Interview

Feuerwerk-Produzent: Böllerverbot an Silvester? "Das hilft nicht"

Peter Sauers Firma in Gersthofen produziert Feuerwerk. Das Corona-Jahr ist ohnehin "desaströs" – die letzte Hoffnung: Silvester. Aus seiner Sicht sind nicht die Raketen das Problem, sondern der Alkohol.
| Rosemarie Vielreicher
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Knallig-bunt: die Silvesternacht 2018 in München.
Knallig-bunt: die Silvesternacht 2018 in München. © Matthias Balk/dpa

Gersthofen/München - AZ-Interview mit Peter Sauer: Der 58-Jährige führt die Feuerwerk- Fabrik "Fritz Sauer" in Gersthofen in fünfter Generation. Das Unternehmen wurde im Jahr 1863 gegründet.

AZ: Herr Sauer, ein Silvester ohne Feuerwerk - wie wäre das für Sie?
Peter Sauer:
Das ist für mich erst einmal ein großer finanzieller Schaden. Ich bin ein kleiner Hersteller, aber wir machen schon seit 150 Jahren und während allen Auf und Abs in dieser Zeit Feuerwerk. Auch da hat es schon Phasen gegeben, in denen kein Feuerwerk gebraucht wurde - im Krieg zum Beispiel. Auch das war schon sehr hart. Ich bin jedoch spezialisiert auf Großfeuerwerke etwa bei Volksfesten - das ist dieses Jahr komplett zusammengebrochen.

Was heißt das in Zahlen?
Ich hatte nur acht kleine Feuerwerke bei Hochzeiten.

Wie viele würden Sie dagegen in einem normalen Jahr ausrichten?
Zwischen 120 und 130. In manchen Monaten haben wir heuer nur 20 Prozent Umsatz des Vorjahresmonats erzielt. Wir müssen zur Zeit ganz kleine Brötchen backen. Aber zum Glück vertreiben wir auch noch technische Spezialprodukte wie Signalfackeln für die Polizei und Ähnliches. Davon haben wir in diesem Jahr gelebt - aber mit dem Rücken zur Wand. Die vereinfachte Regelung für Kurzarbeit hat uns auch geholfen. Dennoch: Das Jahr war katastrophal für uns.

Peter Sauer an seinem Schreibtisch.
Peter Sauer an seinem Schreibtisch. © privat

"Jetzt schießen wir dieses Corona in die Luft"

War Silvester die letzte Hoffnung?
Wir haben natürlich gehofft, dass wenigstens zu Silvester noch Umsatz möglich sein wird. Wir dachten auch, dass viele Menschen gerade in diesem Jahr ein Feuerwerk zu Silvester zünden wollen, gemäß: "Das ganze Jahr war nix, jetzt schießen wir dieses Corona in die Luft."

Nun steht allerdings eher ein Verbot des Böllerns im Raum und kein ausgelassener Jahresausklang.
Ja, ein Argument dabei ist, dass das Feuerwerk mit seinem Feinstaub schlecht für die Corona-Situation sei. Die Untersuchung, auf die sich diese Aussage stützt, bezieht sich aber auf Städte, in denen das ganze Jahr über eine hohe Feinstaubbelastung ist. Dort seien die Menschen angeschlagener und hätten weniger Widerstand gegen Corona. Das bezieht sich ausdrücklich auf die ganzjährige Belastung und nicht auf die kurze Feinstaub-Einwirkung an Silvester. Davon wird man nicht anfälliger für Corona.

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Ein weiterer Punkt ist die Angst, es könnten sich Gruppen bilden, die die Abstandsregel nicht einhalten. Was sagen Sie dazu?
Das mag sein, ja. Aber: Wenn wir jetzt das Feuerwerk verbieten, glauben Sie, dass die Menschen dann nicht zusammenstehen? Nur das Feuerwerk zu verbieten, das hilft nicht. Dann müsste man schon eine Ausgangssperre machen. Oder Alkohol verbieten. Gerade unter Alkoholeinfluss vergessen viele das Risiko, es werden Späße gemacht und zusammengerückt. Deswegen sage ich: Das jetzt nur am Feuerwerk aufzuhängen, ist nicht gerechtfertigt. Noch dazu könnte ein Verbot eine weitere Auswirkung haben.

Welche?
Es gibt einen Teil der Bevölkerung, die nicht auf das Feuerwerk verzichten wollen, die pyromanisch sind. Die werden sich ihr Feuerwerk dann einfach im Ausland oder im Internet besorgen. Illegales Feuerwerk ist aber nicht auf Qualität und Sicherheit geprüft und unterliegt nicht den deutschen Standards. Das heißt: Es könnte damit sogar mehr Verletzte geben als bei einem normalen Silvester.

Wie machen Sie das jetzt mit der Produktion, Sie kreieren ja auch eigenes Feuerwerk. Warten Sie erstmal ab oder produzieren Sie sicherheitshalber schon vor?
Wir haben alles da. Es ist eigentlich schon alles produziert und eingelagert. Die Diskussion über ein Verbot ist ehrlich gesagt ein bisschen sehr spät. Alle Firmen in dieser Branche haben sich auf Silvester schon seit Monaten vorbereitet. Auch in unserem Lager steht alles voll und in dem eingelagerten Feuerwerk steckt unser Geld drin. Das muss auch wieder zu Geld gemacht werden. Sonst stehen wir im Frühjahr ohne da - aber mit jeder Menge Ware, die keiner will und die wir auch im Frühjahr und Sommer nicht loswerden, weil man sie nur an Silvester verkaufen darf. Das droht uns in der ganzen Branche - und damit auch Insolvenzen.

Peter Sauer in seinem Element.
Peter Sauer in seinem Element. © privat

Feuerwerk könnte für nächstes Jahr eingelagert werden

Wie lange hält man das als Unternehmen durch?
Solange noch finanzielle Reserven da sind. Wir haben auch staatliche Unterstützung erhalten, wofür ich sehr dankbar bin. Das ist das erste Mal in unserer Geschichte - nicht bei meinem Vater und auch nicht bei meinem Großvater -, dass wir jemals Geld vom Staat bekommen haben. Aber ich will mich natürlich nicht auf diese Unterstützung verlassen, sondern ich muss da wieder rauskommen. Ehrlich gesagt glaube ich aber, dass wir das ganze nächste Jahr noch mit Corona zu kämpfen haben werden. Auch, wenn die Impfung kommt - so schnell wird die großflächige Impfung nicht gehen. Ich glaube, 2021 wird für unsere Branche genauso desaströs wie dieses Jahr.

Können Sie wenigstens das heurige Silvester-Feuerwerk notfalls einlagern?
Ja, man kann es schon ein Jahr aufheben, ohne dass die Qualität dabei einbüßt. Man muss es nur trocken einlagern.

Sie führen Ihr Familienunternehmen durch eine sehr schwere Zeit. Lebt Ihr Vater noch und bekommt das mit?
Nein, er ist schon gestorben. Aber der würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

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