"Eine Situation, die wir so noch nicht hatten": Neue Talstation am Walchensee entsteht
Schon seit 1. Januar 1999 arbeitet Jörg Findeisen bei der Herzogstandbahn. Dieses Datum hat er sofort parat. Seit 2008 ist er dort auch Geschäftsführer und setzt gerade einen Meilenstein für die Seilbahn am Walchensee um: Die alte Talstation wird abgerissen und neu gebaut.
Das geplante Gebäude am Tanneneck 6 wird nicht größer, dafür energieeffizient und barrierefrei. Und in die schöne Landschaft rund um Kochel am See soll es auch passen.
Am Montag (26. Oktober) rückten die Baufirmen an. Findeisen schaut also gerade dabei zu, wie sein jahrzehntelanger Arbeitsplatz verschwindet. Am Freitag, als die AZ mit ihm telefoniert, wird das Dach abgedeckt. Das Haus sei technisch bereits entkernt, Holz und andere Baumaterialien wurden entfernt.

Findeisen will jeden Tag auf der Baustelle sein, auch dann, wenn der Bestand abgerissen wird. Durchaus mit ein bisserl Wehmut. Schließlich hätten sie dort jahrelang gearbeitet, schöne Momente gehabt. Es sei schon "surreal", dass es nun losgeht.
"Die Seilbahn selber bleibt unangetastet"
Trotzdem ist es Zeit geworden, sich von dem Gebäude aus dem Jahr 1954 zu verabschieden. "Es entsteht etwas Neues, etwas Gutes." Die Visualisierungen zeigen einen modernen Bau mit Flachdach. Wichtig bei der Maßnahme: "Die Seilbahn selber bleibt unangetastet." Ebenso die Trasse, die Technik und die Bergstation, wie das Unternehmen mitteilt.
Die Herzogstandbahn verbindet seit dem Jahr 1954 den Walchensee mit dem Herzogstand. Bis 1994 fuhr eine Sesselliftanlage mit einer Steigung von bis zu 88 Prozent, nach eigenen Angaben war sie damit damals eine der steilsten Seilbahnen Europas.
Neue Kabinenseilbahn im Jahr 1994
Seit Mitte der 90er fährt eine Kabinenseilbahn, in vier Minuten kommen Berg-Fans auf 1600 Meter. Ein klassisches Gipfelkreuz hat der Herzogstand nicht, sondern einen von König Ludwig II. errichteten Aussichtspavillon.

Rund 155.000 Gäste zieht es jährlich an dieses Fleckerl Erde in Oberbayern. Die Zahl teilt die Herzogstandbahn GmbH mit. Gesellschafter sind zu 51 Prozent die Gemeinde Kochel am See und zu 49 Prozent die Sparkasse Bad-Tölz/Wolfratshausen.
Winterbaustelle: Das ist das Risiko
Nun aber erst einmal Baustelle statt Bergfahrt. Mit Beginn Ende Oktober ist unausweichlich: Gewerkelt wird an der neuen Talstation im Winter. Warum? "Die Winterbaustelle war für uns von vornherein klar: Wir machen unser Hauptgeschäft in den Sommermonaten", sagt Findeisen.

Zu erwartende Schwierigkeiten: Wie kalt wird der Winter heuer wohl werden? Zu tiefe Temperaturen könnten das Betonieren verzögern. "Wir sind aber sehr zuversichtlich. Die Winter in den letzten Jahren waren ja überschaubar von den Temperaturen her."
Das sind die nächsten Schritte
Was zunächst ansteht: Der Altbau wird abgetragen, die Baugrube ausgehoben. Und: Der technische Teil der Seilbahn muss gesichert werden. Dann geht es weiter mit den Arbeiten fürs Fundament, "damit wir anfangen können, das Kellergeschoss in Angriff zu nehmen".
Insgesamt wird das Gebäude mit drei Geschossen eine Grundfläche von 828 Quadratmetern und eine Nutzfläche von rund 1179 Quadratmetern haben. Für den Eingang, die Kasse, Toiletten, den Zugang zur Seilbahn, Maschinenhalle, Lager, Aufenthaltsräume, Mitarbeiterumkleiden und wie schon zuvor Betriebswohnungen.
Kostenpunkt: rund 5,5 Millionen Euro. Die Summe könne ohne öffentliche Zuschüsse gestemmt werden, teilt die Herzogstandbahn mit.

