Interview

"Fast schwer verantwortungslos von mir": Womit Ludwig Prinz von Bayern hadert

Ludwig Prinz von Bayern engagiert sich seit Jahren für bessere Zukunftsperspektiven in Kenia. Auch heuer geht er deswegen 100 Kilometer zu Fuß durch den Freistaat - für den guten Zweck. Was er über seine Vorbereitung denkt, wie es im Projekt Learning Lions läuft und warum er nicht in einem der Königsschlösser von Ludwig II. wohnen wollen würde.
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Rosemarie Vielreicher
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Ludwig Prinz von Bayern mit seiner Frau Sophie -Alexandra Prinzessin von Bayern.
Ludwig Prinz von Bayern mit seiner Frau Sophie -Alexandra Prinzessin von Bayern. © imago/B. Lindenthaler
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Kenia in Ostafrika – dort zieht es Ludwig Prinz von Bayern seit Jahren immer wieder hin. Der Sohn von Prinz Luitpold und Ururenkel des letzten bayerischen Königs Ludwig III. engagiert sich dort, damit junge Menschen eine Zukunftschance bekommen. Mit einer IT-Ausbildung sollen sie von daheim aus weltweit arbeiten können. Zugunsten von „Learning Lions“ findet Anfang September der Löwenmarsch durch Bayern statt. Ein Gespräch über sein hochgestecktes Ziel, was ihm im Weg stehen könnte, wie sich das Projekt in Afrika entwickelt und was er vom Unesco-Titel für die Königsschlösser hält.


AZ: Herr Bayern, Sie sind gerade in Kenia. Was machen Sie dort?
Ludwig Prinz von Bayern: Ich fliege gerne mehrmals im Jahr nach Kenia, weil wir dort verschiedene Projekte haben – sowohl unsere Schulen des Hilfsvereins Nymphenburg als auch Learning Lions mit unserem Campus am Turkana-See. Früher war ich dort fast das ganze Jahr. Heuer schaffe ich es nur drei Mal. Im ersten Jahr des Eltern-Daseins muss man sich die Zeit gut einteilen.

Ihre Familie ist nicht dabei?
Mein Sohn ist noch sehr klein, er ist gerade ein Jahr alt geworden. Wenn ich hier bin, wird zudem die ganze Zeit gearbeitet. Er muss noch größer werden, bis er mithelfen kann.

"An der Kenia-Reise wird es nicht scheitern"

Am 6. und 7. September findet wieder der Löwenmarsch für Learning Lions statt – dabei gehen die Teilnehmer bis zu 100  Kilometer von Schloss Kaltenberg nach Hohenschwangau und sammeln so Spenden. Schaffen Sie es dafür rechtzeitig nach Hause?
Auf jeden Fall! Es gibt auch immer noch ein paar Last-Minute-Vorbereitungen zu erledigen. An der Kenia-Reise wird mein sechster Versuch, 100 Kilometer zu schaffen, jedenfalls nicht scheitern. Eher am mangelnden Training.

20. Mai 2023: Ludwig Prinz von Bayern heiratet seine Sophie-Alexandra, damals noch Eveking.
20. Mai 2023: Ludwig Prinz von Bayern heiratet seine Sophie-Alexandra, damals noch Eveking. © imago/Frank Hoermann /Sven Simon

Sie haben sich dieses Jahr die ganzen 100 Kilometer vorgenommen?
Ich bin jedes Jahr mitgegangen, die ersten fünf Jahre die 100 Kilometer, im vergangenen Jahr nur die Hälfte. Zu dem Zeitpunkt war ich ganz frisch Vater. Dieses Mal werde ich wieder die gesamte Strecke probieren. Es ist allerdings sehr viel fraglicher als zuvor, ob ich es schaffen werde. Früher oder später wird es auch mich auf der Strecke mal erwischen und „zsammbröseln“.

Zu wenig Vorbereitung: "Das ist keine Empfehlung!"

