Geschichtsträchtig: Das Hitler-Geburtshaus ist nun eine Polizeistation
Eine lange, verzwickte Debatte hat in Braunau am Inn ein Ende gefunden. Die Ordnungsmacht ist nach der Renovierung in das belastete Gebäude in Österreich eingezogen. Vielen ist wichtig: Der Mahnstein davor setzt weiterhin ein Zeichen.
Braunau am Inn scheint an diesem Mittwoch im Ausnahmezustand zu sein. Sonst eher ein verschlafenes Städtchen, stehen Hundertschaften von Bundespolizei schon weiträumig vor der Altstadt, unzählige Polizeifahrzeuge, ein Hubschrauber fliegt in niedriger Höhe über die Salzburger Vorstadt und umkreist vor allem die Hausnummer 15 und die unmittelbare Nachbarschaft.
Adolf Hitler sorgt auch 81 Jahre nach seinem Tod noch für höchste Sicherheitsmaßnahmen. Denn an diesem Tag wird sein einstiges Geburtshaus neu eröffnet – als Polizeizentrum der österreichischen Bundespolizei. Mit einer regelrechten Feier macht man das nicht, dafür ist das Haus auf ewig zu belastet.
Ausgerechnet die Polizei zieht in das belastete Haus
Aber doch mit einer Art von offiziellem Eröffnungsakt auf dem hinteren freien Platz des Anwesens, es reisen der Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) und zwei seiner Vorgänger aus Wien an. Der Termin ist wichtig, Österreich, Europa und weitere Teile der Welt blicken jetzt auf Braunau.

Ausgerechnet die Polizei in dieses Haus? Karner sagt in seiner Rede auf der aufgestellten Bühne: "Unsere Polizei ist das Gegenteil der dunkelsten Zeit in unserer Geschichte und der NS-Symbolik." Das Haus sei nun "ein Ort der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit, Freiheit und der Menschenwürde".
Ganz ungewöhnlich ist die Kombination übrigens nicht: Auch Hitlers Münchner Wohnung in der Prinzregentenstraße ist heute eine Polizeistation.
Im Jahr 2011 entbrannte die Debatte
Zurück nach Braunau: Eine 15 Jahre alte Debatte, ein verkanteter Streit geht damit zu Ende in dem oberösterreichischen Ort mit 17.500 Einwohnern an der Grenze zu Deutschland. 2011 zog die Lebenshilfe, eine Organisation für Menschen mit Behinderungen, als Mieter aus dem damals ziemlich heruntergekommenen Haus Salzburger Vorstadt 15 aus.
Die Frage war nun: Was tun mit dieser Hinterlassenschaft, die engsten Bezug zum NS-"Führer" und Massenmörder Adolf Hitler hat, wofür Braunau aber nichts kann? Und das Haus auch nicht, ein im 17. Jahrhundert errichtetes großes Bürgerhaus.

Stets gab es die Befürchtung, es könnte eine Kultstätte für Neonazis werden. Die kamen auch immer wieder, aber nicht in Massen. Am 20. April 2022, Hitlers Geburtstag, zündeten zwei junge Männer Kerzen vor dem Haus an, sie erhielten eine Anzeige. Die Besitzerin lehnte alle Aufforderungen zu Renovierungen ab und ließ die leere Immobilie verfallen. Bis das österreichische Innenministerium sie 2017 enteignete für 812.000 Euro Entschädigung. Nun war das Haus in der Hand der Republik.
Abriss? Sanierung!
Es gab verschiedenste Ideen. Der damalige Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) machte 2016 einen rigorosen Vorschlag: "Für mich wäre ein Schleifen die sauberste Lösung." Also der Abriss.
Dies wurde als völlige Geschichtsverdrängung kritisiert. Es gab die Idee, die Lebenshilfe wieder einziehen zu lassen, doch die lehnte ab. Ein Treffpunkt für internationale Jugendbegegnungen wurde angedacht – daraus wurde aber nichts.

Schließlich beschloss das Innenministerium in Wien: Das Gebäude soll saniert und eine Polizeistation werden. Denn, so der ÖVP-Innenminister (und spätere Kurzzeit-Kanzler) Karl Nehammer: Die Polizei sei "ein Garant der Demokratie". Das nennt sich "Neutralisierung" eines belasteten Ortes. Nichts sollte mehr an Hitler erinnern. Das Haus ist, so sagen manche Braunauer, der Ort, an dem Hitler "die Windeln gefüllt hat". Drei Monate nach seiner Geburt war die Familie weggezogen.
Mahnstein für Frieden und Demokratie
Vor der Salzburger Vorstadt 15 steht ein 1989 errichteter kniehoher Mahnstein, in ihn ist eingraviert: "Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus, Millionen Tote mahnen". Der Stein stammt aus dem Steinbruch des früheren Konzentrationslagers Mauthausen bei Linz. Er sollte, so die Ansicht des Innenministeriums, auch entfernt und nach Wien ins "Haus der Geschichte Österreich" gebracht werden.
Das sahen viele Braunauer anders, etwa Florian Kotanko. "Der Stein bleibt da", sagt er jetzt der AZ. "Sonst wäre das eine Entsorgung von Geschichte." Kotanko ist 77 Jahre alt, Vorsitzender vom "Verein für Zeitgeschichte Braunau", einst Rektor des hiesigen Gymnasiums.
Ich bin in Braunau geboren und ich bin kein Nazi
Bei Gesprächen sagt er: "Ich bin in Braunau geboren und ich bin kein Nazi." Mit der Polizei-Lösung plus Stein ist er ganz zufrieden. "Es ist die Polizei einer Demokratie", so Kotanko. "Wenn Polizisten das Recht brechen, werden sie auch belangt."

Eine "Neutralisierung" des Hauses sieht Kotanko als nicht machbar und auch nicht wünschenswert an. "Es ist sinnlos, dagegen anzukämpfen, dass Braunau der Hitler-Geburtsort war." Die Frage sei: "Wie geht man damit um?" Der Ort habe eine "Verantwortung für die Gedenkkultur". Da vermisst er einiges an Informationen für Besucher.
So schaut das Gebäude nun innen aus
Die denkmalgeschützte Fassade der Salzburger Vorstadt 15 wurde in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Innen wurde alles völlig auf Polizeibedürfnisse umgebaut. Es gibt Veranstaltungsräume, viele Büros, einen Vernehmungsraum und auch eine Arrestzelle.

Die Polizeimusik Oberösterreich, vier Bläser in Uniform, spielt einige Lieder, am Ende die Hymnen von Oberösterreich und Österreich. Der Propst und Polizeiseelsorger Johann Holzinger segnet zwei kleine, schlichte Holzkreuze, die im Haus angebracht werden. Sie sollen "Halt geben und Orientierungszeichen sein".
Applaus, die Polizeiarbeit kann beginnen.
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