Größer als bisher soll die Talstation nicht werden, auch sollen künftig nicht mehr Fahrgäste auf den Herzogstand gebracht werden. "Wir bewegen uns hier in einem sensiblen alpinen Raum", sagt Findeisen. Dieser Verantwortung sei man sich bewusst. Pro Stunde und Richtung könnten 320 Personen befördert werden. Dabei wird es auch künftig bleiben.
Photovoltaik, Wärmepumpe, grünes Dach
Die Natur wird unter anderem mit dem begrünten Flachdach aufgegriffen. "Eines unserer Mottos ist: von der Natur, mit der Natur." Die Talstation wird zudem eine Photovoltaikanlage und eine Luftwärmepumpe für die Heizung bekommen.
Dem noch nicht final auf einen Tag festgezurrten Zeitplan nach könnte der Fahrbahn-Betrieb um Pfingsten 2027 starten, die Restarbeiten würden dann im Hintergrund weiterlaufen. Aber Findeisen ist bei einem genauen Datum noch vorsichtig. Wie gesagt: der Faktor Winter.

Er sagt über den vorgesehenen Soft-Start: "Unser Baustellenplan sieht vor, dass wir die Kunden so lenken können, dass sie von der Baustelle nicht wesentlich betroffen sind." Ein Manko: "Leider sind wir in dieser Zeit nicht barrierefrei."
Das ist für uns eine Situation, die wir so noch nicht hatten
Beim Neubau hat man das aber mitgedacht: "Das Gebäude erreicht eine sehr große Barrierefreiheit." Keine Stufen, keine Treppen. Der Komfort für die Gäste wird sich steigern: "Die Kassenbereiche werden besser zugänglich sein." Ebenso die Zugänge zu den Kabinen.

Dass sie nun monatelang keine Besucher befördern können, ist auch für den Geschäftsführer ungewohnt. "Das ist für uns eine Situation, die wir so noch nicht hatten." Untätig sind sie trotzdem nicht. Sie wollten die Zeit für wichtige Arbeiten nutzen.
Was während der Baustelle noch passiert
Am Montag soll der Seilbahn-Hersteller aus Südtirol kommen, um Teile der Kabinen für die Zehn-Jahres-Prüfung abzuholen. Auch weitere turnusmäßige Arbeiten stehen an. "Die Seilbahn-Belegschaft ist im vollen Umfang weiterbeschäftigt." Er lobt sein Team in höchsten Tönen. "Wir haben eine sehr starke Belegschaft. Ohne die wäre das Projekt gar nicht durchführbar."

Im November 2027 soll die neue Talstation schließlich offiziell eingeweiht werden. Findeisen zitiert den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU), der bei der Seilbahn-Einweihung 1994 gesagt habe: "Mit diesem Berg übertrifft Bayern sich selbst." Bei einer Eröffnung ist solche Euphorie schon in Ordnung.
Ins (dezentere) Schwärmen kommt aber auch der heutige Chef. Selbst wenn der Geschäftsführer schon wirklich unzählige Male nach oben gefahren ist – an einem Tag sogar rekordverdächtige 116 Mal – bleibt er der Meinung: "Es ist immer ein Erlebnis, hochfahren zu dürfen. Das ist jeden Tag aufs Neue beeindruckend."
Auch der Märchenkönig liebte den Herzogstand
Auch Bayerns bekanntester König Ludwig II., der ewige Märchenkönig, mochte den Herzogstand. Verbürgt sei er 22 Mal dort gewesen, heißt es im Buch "111 Orte Ludwigs II., die man gesehen haben muss" von Rüdiger Liedtke und Jochen Reiss.

Die Tourist-Info Kochel am See schreibt: "Der Herzogstand mit seinem atemberaubenden Alpenpanorama war einer der Lieblingsplätze Ludwigs II." Den Namen bekam der Herzogstand schon früher, von den bayerischen Herzögen Wilhelm IV. und Ludwig X. Sie hätten die Gegend schon im 16. Jahrhundert zur Jagd genutzt. Der Kini habe den Herzogstand ab 1866 zur "Bergresidenz" ausgebaut.
Jörg Findeisen sagt auf Ludwig II. angesprochen: "Es war für ihn immer ein Ziel zu schweben. Er wollte immer in die Natur." Und auch mit seiner Technik-Affinität glaubt er: Dem Kini würde der geplante Neubau der Talstation gefallen.
