Gericht: Arbeitsverbot auch für corona-freie Erntehelfer

Es ist eine Region, die von der Gurkenernte lebt: Doch mitten während der Hauptsaison bricht Corona in zwei niederbayerischen Betrieben aus. Auch corona-freie Erntehelfer müssen in Quarantäne, wie ein Gericht entschied. Landwirte bangen nun um ihre Existenz.
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Gestapelte Paletten und Fässer stehen auf dem Gelände eines Betriebes im Kreis Dingolfing-Landau in Niederbayern, in dem sich Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert haben. Foto: Angelika Warmuth/dpa/Archiv
dpa Gestapelte Paletten und Fässer stehen auf dem Gelände eines Betriebes im Kreis Dingolfing-Landau in Niederbayern, in dem sich Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert haben. Foto: Angelika Warmuth/dpa/Archiv

Mamming/Regensburg (dpa/lby) - Nach zahlreichen Corona-Fällen auf einem Gemüsehof im niederbayerischen Mamming ist der Landwirt vor Gericht mit einem Antrag gescheitert, dass negativ auf Corona getestete Erntehelfer wieder für ihn arbeiten können. Das Verwaltungsgericht Regensburg bestätigte laut Mitteilung vom Mittwoch eine Entscheidung des Landratsamts Dingolfing-Landau, die eine vollständige häusliche Quarantäne aller Beschäftigten auf dem Hof als Schutzmaßnahme gegen eine weitere Verbreitung von Sars-CoV-2 angeordnet hatte. Den Antrag des Gemüsebauern auf Erlass einer einstweiligen Anordnung lehnten die Richter ab (Az. RN 14 E 20.1311).

Er hatte argumentiert, dass der Einsatz der negativ getesteten Erntehelfer dringlich sei, weil die Haupterntezeit von Einlegegurken nur bis Mitte August dauere. Ohne die Erntehelfer sei ein Totalausfall der diesjährigen Gurkenernte zu erwarten. Das wiederum sei für den Landwirt existenzbedrohend, teilte das Gericht mit.

Derzeit befinden sich den Angaben nach etwa 470 Menschen als Erntehelfer auf dem Anwesen. Bei einer ersten Reihentestung am 25. Juli waren bei 174 von ihnen positive Befunde festgestellt worden, fast 300 wurden negativ getestet. Bei einer zweiten Reihentestung am 31. Juli hatten auch 52 der zunächst negativ getesteten Personen positive Testergebnisse.

Das Gericht entschied am Dienstag, die behördliche Entscheidung sei "ermessensgerecht und verhältnismäßig". "Die vollständige Isolation der Erntehelfer sei insbesondere erforderlich, um die unkontrollierte Weiterverbreitung des Virus zu stoppen", hieß es. "Sie sei trotz der gravierenden wirtschaftlichen Auswirkungen für den Antragsteller auch angemessen, da von Sars-CoV-2 eine große Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung mit dem Risiko schwerer Krankheitsverläufe ausgehe." Gegen den Beschluss kann der Gemüsebauer noch Beschwerde beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof einreichen.

Neben den Arbeitern des Gemüsehofs mussten auch die Mitarbeiter einer Konservenfabrik in Mamming, die Gemüsekonserven und Sauerkraut herstellt, wegen Corona in Quarantäne. Beide Betriebe liegen in der Nähe der etwa 2800 Einwohner großen Gemeinde - die Behörden gehen deshalb davon aus, dass es zu einer Übertragung von Mitarbeitern des Agrarbetriebes zu Beschäftigten der Konservenfabrik gekommen ist.

Laut Landratsamt Dingolfing-Landau sind derzeit 166 von 600 Mitarbeitern der Konservenfabrik positiv auf das Virus Sars-CoV-2 getestet worden. An zwei weiteren Standorten des Betriebs in Simbach bei Landau und Eichendorf wurden 130 weitere Arbeiter getestet. Ein Ergebnis lag am Mittwoch laut Landratsamt noch nicht vor.

"Es ist aktuell eine sehr schwierige Situation auch für die Anbauer, da die Gurkenernte voll im Gange ist", sagte die Bürgermeisterin von Mamming, Irmgard Eberl (CSU). Gemüsebauer Herbert Mühlbauer aus Eichendorf spricht von einem "Super-GAU", sollte die Sortieranlage geschlossen bleiben. "Wir erwarten Hochsommer und jetzt ist eigentlich die Haupternte. Alles was jetzt nicht gepflückt wird, ist ein wirtschaftliches Desaster."

Er selbst liefere nicht an die Konservenfabrik in Mamming, kenne aber betroffene Bauern. "Die Landwirte, die dorthin liefern, wissen selber nicht, wie es weitergeht. Die Gurke wartet nicht und muss täglich gepflückt werden", sagte Mühlbauer. "Da hängt so viel dran - Arbeiter, Lieferanten, Familien."

In Niederbayern befindet sich laut Bayerischem Staatsministerium die größte zusammenhängende Anbaufläche für Einlegegurken in Europa. Auf rund 1200 Hektar werden Gurken angebaut, auch die Weiterverarbeitung erfolgt überwiegend in der Region. Die betroffene Konservenfabrik ist eine der größten Betriebe in der Gemeinde Mamming. Die Hälfte der 34 Betriebe, die in Niederbayern Einlegegurken erzeugen, ist laut Bayerischem Bauernverband von dem Stillstand in der Konservenfabrik betroffen.

"All diese Betriebe sind darauf angewiesen, dass ihre Ware unmittelbar von einem spezialisierten Betrieb verarbeitet wird. Sie stehen jetzt vor massiven praktischen und wirtschaftlichen Problemen", sagte Markus Drexler vom Bayerischen Bauernverband. Auch Zucker- und Essiglieferanten seien betroffen. "Diese zwei Hotspots in Mamming zeigen, welche immense Auswirkungen solche Einzelfälle für die gesamte Branche haben können."

Um die Gurkenernte zu retten, hätte man "alle Hebel in Bewegung gesetzt", um alternative Verarbeitungswege für die Landwirte zu finden. "Nach meinem Wissen gibt es die aber noch nicht", sagte Drexler. "Ohne, dass das schon der Stand der Dinge ist, aber: Im Notfall landen die Massen an Gurken in der Biogasanlage."

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