Haben Sie sich nicht vorbereitet?
Nein, ich habe keine Vorbereitungsmärsche gemacht. Ich möchte deutlich sagen: Das ist keine Empfehlung! Man sollte sich vorbereiten, wenn man bei einem 100-Kilometer-Marsch antritt. Es ist schon fast schwer verantwortungslos von mir, es nicht zu tun. Aber wenn so viele andere mitmachen, muss ich den ehrlichen Versuch auch wagen.

Treten Sie mit einem Trick an?
Am wichtigsten ist mitunter die mentale Vorbereitung. Man läuft – viel mehr als gegen den Körper – gegen den inneren Schweinehund. Ansonsten: die Nahrung gut einteilen und die Nacht vorher gut ausschlafen. Der Marsch allein dauert 24 Stunden, mit der Anreise und so weiter ist man schon 36 Stunden auf den Beinen.

"Die Leute gehen komplett an ihre Grenzen"

Trotz der Anstrengung ist die maximale Teilnehmer-Zahl längst erreicht, es gibt eine Warteliste.
Wir würden gern viel mehr Menschen zulassen, aber wir haben es auf 750 begrenzt. Die gute Versorgung und die Sicherheit sind uns wichtiger als die Zahl. Man darf nicht vergessen: Die Leute gehen komplett an ihre Grenzen, wir müssen an allen Stationen auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein.

Wie erklären Sie sich den kontinuierlichen Andrang, Jahr für Jahr?
Wir sind der einzige 100-Kilometer-Marsch für einen guten Zweck. Wir haben keine Teilnehmer-Gebühr, sondern jeder sammelt Spenden. Diese fließen in das Projekt in Kenia, in dem wir jungen Menschen helfen, über eine digitale Ausbildung auf Augenhöhe zu kommen. Gerade im AI-Zeitalter (englische Abkürzung für Künstliche Intelligenz; d. Red.) wird das immer realistischer.

Wie viel Geld wollen Sie persönlich erzielen?
Ich marschiere gemeinsam mit meinem Cousin und meiner Cousine. Wir haben uns das Ziel gesetzt, über 5000 Euro zu kommen.

Am Campus wird mittlerweile viel mit Smartphones gearbeitet.
Am Campus wird mittlerweile viel mit Smartphones gearbeitet. © Learning Lions

Und insgesamt für den Löwenmarsch?
Wir hoffen, die 100.000-Euro-Marke zu knacken. Mit etwas Glück kommen wir auch auf über 150.000 Euro. Ein Fun Fact in diesem Jahr: Eine Delegation der Schwarzen Ritter von Kaltenberg will versuchen, in der Rüstung – die unglaublich schwer ist – die erste Etappe mitzumarschieren. Das wird sehr spannend, ob das klappt.

Wofür werden die Spendengelder aktuell benötigt?
Zum Beispiel für die Unterhaltskosten des Campus, die Gehälter der Lehrer, Teile der Kurs-Kosten. Der Löwenmarsch ist unsere jährliche Spendenquelle für Learning Lions. Ohne ihn würde nichts funktionieren. Das tägliche Leben am Campus hängt voll an diesen Spenden. In ein paar Jahren möchten wir, dass er sich selbst trägt. Wir haben hier nicht nur Ausbildungsplätze, sondern auch Co-Working-Space. Die Idee ist, dass sich Menschen hier einmieten und das Projekt dadurch autarker wird.

Neues Gymnasium für Mädchen: "Es ist leider furchtbar überlaufen"

Zuletzt wurde nebenan ein Mädchen-Gymnasium gebaut. Wie läuft es?
Es ist leider furchtbar überlaufen. Vereinfacht erklärt: Es gibt hier in der Region viel zu viele junge Menschen und viel zu wenige Schulen. Dazu ändert sich gerade das Schulsystem: Wenn Mädchen nicht spätestens in diesem Jahr anfangen in die Schule zu gehen, verlieren sie ihr Recht auf eine Sekundarschulen-Ausbildung. Deswegen musste unsere Schule viel mehr Mädchen aufnehmen als ursprünglich gedacht. Zum Beispiel ist die Ess- und Multifunktionshalle jetzt ein provisorischer Schlafsaal, in dem über 100 Mädchen schlafen. Wir wollten diese aber auch nicht nach Hause schicken und ihnen dadurch die letzte Chance auf eine Schulbildung nehmen. Deswegen improvisieren wir jetzt und wollen das Gebäude ausbauen und vergrößern. Wir haben das Thema Mädchen-Bildung auch mit dem Film „Nawi“, der bei uns am Campus gedreht wurde, international platzieren können. Er hat über zehn Preise gewonnen.

