Experten über Infrastruktur: "München ist so wenig geschützt wie Berlin"
Ist der tagelange Stromausfall im Südwesten Berlins ein erneuter Beweis für die suboptimalen Zustände in der Bundeshauptstadt? Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach das so nicht aus, versicherte aber dieser Tage, dass der Freistaat "gut gerüstet" sei, "um die Versorgungssicherheit der Bevölkerung und den Schutz kritischer Infrastrukturen auch in Krisensituationen bestmöglich zu gewährleisten".

München bereits 2021 von Brand in Kabelschacht betroffen
Einen Warnschuss in dieser Hinsicht erhielt München 2021, als nahe des Ostbahnhofs ein Kabelschacht in Brand gesetzt und 20.000 Haushalte und Betriebe vom Stromnetz getrennt wurden. Es dauerte bis zu 30 Stunden, bis die Lichter wieder angingen – zu lange für Supermärkte, die ihre Tiefkühlware verschenken oder entsorgen mussten.
München und andere westdeutsche Großstädte unterschieden sich bei der Sicherheit der Stromleitungen nicht von Berlin, sagt Hans-Walter Borries vom Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastruktur (BSKI). Die Berliner Infrastruktur sei wegen der Insellage der Stadt im Kalten Krieg eher noch etwas "bevorteilt im Krisenmanagement".

Vorschläge, neuralgische Punkte der Strom-Infrastruktur besser zu verstecken, sind nach Ansicht Borries’, der an der Hochschule Magdeburg-Stendal zum Thema "Energiesicherheit und Blackout-Resilienzen" lehrt, ein frommer Wunsch. Wer Anschläge verüben wolle und sich auskenne, finde bei den mehr als 800 Verteilnetzbetreibern genügend Kartenmaterial und darin "unzureichend geschützte Anschlagsziele".
Alle neuralgischen Punkte ließen sich nicht durch Überwachungstechnik oder Personal schützen, wollte man die Kosten für die Sicherheit nicht auf das Sechsfache schrauben: "Wir können nicht alles unterirdisch militärisch sichern."
Ersatzleitungen nur im Einzelfall
Die Münchner können jedenfalls nach Expertenmeinung nicht sicher sein, dass ihnen nicht dasselbe widerfahren könne wie den Berlinern, so der Tenor der befragten Experten. "München ist gegen solche Attacken genauso wenig geschützt wie Berlin", sagt Andreas Kling, Experte für Bevölkerungsschutz: "Wer sehenden Auges durch die Stadt läuft, wird immer geeignete Stellen finden."
Ersatzleitungen seien auch in Bayern nur im Einzelfall vorhanden. Borries kann etliche Fälle nennen, in denen neben der Hauptleitung auch gleich die danebenliegende Ersatzleitung zerstört wurde. "Im Frieden", so der Oberst der Reserve, seien diese Leitungen "relativ nahe" beieinandergelegt worden und schützten nicht vor einem Anschlag.

Bleibt die Frage, ob man in Bayern mit Reparatur und der Versorgung der Bevölkerung schneller wäre als die Berliner. Der Stromausfall von 2021 in München kann als Blaupause nicht herhalten, weil er sich im warmen Mai ereignete. Er bezweifle, dass die Wiederherstellung der Stromversorgung in anderen Bundesländern schneller gehen würde als in Berlin, meint Kling: "Im Sommer kann man so etwas viel leichter abfedern."
Evakuierungspläne für Krisenzeiten existieren
Könnten mehr Notstromaggregate die Lösung sein? Beschafft würden derzeit weitere Notstromgerätesätze mit dem Ziel, mittelfristig alle 96 Kreisverwaltungsbehörden in Bayern auszustatten, teilte Minister Herrmann mit. Zudem werde die Ausstattung des Technischen Hilfswerks (THW) "mit leistungsstarken Notstromaggregaten" vorangetrieben.

Mit einem solchen Notstromaggregat könne ein Krankenhaus, ein Altenheim, eine Schule oder eine Wohnstraße mit Strom versorgt werden, aber nicht ganze Regionen, erläutert Hans-Walter Borries. Deshalb seien in bayerischen Gemeinden Anlaufstellen für die Bevölkerung in Krisenzeiten vorgeplant, betonte Innenminister Herrmann. Auch Evakuierungspläne existierten.
Empfehlung an Bürger: "Für drei bis fünf Tage vorsorgen"
Deutschland besitze ein sicheres Stromnetz, es gebe aber Szenarien wie Unwetter und Sabotage, "sodass Berlin auch München sein kann oder Nürnberg oder Fürth", sagt Borries. Deshalb müsse man den Bürgern empfehlen, für drei bis fünf Tage mit Lebensmitteln vorzusorgen. Am gravierendsten wäre eine größere Schadenslage im Winter. Vom Münsterland-Schneechaos Ende November 2005 waren 250.000 Einwohner betroffen.
Damals seien etwa drei Viertel der Kapazitäten aller deutschen THW-Einheiten eingesetzt worden, um nach fünf Tagen Herr der Lage zu werden, warnt Borries. Wenn es mehrere zeitgleiche, ähnlich große Schadensgebiete in Deutschland gebe, reichten die Notstrom-Kapazitäten des THW und aller Blaulicht-Organisationen nicht aus, um genügend Leistung zu erbringen.
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