Er und seine Tochter wurden in Paraguay getötet: Wer war der Münchner Mammut-Mann?

AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz erinnert an den ermordeten Forscher Bernard von Bredow und dessen spannenden Fund bei Siegsdorf.
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Bernard von Bredow bei Dreharbeiten zu dem Film "Feuer im Eis".
Bernard von Bredow bei Dreharbeiten zu dem Film "Feuer im Eis". © imago images / United Archives

Wer war Bernard von Bredow (†62), der Wissenschaftler, dessen Leben Mitte Oktober in Paraguay so ein grausames Ende nahm (AZ berichtete), als er und seine Tochter Loreena († 14) einem Raubmord zum Opfer fielen, für den es mittlerweile drei Verdächtige gibt? Karl Stankiewitz hat sich auf Spurensuche begeben.

"Wir haben ein Mammut gefunden"

Seine Freizeit verbrachte der Münchner Gymnasiast Bernard Raymond von Bredow am liebsten im Deutschen Museum oder als "Schatzsucher" in oberbayerischen Wäldern. Als der 16-jährige Dolmetschersohn im Herbst 1975 wieder einmal im Gerhardsgraben bei Siegsdorf, einer versteckten Endmoräne der Späteiszeit, mit einem Freund und seinem selbstgebastelten Metalldetektor herumstreifte, stieß er auf einen herausragenden Knochen. "Viel zu groß für einen Ochsen," taxierte Bernard und grub mit einem Suppenlöffel den Rest aus. Mehr im Spaß sagte er: "Mensch Robby, wir haben ein Mammut gefunden."

Ziemlich unsystematisch und im Geheimen durchsuchten die Burschen nun Tag für Tag das Gelände. Nach drei Wochen hatten sie fast alle Rippen sowie das Rückgrat eines riesigen Tierskeletts aus dem Lehm geborgen. Nicht gerade sachgemäß lagerten sie die Fossilien im Atelier von Bernards Mutter, einer Malerin. Dann kam der Winter, und der junge Bredow, dessen Familie den Adelstitel abgelegt hatte, erbte eine Farm in Neuseeland. "Zur Selbstfindung" reiste er als Hilfsarbeiter, Klavierstimmer, Rockmusiker, Problemanalytiker um die halbe Welt.

Fast schon hatte er "sein Mammut" vergessen, als er Ende 1984 in seine oberbayerische Heimat zurückkehrte. Doch nach der Schneeschmelze arbeitete er weiter an seinem Fund. Nun freilich wollte er die Behörden einschalten.

"Mir verstengan nix von der Sach", habe man ihnen gesagt

Im Juli 1985 erzählte er mir in seiner Siegsdorfer Bude die weitere Geschichte und ich berichtete erstmals über den 25-jährigen Hobby-Forscher. "Mir verstengan nix von der Sach," habe man ihnen beschieden, im Landratsamt, beim Bürgermeister, beim Heimatpfleger. Viele im Chiemgauer Urlaubsdorf hielten ihn für einen Spinner.

Bis endlich der Traunsteiner Landrat Leonhard Schmucker, ein Pionier des Fremdenverkehrs, eine Untersuchung durch den Münchner Paläontologen Kurt Heißig veranlasste.

"Wie frisch vom Metzger"

"Es muss etwa hundert Jahre alt gewesen sein, als es vor 21.000 Jahren starb; dennoch sieht es aus wie frisch vom Metzger," urteilte der Professor nicht ohne Anerkennung und Verwunderung. Bei dem Es handelte es sich um das bisher besterhaltene Mammut Mitteleuropas. Geschlecht: wahrscheinlich ein Bulle. Zunächst sollten die 80 Prozent seines originalen Knochenbaus in Schellack konserviert werden, um in einigen Jahren bis zu einer Schulterhöhe von vier Metern zusammengefügt und in einem Museum ausgestellt zu werden.

Tag für Tag, oft bis zu den Knien im Schlamm steckend, buddelte Bredow weiter. Noch fehlten die Schädeldecke und ein Stoßzahn, dessen gefundenes Gegenstück 1,20 Meter maß. Endlich waren auch die Siegsdorfer richtig begeistert über ihr "Urviech", dem sein Entdecker den Namen "Oskar" gab. Oskar gesellten sich alsbald weitere Funde zu, die präpariert und konserviert wurden; Wölfe, Höhlenbären, Riesenhirsche, Auerochsen, Wollnashörner.

Mit dem Mammutheum hat er es sich bei vielen verscherzt

Wieder aber machte sich Bredow, der wissenschaftliche Laie, in seinem Übereifer neue Gegner, Neider und Rivalen. Unermüdlich und auf eigene Kosten reiste er auf Mammutsuche um die Welt, besonders interessante Funde brachte er aus dem Permafrost Sibiriens heim. In England und Holland konnte er mit seiner "fossilen Mammutwelt" Hunderttausende begeisterten.

Als er schließlich 1991 für seinen Oskar ein eigenes "Mammutheum" aufmachte und plante, weitere Großmodelle samt Videospektakel aufzustellen, verprellte er die letzten ihm zugetanen Wissenschaftler und Kommunalpolitiker. Im Mai 1995 eröffnete die Gemeinde Siegsdorf auf dem Gelände des abgerissenen Rathauses ein eigenes "Südostbayerisches Naturkunde und Mammutmuseum", das Einblick bot in die Welt der Tiere und Steine vor vielen Millionen Jahren, wie sie sich gerade in den Chiemgauer Alpen gut erhalten hat und erforscht wurde. Im Mittelpunkt: das aus Abgüssen der Knochen nachgebildete Gerippe des größten und besterhaltenen Mammuts, das je in Europa gefunden wurde. Vier Meter hoch, fast sechs Meter lang und wohl vor 15.000 Jahren verendet. Die Siegsdorfer gaben dem frei zugänglichen Pflanzenfresser ihren abgewandelten Ortsnamen; Siegi.

2017 wanderte Bernard von Bredow nach Paraguay aus

"Ein Mammut kommt selten allein," überschrieb ich meinen damaligen Bericht. Bredow ärgerte sich maßlos, er fühlte sich ausgetrickst, nur noch von der Russischen Akademie der Wissenschaften verstanden. Schwer traf ihn der Tod seines Vaters, der unter sein eigenes Auto geraten war. Wieder begab sich Bernard auf weite, strapaziöse Forschungsreisen. Er veröffentlichte, als Autodidakt, nicht nur Erkenntnisse, die fachlich Aufsehen erregen, sondern befasste sich zuletzt auch mit Verschwörungstheorien. 2017 schlug er ein neues Lebenskapitel auf. Mit seiner zehnjährigen Tochter wanderte er nach Paraguay aus, wo er zuletzt als Geigenbauer gearbeitete haben soll.

Sein "Mammutheum" am Fuß der Wallfahrtskirche Maria Eck, wo er längst eine ganze Herde von präparierten Urtieren angesiedelt hat, gammelt seit Jahren vor sich hin. Zuletzt hatte es dieser vielseitige, höchst verdienstvolle, aber eben auch schwierige Mensch als "Steinzeitpark der Experimentellen Archäologie" beworben.

Im Siegsdorfer Rathaus will man auf Anfrage von alledem nichts wissen. Beworben wird nur das eigene Naturkundemuseum mit dem Mammut-Abguss und Demonstrationen zur Urgeschichte der Alpen. Das Haus hatte bisher über eine Million Besucher und ist noch bis 30. November geöffnet.

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