"Es wäre ein absoluter Trauerfall": Genossenschaft will Kult-Kneipe bei München retten
Das Wirtshaus-Sterben ist in vielen Orten Bayerns ein Problem. Mehr als 500 Gemeinden im Freistaat haben schon kein Wirtshaus mehr. Das teilte der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Bayern 2025 mit.
Verschwindet bald eine weitere Kult-Kneipe aus einer oberbayerischen Innenstadt? In Freising will man das um jeden Preis verhindern. Die Mission ist klar: Rettet den Furtner!
Der Plan: Eine Genossenschaft soll das zentrale und historische Haus in Freising auf Erbpacht erwerben, sanieren und damit langfristig erhalten.
Das in die Jahre gekommene Gebäude steht mitten in der Innenstadt, war früher eine Brauerei (von 1513 bis 1967). 1886 brannte das Haus und wurde damals neu errichtet. Vor einigen Jahren hat sich dort wieder eine unkonventionelle, offene Kult-Kneipe etabliert.
Freisings "Wohnzimmer" soll nicht schließen
Für viele Einheimische sei der Furtner wie ihr "Wohnzimmer". Auch für ihn selbst. So beschreibt es Reinhard Fiedler (50) im Gespräch mit der AZ. Der Architekt will damit ausdrücken: Das Gasthaus ist für die Menschen in der Stadt von großer Bedeutung. Es ist ein Mittelpunkt, ein Ort, an dem man gern zusammenkommt. Und wo es locker zugeht. Volkstanz in Jeans und Turnschuhen? Das ging hier.

Fiedler spielt eine wichtige Rolle in der jüngeren Geschichte des Furtners. Vor 14 Jahren, so erzählt er es, sei er zusammen mit zwei Freunden, Frank Hager und Andreas Adldinger, am geschlossenen Wirtshaus vorbeimarschiert. Sie wunderten und ärgerten sich über den Leerstand.
Aus ihrer Sicht sollte dort wieder Leben einkehren. Sie suchten das Gespräch mit dem Eigentümer. Der Deal: Für ein Jahr sollte dort vorübergehend bis zu einer Sanierung wieder ein Wirtshaus betrieben werden. Zwei Wirte waren schnell gefunden.
Aus der Zwischenlösung für ein Jahr wurden 14 Jahre
Fiedler sagt: "Für Freising war es ein Glücksgriff, weil damit ein ganz besonderer Ort entstanden ist." Für Jung, für Alt, für alle. Mit Kultur, Musik, originellen Veranstaltungen wie "Bier und Stricken".

Nun, aus dem geplanten Jahr wurden am Ende 14 Jahre. Der Pachtvertrag sei immer wieder verlängert worden, erzählt Fiedler. Bis jetzt. Nun bedarf es einer Lösung für die Zukunft, damit das sanierungsbedürftige Gebäude nicht an irgendwen verkauft wird und die Lichter im Wirtshaus ausgehen.
"Es wäre ein absoluter Trauerfall"
Der Freisinger sagt: "Wir haben die letzten zehn Jahre in Freising alles aufgehübscht und die Moosach wieder geöffnet. Es wäre jetzt ein absoluter Trauerfall, wenn so ein Gebäude schließen müsste."

Ein Team von zehn Personen hat sich ihm zufolge zusammengetan und ist gerade dabei, eine Genossenschaft aufzubauen. Denn: "Wir können das Gebäude in Erbpacht bekommen."
Ein halbes Jahr haben sie schon Vorarbeit geleistet, ausgeklügelt, welche Bauschritte notwendig sind und wie viele Mitglieder man für die Rettung mindestens braucht.
Der Furtner-Fan sagt: "Die Chance, so einen Ort für 99 Jahre sichern zu können, ist so unglaublich, dass man einfach mithelfen muss." Ein Anteil in der Genossenschaft kostet 500 Euro. "Dieses Geld ist für Kauf und Sanierung." Nach nur wenigen Tagen hatten sie schon 180 Mitglieder, die zusammen rund 300 Anteile gekauft haben. Zur Umsetzung nötig sind bis Ende August 1500 Anteile, bis Ende des Jahres 2200.
Es gibt auch ein Unterstützer-Abo
Die zweite Möglichkeit der Unterstützung: ein monatliches Furtner-Unterstützer-Abo für zehn Euro (inklusive Bier-Gutschein). "Diese regelmäßigen Einnahmen sind wichtig, um die Erbpacht, Zins und Tilgung zu bezahlen."

Das alte Wirtshaus braucht nicht nur eine Schönheitskur, sondern eine handfeste Sanierung. Weil es zum Beispiel stellenweise durchs Dach regnet.
In einem ersten Schritt soll Grundlegendes renoviert werden wie die Technik: Wasser, Strom, Abwasser, Heizung, Lüftung, WC und mehr, zählt Fiedler auf. "Das wollen wir schon im Sommer machen." Dafür müsste das Wirtshaus voraussichtlich einige Zeit schließen.

Die oberen Stockwerke sollen zu einem Kulturzentrum werden
Ein weiterer Baustein für die Zukunft sind die oberen zwei Stockwerke. Diese früheren Hotelzimmer werden aktuell nicht genutzt. Künftig wünscht sich das Team hier ein Kulturzentrum für Ausstellungen, Ateliers, Vernissagen.

Dann wäre da noch die alte Brauerei. Hier wünscht man sich, dass wieder Führungen stattfinden könnten. Und wenn alles gut läuft, wäre auch eine kleine Brauerei eine Vision. Für ein Furtner-Bier wie früher.
Fiedler schätzt, dass man mit allen Bauphasen zusammen am Ende bei Kosten von rund vier Millionen Euro landen werde. Eine hohe Summe. "Das geht nur, wenn jetzt alle mitmachen."
Es sei bewusst ein "Projekt aus der Freisinger Gesellschaft" heraus, um unabhängig zu sein. Jedes Mitglied der Genossenschaft wird ein Stimmrecht bei Versammlungen haben.

In einem Begleit-Heft heißt es: "Entscheidend ist dabei, dass der Furtner optisch Furtner bleibt. Wer hereinkommt, soll nicht das Gefühl haben, dass ein alter Ort glatt modernisiert wurde. Die vertraute Atmosphäre soll erhalten bleiben – mit einer Technik und Infrastruktur, die den Betrieb langfristig möglich macht."
In Pischelsdorf hat es schon geklappt
Wie eine Wirtshaus-Rettung klappen kann, haben die Menschen in Pischelsdorf im Kreis Pfaffenhofen an der Ilm vorgemacht. Der Film dazu: "Fanni – oder wie rettet man ein Wirtshaus?"
Mehr zu Freising: www.furtner-freising.de
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