Filmemacherin über ihre Hanna-Doku: "Diese Frage hat mich die ganze Zeit über sehr beschäftigt"

Hanna. Bei diesem Namen denken in Bayern viele Menschen seit 2022 an die junge Frau aus Aschau im Chiemgau, die viel zu früh sterben musste. Mit nur 23 Jahren kam sie am 3. Oktober 2022 nach einer Party in ihrem Heimatort ums Leben. War es ein Verbrechen? In erster Instanz kam ein Gericht zu dieser Einschätzung.
Wie sich später herausstellt: Sebastian T. sitzt unschuldig im Gefängnis. Mittlerweile ist er freigesprochen. Die ARD widmet dem tragischen Fall aus Bayern nun eine Crime-Time-Doku: "Tod nach der Disco – Der Eiskeller-Fall".
Die erste lineare Ausstrahlung im Ersten läuft am Montag, 26. Januar 2026, um 23.45 Uhr. Ab Montag sind alle Folgen auch in der ARD-Mediathek abrufbar. Die dreiteilige Dokuserie im Auftrag des NDR/SWR stammt von Filmemacherin Meike Pommer. Die AZ hat sich mit ihr unterhalten.

AZ: Frau Pommer, der Fall Hanna hat in Oberbayern viele Menschen beschäftigt. Sie stammen aus Hamburg – wann haben Sie zum ersten Mal davon gehört und was ging Ihnen dabei durch den Kopf?
MEIKE POMMER: Ich habe den Fall zunächst in der Presse verfolgt. In dieser allerersten Berichterstattung ging es primär um den Tod einer jungen Studentin. Das hat mich total berührt. Ich habe selbst Kinder und habe Mitgefühl mit Hannas Eltern. Als ich später mitbekommen habe, dass die Strafverteidigerin Regina Rick in den Prozess eingestiegen ist, hat das mein Interesse geweckt.
Warum?
Das war für mich ein Anzeichen dafür, dass irgendwas an dem Fall besonders war. Ich habe auch den Fall Manfred Genditzki (Justizopfer im "Badewannenmord"-Fall; d. Red.) verfolgt, bei dem sie ebenfalls die Strafverteidigerin war.
Warum haben Sie sich dazu entschieden, eine True-Crime-Dokumentation über den Fall Hanna zu drehen?
Den Dreh habe ich nach dem ersten Urteil begonnen. Ich war zu diesem Zeitpunkt davon überzeugt, dass Sebastian T. aufgrund der nicht vorhandenen Beweislage niemals hätte verurteilt werden dürfen. Aus meiner Sicht als Journalistin gab es zu viele Widersprüche und Ungereimtheiten. Es gab keine Tatwaffe, keine Tatzeugen, keine DNA-Spuren. Dem wollte ich mit der Dokumentation aus journalistischer Perspektive auf den Grund gehen.

Was erwartet Zuschauer in der dreiteiligen Doku?
Ich lege darin die Abläufe und Ermittlungen dar. Warum sind die Ermittler von einem Gewaltverbrechen ausgegangen? Warum hat die Rechtsmedizin diese These auch verfolgt? Wie hat das erste Gericht agiert? Was spricht dagegen, dass Sebastian T. etwas mit dem Tod der jungen Studentin zu tun hat? Wir haben zugleich das Leid zweier Familien im Blick: Die eine verliert ihre Tochter für immer, die andere muss erleben, wie ihr Sohn als Mörder abgestempelt wird. Wir sprechen mit den Verteidigern, mit dem Anwalt von Hannas Familie, mit Gutachtern und Medizinern. Der Film soll den Fall mit all seinen Facetten beleuchten.
Man darf nie vergessen: Es ist ein junger Mensch ums Leben gekommen. Das berührt mich heute noch
Was hat Sie dabei besonders bewegt?
Man darf nie vergessen: Es ist ein junger Mensch ums Leben gekommen. Das berührt mich heute noch. Es wird aber auch ein junger Mann für einen Mord verurteilt, den er nicht begangen hat. Das berührt mich ebenso sehr. Die Familien sind auf unheilvolle Weise miteinander verknüpft und das leider nur, weil sich die Ermittler zu früh auf einen Täter festgelegt haben und die Richterin im ersten Prozess weitgehend der Staatsanwaltschaft gefolgt ist und offensichtlich andere Erkenntnisse kaum in Betracht gezogen hat.
Unschuldig im Gefängnis: "Eine für mich unvorstellbare Belastung"
Werden die Auswirkungen für Sebastian T. zu oft übersehen?
Es gab in der Presse ab einem gewissen Punkt eine Wende. Ich glaube, dass es auch Mitleid für ihn gibt. In diesen jungen Jahren unschuldig im Gefängnis zu sitzen, ist eine für mich unvorstellbare Belastung.
Welches Bild haben Sie nach Ihren Recherchen von Hanna?
Ihre Familie wollte leider nicht vor die Kamera treten, was ich sehr gut verstehen kann. Aber es gab E-Mail-Verkehr und ich habe versucht, mir ein eigenes Bild zu machen. Hanna muss ein sehr lebenslustiger und liebenswerter Mensch gewesen sein. Sie hat viel gelacht und war eng mit ihren Freunden.

