Erst private Krise, dann Burnout: So hat diese Autorin aus Bayern gelernt, Nein zu sagen
Die Managerin Christiane Stark hat ein Buch geschrieben, mit dem sie anderen Menschen Mut machen will, ihr Leben im Einklang mit ihren Werten zu gestalten – sowie ihre Arbeit bewusst zu leben, ohne sich darin zu erschöpfen. Sie selbst blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: Im AZ-Interview spricht sie über gesellschaftliche Verpflichtungen, mögliche Brüche im Leben – und über Achtsamkeit.
AZ: Frau Stark, Ihr Buch richtet sich vor allem an Menschen zwischen 35 und 65. Eine Generation, die es oft nicht einfach hat. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, muss man sich oft um die hilfsbedürftigen Eltern kümmern. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Schwierigkeiten?
CHRISTIANE STARK: Viele Menschen in dieser Lebensphase führen mehrere Leben gleichzeitig: Job, Familie, Partnerschaft, Kinder oder pflegebedürftige Eltern und dazu ein Alltag, der gerade in einer teuren Stadt wie München finanziell und organisatorisch eng getaktet ist. Die größte Schwierigkeit ist nicht fehlende Disziplin, sondern Dauerbelastung. Der Kopf ist selten wirklich aus – und die Erholung wird zur Ausnahme. Gefährlich wird es, weil viele erst spät merken, wie leer ihre Batterien sind. Genau dort setze ich mit meinem Buch an: stimmiger leben und gut für sich sorgen, ohne auszusteigen.
"Es geht nicht darum, noch mehr zu tun"
Sie beschreiben die Strategie dieser Menschen, die, wie Sie es nennen, "sich selbst auf später vertagen". Wie schafft man es einfacher, auch mal etwas für sich selbst zu tun?
Der wichtigste Schritt ist, Selbstfürsorge nicht als Luxus zu betrachten, sondern als Grundlage, um langfristig gesund und klar zu bleiben. Viele kippen nicht um, weil sie zu wenig Yoga machen, sondern weil sie einen inneren Satz mit sich tragen wie: "Ich darf niemandem zur Last fallen." Selbstfürsorge beginnt oft klein, aber mutig: früher um Hilfe bitten, Aufgaben im Job neu verhandeln und ehrlich prüfen, was Energie gibt und was sie dauerhaft abzieht. Es geht nicht darum, noch mehr zu tun. Es geht darum, sich selbst im eigenen Leben wieder einen Platz zu geben. Dafür ist eine gut geplante Auszeit sehr hilfreich: Sabbaticals, Pflegezeit, reduzierte Stunden oder Übergangsmodelle werden heute von vielen Unternehmen unterstützt. Nicht als Flucht, sondern als Rückkehr ins eigene Leben.
Stichwort "Longevity" (englisch für Langlebigkeit, d. Red.) – dabei geht es vereinfacht gesagt darum, möglichst gesund zu altern. Andere sagen, dies sei zu simpel gedacht. Wie stehen Sie persönlich zu dem Trend?
Für mich geht es bei Longevity nicht um Biohacking, sondern um Lust aufs Leben. Dass wir immer länger leben, ist eine medizinische und statistische Realität und verändert nicht nur, wie wir altern, sondern wie wir unser ganzes Leben gestalten: Arbeit, Liebe, Familie, Geld und die Frage, wie wir für unser zukünftiges Ich sorgen. Longevity ist für mich die Einladung, das Leben bewusst zu gestalten. Früh genug. Ohne Druck. In kleinen, aber konsequenten Schritten. Langlebigkeit ist kein Wettkampf. Sie ist Nebenprodukt eines sinnerfüllten Lebens. Ein Resultat von Zugehörigkeit und Selbstfürsorge.

Ihr Buch soll Mut zur Selbstfürsorge und Neuausrichtung in einer beschleunigten Welt machen. Können Sie ein paar Beispiele dafür benennen?
In "Life! Reloaded" geht es nicht um Selbstoptimierung, sondern um Kurskorrekturen, die das Leben wieder stimmiger machen. Ein Schlüssel ist das persönliche "Genug": bei Geld, Zeit, Besitz, Anerkennung. Viele leben über ihre Grenzen, weil sie innerlich im Modus "mehr leisten, mehr aushalten" festhängen. Wenn ich mein "Genug" kenne, kann ich auswählen, statt mich ständig zu verbiegen. Und ich stelle mir bei großen Entscheidungen eine ehrliche Frage: Tue ich mir wirklich etwas Gutes oder kaufe ich gerade Anerkennung und Status? Freiheit heißt für mich, zu wissen, was ich wirklich brauche, statt alles haben zu müssen.
Erst eine private Krise, dann ein Burnout
Was hat Sie persönlich dazu veranlasst, ein solches Buch zu schreiben?
