Familie in Dauer-Quarantäne: "Kein Besuch bis April"

Dauer-Quarantäne - wie hält man das aus? Der Schwerkranke Benni Over (30) und seine Eltern verbarrikadieren sich seit dem Frühjahr daheim. Nun muss der Vater selbst ins Krankenhaus - und schreibt einen Brief an Gesundheitsminister Spahn.
| Rosemarie Vielreicher
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Benni, Connie und Klaus Over.
Benni, Connie und Klaus Over. © privat

München - Der größte Feind von Benni Over (30) heißt: Corona. Gegen diesen Gegner kann der gelähmte Schwerkranke nur verlieren. Das weiß er, das wissen seine Eltern. Deswegen gilt seit dem Frühjahr für alle drei: strikter Dauer-Lockdown, Quarantäne in Endlosschleife.

Benni Overs Laptop ist sein Tor zur Welt

Die AZ begleitet den Kampf von Benni Over schon seit Längerem. Er leidet an der seltenen Krankheit Muskeldystrophie Duchenne. Im Juli ist er 30 Jahre alt geworden. Der junge Mann sitzt im Rollstuhl, braucht eine Beatmungsmaschine und kann nur die Finger leicht bewegen. Auf dem Laptop tippen - das klappt und ist sein Tor zur Welt. Seine Eltern pflegen ihn rund um die Uhr.

In der Pandemie benötigt er noch mehr Schutz als zuvor. Das bedeutet: Kein Kontakt nach außen, keine Therapeuten daheim und auch keine Veranstaltungen für Bennis Herzensprojekt: den Schutz der Orang-Utans in Indonesien.

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Wegen Corona zu Hause verbarrikadiert

Verbarrikadiert zu Hause, seit Monaten. Im Sommer haben sich die Rheinland-Pfälzer damit gut arrangiert, verbrachten viel Zeit im Garten und auf der Terrasse. Auch Therapien wurden im Freien abgehalten - das geht jetzt bei den sinkenden Temperaturen nicht mehr. Auch wenn manchmal Traurigkeit, Wut und Angst hochkommen, erzählt der Vater Klaus Over der AZ - sie halten durch. Noch.

Mutter Connie hilft Sohn Benni bei der Atemtherapie.
Mutter Connie hilft Sohn Benni bei der Atemtherapie. © privat

Nun allerdings ist ein Szenario eingetreten, das der zweite große Feind ist: Klaus Over fällt für die anstrengende 24-Stunden-Pflege vorerst aus. Er bekommt am Donnerstag vergangener Woche plötzlich heftige Nieren-Schmerzen. Notarzt, Krankenhaus, OP. "Von jetzt auf gleich", erzählt er am Telefon. "Das war immer unsere Horror-Vorstellung, dass einer von uns - meine Frau oder ich - krank werden." Die Diagnose: Nierenstein. In wenigen Wochen wird Klaus Over ein weiteres Mal ins Krankenhaus müssen, weil der Nierenstein nicht entfernt werden konnte.

Nach Krankenhaus-Aufenthalt im Nachbarhäuschen

Der Vater musste dadurch die sichere Quarantäne daheim verlassen und ist im Krankenhaus mit anderen in Kontakt gekommen. Folglich kann er jetzt erst einmal nicht mehr problemlos in Bennis Nähe sein. "Ich bin jetzt in einem kleinen Häuschen neben unserem Haupthaus untergebracht", sagt er hörbar mitgenommen. Und einsam.

Ihn quälen Schmerzen und das Wissen, dass seine Frau nun die Pflege allein tragen muss. Denn der Intensivpflegedienst und auch die notwendigen Therapeuten kommen seit Monaten nicht mehr. Die Atemtherapie etwa betreut nun die Mutter, unter Anleitung über das Internet.

Nur vermummt kann der Vater zu seinem Sohn

Dreimal am Tag muss der Vater trotz aller Sorge zu seiner Familie, um seiner Frau bei den "Hebe-Transfers" zu helfen - Benni aus dem Bett und wieder zurückzubringen sowie für die Toilette. "Völlig vermummt" beschreibt er, wie er zu Benni geht. "Es bleibt uns nichts anderes übrig. Allein steht man das nicht lange durch." An diesem Montag, an Tag 9 nach dem Krankenhaus, bekommt er einen Corona-Test. Und damit hoffentlich bald Entwarnung. Das gleiche Spiel erwartet die Overs dann allerdings wieder nach dem zweiten Krankenhaus-Aufenthalt.

Ein Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn

Aber es wäre nicht die Familie Over, wenn sie nicht schon wieder an vorderster Front kämpfen würde. Gerade als die AZ den Familienvater erreicht, tippt dieser an einem Schreiben an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. "Die Pflegekräfte im Krankenhaus und in den Heimen werden ja jetzt mit kostenlosen Schnelltests ausgestattet", sagt er. Er sieht ihre Situation vergleichbar, sozusagen ein "ambulantes Pflegeheim für eine Person", die zudem beatmet wird. Auch für Bennis Therapeuten hätten sie deswegen gerne solche Corona-Schnelltests.

Und: "Auch meine Frau und ich sind letztendlich Pflegende, 24 Stunden an sieben Tagen. Es wäre schön, wenn es auch für mich einen kostenlosen Coronatest gibt." In Rheinland-Pfalz ist bisher - anders als in Bayern - keine kostenlose Testung für Personen ohne Symptome möglich. Und so kämpft die Familie Over weiter für Gehör und für mehr Hilfe für pflegende Angehörige. Die Aussichten für die nächsten Monate rauben Kraft: "Wir werden keinen Besuch mehr haben bis mindestens Anfang April. Benni ist drinnen und wird vorerst auch nicht mehr rauskommen. Das macht traurig, aggressiv, wütend. Aber wohin mit der Wut?" Wütend ist Benni vor allem auch auf diejenigen, die die Regeln nicht einhalten wollen.

Negative Gefühle in Energie umwandeln

Die Overs wandeln negative Gefühle jedoch lieber in Energie um. Das empfiehlt Klaus Over auch allen anderen, die unter dem zweiten Lockdown leiden: sich die neue Situation anschauen und überlegen: Was kann man trotzdem machen? Was ist dennoch möglich?

Manchmal ist es mehr, als man im ersten Moment glaubt.

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