Ihre Eltern stiegen im zweiten Prozess als Nebenkläger aus.
Ihre Eltern, so sagt es ihr Anwalt, wollten wissen, was mit Hanna in den letzten Sekunden ihres Lebens passiert ist. Beim zweiten Prozess ging es aber hauptsächlich darum, ob Sebastian T. die Schuld an ihrem Tod trifft, und nicht primär um die Frage, was Hanna zugestoßen ist.
Wie ist Sebastian T.? "Ich habe ihn relativ früh in der JVA besucht"
Wie nah sind Sie an Sebastian T. herangekommen?
Ich habe ihn relativ früh in der JVA besucht. Das war sehr besonders: Er war sehr schüchtern und zurückhaltend. Später war ich dabei, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Wir haben viele Gespräche geführt, auch mit seiner Familie.
Waren Sie auch in Aschau vor Ort? Wie hat der Fall den Ort geprägt?
Hannas Tod ist tragisch und das fühlt man dort auch. Wir haben einige Anfragen gestellt, aber viele wollten sich vor der Kamera nicht dazu äußern. Ich glaube, dass der Fall eine riesige Lücke in der Gemeinde hinterlassen hat. Und zunächst auch wahnsinnig viele Fragen.
Diese Fragen bleiben in dem Fall vorerst offen
Es bleiben immer noch Fragen. Denn der Tod von Hanna ist letztlich nicht vollumfänglich geklärt.
Das ist das Tragische. Zum einen ist es gut, dass die Kammer im zweiten Prozess sehr früh zu einem klaren Ergebnis gekommen ist, dass Sebastian T. nicht der Täter sein kann. Aber es wäre auch wünschenswert gewesen, die Gutachter zu hören, die die Verletzungsmuster herleiten konnten. Die Frage, die für mich unbeantwortet ist: Wird man sich an den entsprechenden Stellen – Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht, Zeugen – die Frage stellen: Was ist hier nicht gut gelaufen? Wird man versuchen, solche Fehler in Zukunft zu vermeiden und Kontrollinstanzen einzuführen? Und: Wird es den Menschen in Aschau gelingen, Sebastian T. die Chance auf ein normales Leben zu ermöglichen? Das wünsche ich ihm sehr.

Was ist in den Ermittlungen aus Ihrer Sicht schiefgelaufen?
Die Polizei hat sehr viel angestrebt. Es wurde eine Soko mit 60 Ermittlerinnen und Ermittlern gegründet, man hat mehr als 1000 Zeugen befragt und ist mehr als 2000 Spuren nachgegangen. Das war gute und akribische Polizeiarbeit. Aber Ermittler hätten dann auch nach links und rechts gucken und stichhaltigere Beweise suchen müssen. Letztlich wurde Sebastian T. verhaftet, weil eine Freundin erzählt hat, er habe ihr bereits am 3. Oktober von einem Mord in Aschau erzählt. Aber das stimmte gar nicht, Sebastian war mit dieser Freundin erst am 4. Oktober zusammen unterwegs. Nach ihrer Vernehmung hat die junge Frau in Chat-Nachrichten auf ihren Fehler aufmerksam gemacht, aber leider nicht bei der Polizei. Ein ermittelnder Beamter wurde auf diese Chat-Nachrichten aufmerksam, ging zu seinem Vorgesetzten, aber das wurde eben nicht gehört.
Tränen im Gericht: Filmemacherin erlebt den Freispruch mit
Wie überraschend war für Ihre Recherchen der Freispruch im November?
Wir wussten natürlich vorher nicht, wann ein Urteil fällt. Keiner von uns hat damit gerechnet, dass es so früh kommt.

Waren Sie vor Ort dabei?
Ja. Es war wahnsinnig emotional. Sebastian T. war immer eher ruhig und hat keine Regung gezeigt. Als die Richterin hereinkam und den Freispruch verkündete, hat er kurz geweint. Man hat gespürt, dass ihn das sehr berührt hat und welche Last von ihm abgefallen ist.
Dieser Gedanke beschäftigt Meike Pommer während der Dreharbeiten
Auch die Richterin hat geweint.
Ihr ist die Stimme gebrochen. Das hatte schon eine große Aussagekraft.
Sie haben einen Film gedreht, den viele Menschen deutschlandweit schauen werden, vielleicht auch die Angehörigen und Freunde von Hanna. Was macht das mit Ihnen als Filmemacherin?
Diese Frage hat mich die ganze Zeit über sehr beschäftigt. Ich fühle sehr mit der Familie und den Freunden der Verstorbenen. Aber ich habe die journalistische Pflicht zu dokumentieren, auch wenn das möglicherweise schwierig für die Betroffenen sein könnte. Ich wünsche mir, dass es mir gelungen ist, Hanna zu würdigen.