Die Geburtsstunde von "Life! Reloaded" war 2011, als eine private Krise meinen Lebensplan zerlegt hat. Ich wollte damals nur eins: wieder funktionieren. Bis die Erkenntnis kam, die mich gerettet hat: Ich muss loslassen, damit etwas Neues entstehen kann. Ein Sabbatical als Volunteer in einem Township-Kindergarten in Südafrika hat mir gezeigt, wie wichtig Gemeinschaft ist, wenn das Leben unsicher wird. 2018 kam dann mein zweiter Reset: ein Burnout. Beides hat mich gelehrt: Loslassen ist kein Scheitern, oft ist es der Beginn von Neuausrichtung. Und echte Verbindung ist kein "Nice to have“, sondern Fundament. Ich bin weiterhin beruflich erfolgreich. Ich bin nicht ausgestiegen. Aber ich lebe erfüllter, arbeite bewusster und sorge besser für mich und andere. Und ich habe verstanden: Kontrolle ist eine meist sehr anstrengende Illusion. Sicherheit entsteht nicht nur durch Titel und Strukturen – sondern vor allem durch die Fähigkeit, sich neu auszurichten, wenn es nötig ist. Das möchte ich weitergeben.
Ob im Privaten oder beruflich: Welchen Tipp haben Sie in Sachen Achtsamkeit gegenüber sich selbst?
Mein wichtigster Tipp ist ein täglicher Moment echter Stille. Nicht als Technik, sondern als Rückverbindung: zehn Minuten ohne Handy, ohne Input, ohne Ziel. In dieser Stille hören wir wieder, was im Lärm untergeht: Was ist stimmig und was tun wir nur aus Pflicht, Angst oder Erwartungsdruck? Und dann folgt ein kleiner Schritt daraus, eine Grenze, ein Nein, ein Gespräch, eine Entscheidung. Achtsamkeit heißt für mich: freundlicher mit sich zu werden. Weil wir nicht dafür gebaut sind, permanent zu funktionieren.
"Sozialstress entsteht aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit"
Auch Sozialstress, etwa weil man es in der Familie oder im Freundeskreis allen Personen recht machen will, kann dazu führen, dass man seine eigene Balance verliert. Wie kann man aus Ihrer Sicht gegensteuern?
Sozialstress entsteht oft aus unserem tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit. Viele haben früh gelernt: Ich gehöre dazu, wenn ich mich anpasse, wenn ich funktioniere, wenn ich niemanden enttäusche. Dann wird Beziehung schnell zur Leistung. Gegensteuern heißt: innehalten und prüfen, welche Rolle ich gerade spiele. Bin ich noch ich selbst oder erfülle ich Erwartungen? Praktisch hilft es, Grenzen ohne Rechtfertigung zu üben, kleine Enttäuschungen auszuhalten und echte Verbindung höher zu gewichten als Harmonie. Zugehörigkeit, die nur funktioniert, wenn ich mich verbiege, ist teuer erkauft. Und oft weiß unser Körper früher als unser Kopf, wo wir frei atmen und wo nicht.

Hand aufs Herz: Sollte man nicht grundsätzlich einfach öfter Nein sagen im Leben?
Ja, wir sollten öfter Nein sagen. Nicht aus Trotz, sondern als Ausdruck von Selbstachtung. Ein Nein ist selten ein Nein gegen andere, es ist ein Ja zu etwas, das sonst keinen Platz bekommt: Gesundheit, Schlaf, Familie, innere Ruhe.
"Man wird gemocht, wenn man verfügbar ist"
Warum fällt uns das häufig so schwer?
Weil viele von uns gelernt haben, dass Anerkennung über Leistung kommt. Und dass man gemocht wird, wenn man verfügbar ist. Nein sagen fühlt sich dann an wie Risiko. Dabei ist es meistens Reife. Und erstaunlich oft wird es uns auch nicht übel genommen, wenn wir klar kommunizieren, warum es gerade nicht geht.
Wenn man etwas im Leben verändern will: Gelingt einem das tatsächlich in nur kleinen Schritten? Oder ist es nicht gesünder, sich von manchen Dingen mutig zu verabschieden?
Beides kann richtig sein. Kleine Schritte sind ideal, wenn man Stabilität aufbaut: neue Routinen, neue Prioritäten, mehr Klarheit. Das passt ins tägliche Leben und ist nachhaltig. Mutige Abschiede sind wichtig, wenn etwas dauerhaft schadet, chronische Überlastung, ein toxisches Umfeld, ein Lebensmodell, das nur noch aus Pflicht besteht. Dann ist "noch ein bisschen durchhalten" oft keine Tugend mehr, sondern Selbstbetrug. Ich sage es so: Kleine Schritte verändern den Alltag, mutige Entscheidungen verändern die Richtung. Ein sehr pragmatischer Ansatz für die größeren Schritte ist ein finanzieller Puffer, den ich "Freedom Fund" nenne. Das ist ein finanzielles Polster, das Druck rausnimmt und Übergänge ermöglicht, weil man nicht mehr aus Angst arbeitet, sondern aus Überzeugung. Ich habe als Studentin mit kleinen Beträgen damit begonnen und konnte mir dadurch später eine sechsmonatige Auszeit in Südafrika leisten. Genau solche finanziellen Puffer machen mutige Entscheidungen überhaupt erst realistisch.
Christiane Stark: Life! Reloaded, 220 Seiten, Haufe, 29,99 Euro
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