Eine Gruppe schaut in Turkana auf ein Smartphone. Mittlerweile sind die Geräte so vielseitig, dass nicht mehr zwingend ein Laptop für digitale Arbeit notwendig ist.
Eine Gruppe schaut in Turkana auf ein Smartphone. Mittlerweile sind die Geräte so vielseitig, dass nicht mehr zwingend ein Laptop für digitale Arbeit notwendig ist. © Learning Lions

Was passiert denn mit Mädchen in dieser Region, die nicht zur Schule gehen?
Viele von ihnen werden leider im jüngsten Alter verheiratet – auch wenn das in Kenia verboten ist, passiert es andauernd. In der Regel sind die Mädchen 13, 14 Jahre alt. Die „Braut“ will es oft überhaupt nicht und muss teils als zweite oder dritte Frau zu einem Jahrzehnte älteren Mann umziehen. Gerade bei sehr frühen Ehen ist das auch gesundheitlich sehr gefährlich. Die Mädchen werden zur Entbindung nicht ins Krankenhaus gebracht, sondern sie gebären unter einem Baum. Die Todesraten sind sehr hoch. Schulen und Bildung tragen dazu bei, dass das weniger passiert.

Künftig wollen sie die Mädchen-Quote am Campus erhöhen

Wie viele Mädchen sind bisher am Campus?
Wir haben in der Vergangenheit bei den ersten Trainings mit einem Frauenanteil von 50 Prozent angefangen. Wir haben allerdings beobachtet, dass es für die Mädchen schwieriger war, im Programm zu bleiben, weil sie zum Beispiel schon Kinder haben. Deswegen haben wir uns für das nächste Jahr als Ziel gesetzt, die Mädchen-Quote bei der Einschreibung auf 70 Prozent zu erhöhen, damit dauerhaft mehr Frauen mitmachen. Der Einstiegskurs dauert sechs Wochen und vermittelt digitale Fähigkeiten am Smartphone. Denn die meisten haben keinen Zugriff auf einen Laptop, auf Smartphones dagegen fast alle. Heutzutage ist damit sehr viel möglich: Filme erstellen, die Finanzen regeln, programmieren und mehr.

Eine Frau im Projekt Learning Lions sitzt am Laptop. Bildung von Frauen ist Ludwig Prinz von Bayern besonders wichtig.
Eine Frau im Projekt Learning Lions sitzt am Laptop. Bildung von Frauen ist Ludwig Prinz von Bayern besonders wichtig. © Learning Lions

2015 haben Sie den Verein Learning Lions gegründet, damit sind Sie seit zehn Jahren in der abgelegenen Region in Ostafrika tätig.
Sogar schon länger! Ich habe hier 2011 mit aktiver Projektarbeit begonnen, daraus entstand die Idee der Learning Lions. Die jungen Menschen müssen nach der Schulbildung Chancen bekommen, etwas daraus zu machen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 90 Prozent. Es braucht also Programme, damit sie später ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können. Wir verstehen uns nicht als klassische Universität, sondern als Sprungbrett für verschiedene digitale Karrieren.

