Gesundheitsreport 2016: Warum Frauen anders krank sind als Männer

Der Gesundheitsreport für Bayern zeigt jetzt: Geschlechtsspezifische Krankheiten gibt es wirklich – die Gründe dafür sind komplex.
| Anja Perkuhn
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Der körperlich arbeitende Mann, den es öfter im Rücken zwickt (hier: Ex-Gewichtheber Matthias Steiner) und die Frau (hier: „Let’s Dance“-Partnerin Ekaterina Leonova), die meist psychisch leidet? Das ist zu simpel.
dpa Der körperlich arbeitende Mann, den es öfter im Rücken zwickt (hier: Ex-Gewichtheber Matthias Steiner) und die Frau (hier: „Let’s Dance“-Partnerin Ekaterina Leonova), die meist psychisch leidet? Das ist zu simpel.

München – Im vergangenen Jahr haben sich so viele Bayern krank gemeldet, wie seit 2000 nicht mehr: Der Krankenstand betrug 3,6 Prozent – von 1000 arbeitenden Mitgliedern der Krankenkasse DAK-Gesundheit waren also durchschnittlich 36 pro Tag krankgeschrieben.

Die Zahlen für 2015 bestätigen den Trend der vergangenen zehn Jahre: Die Werte steigen seitdem minimal. Das tun sie, wenn es um Volkswirtschaft und Konjunktur gut bestellt ist, weil sich eine gewisse Entspannung in der Jobwelt einstellt.

Der bayerische Wert ist im landesweiten Vergleich wie gewohnt unterdurchschnittlich. Den niedrigsten Wert gibt es in Baden-Württemberg (3,5 Prozent), den höchsten in Brandenburg (5,2 Prozent).

 

Frauen fehlen häufiger im Job als Männer – dafür jeweils kürzer

 

Für die meisten Ausfalltage in Bayern (21 Prozent) waren die sogenannten Muskel-Skelett-Erkrankungen wie etwa Rückenleiden verantwortlich, gefolgt von Atemwegserkrankungen (16). Die Anzahl der Fehltage wegen solcher Leiden stieg im Vergleich zum Vorjahr um fast ein Drittel an – vor allem wegen der vielen Grippewellen.

Krankschreibungen wegen psychischer Leiden nahmen erneut zu und stehen auf dem dritten Platz (15).

Aus dem Report ergaben sich auch Erkenntnisse zum Unterschied zwischen Männern und Frauen bei Fehltagen und im Umgang mit Krankheit – teilweise überraschende. Beispielsweise fehlen Frauen im Freistaat sechs Prozent häufiger im Job als Männer. An jedem Tag waren durchschnittlich 37 von 1000 weiblichen Beschäftigten krankgeschrieben – und nur 35 Männer. Deutschlandweit ist der Unterschied viel größer.

Männer gehen seltener zum Arzt. Selbst, wenn man Vorsorgeuntersuchungen und schwangerschaftsbedingte Arztbesuche herausrechnet, ging eine Frau 2015 in Bayern 6,8 Mal zum Arzt – ein Mann nur 4,2 Mal.

Frauen fallen bei den einzelnen Krankschreibungen dafür kürzer aus als Männer – insgesamt um 4,5 Prozent. „Daraus lesen wir, dass Frauen auch mal wegen weniger schweren Fällen zuhause bleiben“, sagt Susanne Hildebrandt vom IGES-Institut, das die Studie angefertigt hat.

Männer in Bayern leiden häufiger als Frauen unter Herz-Kreislauf-Problemen (72 Prozent mehr Fehltage deshalb) und haben knapp die Hälfte mehr Fehltage wegen Verletzungen, was laut Sozialwissenschaftlerin Anne Maria Möller-Leimkühler von der Psychiatrischen Klinik der LMU „fast ausschließlich an der höheren Risikobereitschaft von Männern liegt“.

Ein weiterer Faktor ist die unterschiedliche Verteilung der Geschlechter in verschiedenen Bereichen: Männer zum Beispiel häufiger mit großen Maschinen.

