik sowie Heimat- und Sachunterricht. Die Selektion in diesem jungen Alter sorgt seit langem für harsche Kritik von Bildungsforschern.

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.