Über zehn Jahre Engagement - wie sich die Gegend entwickelt

Was würden Sie also nach über zehn Jahren sagen: Was hat sich in Turkana verändert, verbessert oder vielleicht verschlechtert? Wie muss man sich das Leben vorstellen?
Der Norden Kenias hat seine Entwicklung erst um 2012 begonnen. Damals hat sich Kenia in einen Föderalstaat umstrukturiert. Vorher war hier von der Regierung nichts spürbar: keine einzige geteerte Straße, nur eine minimale Polizeipräsenz, fast keine Entwicklung in die Infrastruktur. Jetzt gibt es eine lokale Regierung, man merkt einen Unterschied. Aber hauptsächlich in den größeren Siedlungen. Sobald man ein paar Kilometer rausgeht, ist alles wie vorher. Die Menschen leben in einfachen Häusern. Die Fragen, die sie beschäftigen: Wie komme ich an Trinkwasser? Wo bekommt mein Vieh etwas zu fressen? Und: Wie überlebe ich? Dazu kommen Effekte des Klimawandels.

Der Campus in der Region Turkana.
Der Campus in der Region Turkana. © Learning Lions

Wie zeigt sich dieser?
Es gibt öfter längere Dürren, gleichzeitig Starkregen. Dieser bringt zwar Wasser, aber dadurch ertrinkt zum Beispiel Vieh. Sowas gab es früher alle zehn Jahre, nun fast jedes Jahr. Zugleich steigt die Bevölkerungsdichte und es entsteht eine gewisse Abhängigkeit von Hunger- und Entwicklungshilfen. In Zeiten, in denen die USA ihre Entwicklungshilfen eingestellt haben. Die Aufgabe Europas, solidarisch zu sein, ist größer als jemals zuvor.

Sie bleiben also engagiert?
Irgendwann ist es wichtig, dass das Projekt auf eigenen Beinen steht und die Kontrolle bei den Menschen vor Ort liegt. Ich werde aber immer involviert bleiben.

Schloss Hohenschwangau.
Schloss Hohenschwangau. © imago/Volker Preusser

"Ich war zufällig am Tag der Verkündung in Schwangau"

Zum Schluss zurück in Ihre Heimat Bayern: Die Königsschlösser von König Ludwig II. haben kürzlich den Titel Weltkulturerbe der Unesco erhalten. Was denken Sie darüber?
Man freut sich natürlich riesig. Ich war zufällig am Tag der Verkündung in Schwangau, meine Eltern wohnen in der Region und ich hatte sie besucht. Zusammen mit der Gemeinde habe ich mir die Übertragung angesehen. Ich fand es nur schade, dass der sehr clevere Titel „Gebaute Träume“, den die Bayerische Staatsregierung beigefügt hatte, nicht mitaufgenommen wurde, sondern nur die Schlösser als Objekte. Denn das war ja das Ungewöhnliche: Ludwig II. hat seine Fantasiewelten in die reale Welt geholt und hat dabei unglaublich im Detail mitgestaltet. Es gibt Unterlagen darüber, wie er jede kleine Bemalung in Neuschwanstein mitbestimmte. Er hat wirklich seine Fantasie entstehen lassen. Dass man so etwas Einzigartiges schützt, ergibt absolut Sinn.

Lieblingsschloss? "Wohnen würde ich in keinem gerne"

Welches ist Ihr Lieblingsschloss?
Wohnen würde ich in keinem gerne, dafür wurden sie nicht gebaut (lacht). Ich rechne bei den Königsschlössern immer auch Hohenschwangau dazu, erbaut von seinem Vater. Dort hat Ludwig II. seine Sommerurlaube als Kind verbracht und dort ist viel der Inspiration für Neuschwanstein verankert. Deswegen habe ich es besonders gerne. Es besitzt auch eine Wärme und atmet noch mehr Leben aus, weil es wirklich bewohnt war. Aber natürlich ist Neuschwanstein das Wahrzeichen, das man international am meisten kennt.

Weltberühmt: Schloss Neuschwanstein von Ludwig II.
Weltberühmt: Schloss Neuschwanstein von Ludwig II. © imago/Frank Bienewald

Kennt man das Märchenschloss auch in Kenia?
Das Schloss würde man auch dort erkennen, aber wahrscheinlich könnte man das Wort Neuschwanstein nicht aussprechen (lacht).

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