Unabhängig vom Geschlecht war die Branche mit dem größten Krankenstand im Freistaat 2015 das Gesundheitswesen (4,1 Prozent). Die wenigsten Fehltage hatten Beschäftigte im Wirtschaftszweig Bildung, Kultur und Medien (2,8). Das bedeutet aber nicht, dass die Arbeitnehmer dort zwangsläufig gesünder sind. „Es gibt unterschiedliche Anforderungen an die Gesundheit am Arbeitsplatz und damit unterschiedliche Definitionen von Arbeitsunfähigkeit“, sagt Susanne Hildebrandt. „Zum Beispiel in der Pflege können Sie mit einem gebrochenen Arm nicht arbeiten.“ In einem anderen Job wäre man damit aber nicht zwingend arbeitsunfähig.

 

Die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen steigt seit Jahren

 

Mehr als doppelt so oft wie Frauen sind Männer von psychischen Störungen wegen Alkoholmissbrauchs betroffen (plus 116 Prozent). Frauen dagegen fehlen öfter (plus 39 Prozent) wegen allgemeiner psychischer Erkrankungen wie Depressionen (siehe Infotext weiter unten).

Die Anzahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen steigt seit etwa zehn Jahren an. „Das ist nicht unbedingt eine Zunahme der Erkrankungen“, sagt Hildebrandt, „sondern hat eher mit zunehmender Offenheit der Gesellschaft und größerer Diagnosegenauigkeit zu tun.“ Im Grunde sei das also eine begrüßenswerte Entwicklung.

Frauen in Bayern haben 59 Prozent mehr Fehltage wegen Krebsleiden, was durch das vergleichsweise frühe Auftreten von Brustkrebs bedingt ist: „Betroffene Frauen stehen oft noch voll im Berufsleben“, sagt DAK-Landeschef Gottfried Prehofer. Die häufigste Krebserkrankung bei Männern, der Prostatakrebs, trete dagegen meist erst im höheren Alter auf, ab etwa 60 Jahren. Diese Erkrankungen werden deshalb im Gesundheitsreport nicht alle erfasst: Die Statistik bezieht sich auf die Fehltage und Krankschreibungen Erwerbstätiger.

Eine der verblüffenden Erkenntnisse ist die, dass der sogenannte „Präsentismus“ – Arbeiten, obwohl man nicht gesund ist – öfter von Frauen betrieben wird: 65 Prozent der befragten Frauen gaben an, 2015 mindestens ein Mal krank gearbeitet zu haben – und nur 60 Prozent der Männer. „Das hat mich auch überrascht“, sagt Möller-Leimkühler. Allerdings erkläre sich das wohl damit, dass die Befragten sich hier selbst einschätzen sollten: „Frauen nehmen Symptome anders wahr, Männer normalisieren sie eher.“

 

Tabu-Krankheit Depression

 

Deutlich mehr Frauen hatten Fehltage wegen psychischer Leiden. Laut Diagnosehäufigkeit erkranken sie auch etwa doppelt so häufig an Depressionen wie Männer. „Das halte ich für einen Mythos“, sagt Möller-Leimkühler. Frauen hätten eine höhere Sensibilität für die Symptome, „Männer dagegen wehren Depressionssymptome ab, maskieren und überkompensieren sie, weil die Erkrankung oft nicht zur Vorstellung von Männlichkeit passt.“

Die Krankheit werde für Männer gesellschaftlich immer noch stigmatisiert und daher systematisch unterdiagnostiziert: „Bei den gleichen Symptomen wird eine Depression von den Betroffenen, deren Umfeld und auch von Ärzten bei Männern schlechter erkannt.“

Dass die Suizidrate bei Männern etwa drei Mal so hoch ist, sieht sie in diesem Kontext. Ebenso die höheren Präsentismus-Zahlen bei Frauen: „Männer gehen mit leichten und moderaten Depressionen trotzdem arbeiten, das passt für mich ins Bild.“

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