Fall Ursula Herrmann (†10): Was bleibt, sind Zweifel

Michael Herrmann, der Bruder der 1981 getöteten Ursula (†10) gewinnt seinen Schmerzengeldprozess gegen den verurteilten Entführer Werner Mazurek. Dennoch bleiben viele Fragen offen.
| Nina Job
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Ursula Herrmann wurde am Ammersee entführt und in eine im Wald vergrabene Kiste gesperrt, in der sie erstickte. Ihr Bruder Michael Herrmann (r.) zweifelt schon lange daran, dass es tatsächlich ihr Mörder ist, der im März 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.
dpa 2 Ursula Herrmann wurde am Ammersee entführt und in eine im Wald vergrabene Kiste gesperrt, in der sie erstickte. Ihr Bruder Michael Herrmann (r.) zweifelt schon lange daran, dass es tatsächlich ihr Mörder ist, der im März 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.
Werner Mazurek (M.) wurde 2010 wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge zu lebenslanger Haft verurteilt.
dpa 2 Werner Mazurek (M.) wurde 2010 wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge zu lebenslanger Haft verurteilt.

Augsburg - Er hat den Prozess gewonnen. Doch die eigentlichen Hoffnungen, die Michael Herrmann an ihn geknüpft hatte, haben sich nicht erfüllt. Für ihn bleiben viele Zweifel – sogar mehr als zuvor.

Der große Bruder der 1981 getöteten Ursula Herrmann hatte gehofft, nach dem Zivilprozess endgültig abschließen zu können mit dem furchtbaren Verbrechen an seiner Schwester. Der Musiklehrer aus Augsburg wollte Gewissheit erlangen, dass Werner Mazurek – der Mann, der 2010 als Täter verurteilt worden war – tatsächlich der Mörder seiner Schwester Ursula ist. Oder eben nicht.

Verurteilter Täter schreibt an Ursulas Bruder Briefe

Am Donnerstag sprach ihm der Vorsitzende Richter Harald Meyer "im Namen des Volkes" 7.000 Euro Schmerzensgeld zu, da Michael Herrmann durch den Stress des Strafprozesses gegen Werner Mazurek einen Tinnitus bekommen hatte, unter dem er bis heute leidet. "Man gewinnt und ist nicht zufrieden", kommentierte Michael Herrmann das Urteil. Es wurde an seinem 55. Geburtstag verkündet.

In den vergangenen zehn Jahren, in denen Werner Mazurek nun schon im Gefängnis sitzt, hat er Michael Herrmann mindestens zehn Briefe geschickt – in Schönschrift auf liniertem Papier, die meisten sind mehrere Seiten lang. Darin behauptet der Verurteilte stets, nichts mit dem Verbrechen zu tun zu haben.

Im Brief 2010: "Fakt ist, ich war es nicht, Punkt"

Den ersten Brief schrieb er am 25. Mai 2010, als er noch in der JVA Augsburg saß. "Fakt ist, ich war es nicht, Punkt", heißt es gleich am Anfang. Dann führt Mazurek detailliert auf, wer nach seinem "sorgfältigem Aktenstudium" statt seiner der Täter gewesen sein müsse und welches Motiv dieser Mann gehabt habe.

In einem Brief vom 5. Juli 2018 aus der JVA Lübeck, versucht Werner Mazurek, sich unter anderem so zu entlasten: "Es gehört nicht zu meinen Gepflogenheiten irgendwelche Dinge zu vergraben, schon gar keine Kisten im Wald, ich hasse Arbeiten mit Erde und Dreck, außer Maschinen." Unten auf den Seiten gibt er die Adresse einer Homepage unter seinem Namen an, versehen mit seinem Foto.

Michael Herrmann antwortete anfangs nie

Anfangs antwortete Michael Herrmann nie auf die Briefe des Mannes, von dessen Schuld das Landgericht Augsburg nach 55 Verhandlungstagen mit rund 200 Zeugen überzeugt gewesen war. Doch schon während des Strafprozesses hatte er Zweifel an der Schuld von Werner Mazurek bekommen. Während des Zivilprozesses wurden sie noch größer. "Inzwischen tendiere ich dazu, an seine Unschuld zu glauben."

Dies äußerte er nun auch gegenüber Werner Mazurek. Vor einem Monat antwortete er ihm erstmals. Er glaube mittlerweile nicht mehr daran, dass Mazurek den Tod der Schwester zu verantworten habe. "Vor allem das Tonbandgerät hat mich dazu bewogen, eher an die Unschuld Mazureks zu glauben", sagt Michael Herrmann. Das Grundig-Gerät war im Strafprozess neben der Aussage eines – längst verstorbenen – Alkoholikers, der nie richtig polizeilich vernommen wurde und außerdem sein Geständnis wenig widerrief, eines der beiden wichtigsten, belastenden Indizien.

Mysteriöses Tonband 27 Jahre nach der Tat

Das Tonband wurde bei Werner Mazurek 27 Jahre nach der Tat sichergestellt. Nach Überzeugung des Gerichts soll er es beim Abspielen der Erpressermelodie verwendet haben. Mit der Entführung des Mädchens sollten zwei Millionen Mark erpresst werden. Mazurek behauptet, er habe das Tonband auf einem Flohmarkt gekauft, kurz bevor es bei ihm gefunden wurde.

Selbst die Gutachterin des Bayerischen Landeskriminalamtes hielt es nur für "wahrscheinlich", dass es sich um das Erpresser-Tonband handelt. Ein anderer Experte, der sich ein Jahr lang intensiv "ehrenamtiich" mit dem Tonband beschäftigte, ist hingegen überzeugt, dass beim Abspielen der Erpressermelodie überhaupt kein Tonband verwendet wurde. Doch das Gericht hatte kein Interesse an dieser "Gegendarstellung".  

Justiz nicht an Aufklärung des Falles interessiert?

Herrmanns Anwalt Joachim Feller: "Wir sind enttäuscht, weil wir das Gefühl haben, dass das Gericht sich nicht intensiv auf die Suche nach der Wahrheit gemacht hat." In einem offenen Brief, den Michael Herrmann an den bayerischen Justizminister geschrieben hat, äußert er Zweifel daran, "dass der Augsburger Justiz an wirklicher Aufklärung des Falles Ursula Herrmann gelegen ist".

Herrmann spricht in dem Brief auch von einem "neuen, sehr deutlichen Tatverdacht" gegen einen "bisher nur mangelhaft untersuchten Täterkreis". Wen er damit meint, hält er aber noch zurück. Wenn es nach Herrmann als Kläger gegangen wäre, hätte die Zivilkammer seine Klage eigentlich abweisen müssen – mit der Begründung, dass der beklagte Entführer vermutlich gar nicht der Täter ist. Werner Mazureks Anwalt Walter Rubach sagte, dass er sicher sei, dass sein Mandant in Berufung gehen wolle.

Schmerzensgeldbetrag verschlingt Gerichtskosten

Für Michael Herrmann ist durch den Prozess nicht einmal finanziell etwas gewonnen. Geld ist bei dem Häftling keines zu holen. Und selbst, wenn Mazurek 7.000 Euro an Michael Herrmann zahlen könnte, würde der Betrag durch die hohen Gerichtskosten verschlungen werden.

Laut Urteil soll Kläger Herrmann zwei Drittel der Gerichtskosten tragen. Allein, dass die LKA-Expertin ihr Gutachten ein zweites Mal zur Verfügung stellte und auch vor dem Zivilgericht erschien, wurde mit insgesamt 13.000 Euro berechnet.

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