"Eine endlose Reise": Preisgekrönte Brauerei aus Bayern über ihren Erfolgsweg

Die Ursprünge der Bier-Pioniere von Lammsbräu gehen bis auf das Jahr 1628 zurück. Seit 1800 führt die Familie Ehrnsperger aus Neumarkt in der Oberpfalz die Traditionsbrauerei. In siebter Generation mittlerweile. Inhaber und Geschäftsführer Johannes Ehrnsperger (35) folgt dem Weg seines Vaters, nämlich ein nachhaltiges Bio-Bier zu brauen. Und zwar so konsequent, dass das bayerische Unternehmen nun den Deutschen Nachhaltigkeitspreis bekommen hat. Was machen sie anders? Worauf kommt es ihnen an? Und wie wirkt sich das auf den Bierpreis aus?
AZ: Herr Ehrnsperger, Lammsbräu hat den Deutschen Nachhaltigkeitspreis bekommen. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Johannes Ehrnsperger: Es ist eine schöne Bestätigung und Wertschätzung für uns. Lammsbräu hat in der Vergangenheit zwar schon sehr viele Preise abräumen dürfen. Nichtsdestotrotz tut jede Ehrung gut, noch dazu ein so renommierter Preis. Gerade in der aktuellen Zeit, in der Nachhaltigkeit gesamtgesellschaftlich und politisch nicht ganz oben auf der Agenda steht, brauchen wir solche Mutmacher und Energiegeber.
Wir sprechen lieber von Enkeltauglichkeit. Wir möchten eine Welt erhalten, die auch noch für unsere Nachkommen lebenswert ist
Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit?
Wir sprechen lieber von Enkeltauglichkeit. Wir möchten eine Welt erhalten, die auch noch für unsere Nachkommen lebenswert ist. Dazu gehört eine intakte Natur. Aber für uns zählt auch ein harmonisches Miteinander dazu. Wir legen in der Zusammenarbeit mit unseren Bio-Landwirten deshalb einen hohen Wert auf Fairness, echte Partnerschaft und Augenhöhe. Der Öko-Landbau ist eine der wesentlichen Maßnahmen für Klimaschutz, Biodiversität und Wasserschutz. All das leisten unsere Bio-Bauern neben dem Anbau bester Lebensmittel für uns alle, dafür müssen sie wertgeschätzt werden. Was für uns ebenfalls zur Enkeltauglichkeit unbedingt dazugehört: Lebensgenuss. Insgesamt geht es darum, voller Lebensfreude bewusst zu leben. Das ist mit unserem Bio-Bier möglich.
"Wir haben uns zusätzlich ein ökologisches Reinheitsgebot auferlegt"
Was läuft bei Ihnen in der Brauerei anders als bei konventionellen Betrieben?
Haben Sie zwei Stunden Zeit? (lacht). Es fängt bei den Rohstoffen an: Wir verwenden zu 100 Prozent ökologische Brau-Zutaten. Qualität entsteht durch Natürlichkeit. Wir setzen zum Beispiel ausschließlich auf Naturdolden-Hopfen, also nicht weiterverarbeiteten Hopfen. Denn jeder Verarbeitungsschritt würde zu Aromaverlust führen und wäre zugleich mit Energieeinsatz und CO2-Emissionen verbunden. Des Weiteren stabilisieren wir unser Bier nicht, bereiten unser Wasser nicht auf und brauen mit Mineralwasser-Qualität. Das alles haben wir im ökologischen Reinheitsgebot zusammengefasst, das wir uns selbst zusätzlich auferlegt haben. Wir haben auch seit 2011 eine Klimastrategie. Das Ziel: die Emissionen in unserem Bereich bis 2030 um 42 Prozent zu reduzieren. Das ist ein hehres Ziel, dafür muss man schon kräftig investieren. Die Wertschätzung der Lieferkette ist ein dritter Aspekt, der sehr wichtig ist: Unsere Rohstoffe kommen nicht irgendwo her, sondern wir haben über 180 Biobauern direkt im Neumarkter Raum. 80 Prozent liegen im Umkreis von 50 Kilometern. Wir verarbeiten dieses Getreide in der eigenen Mälzerei. Das ermöglicht uns, den Landwirten – wir haben Fünf-Jahres-Rahmenverträge – einen sehr fairen Preis zu bezahlen. Im Vergleich zu einer konventionellen Brauerei zahlen wir den zwei- bis dreifachen Preis fürs Getreide.

Sie gehen aber noch weiter in der Wertschätzung.
Die sogenannten „Gemeinwohlleistungen“ der Bio-Landwirte, die manchmal von der Gesellschaft noch nicht einmal gesehen werden, honorieren wir zusätzlich. Das bedeutet: Unsere Bio-Bauern bekommen nicht nur Geld fürs Getreide, sondern auch dafür, dass sie zum Beispiel das Wasser nicht mit Pestiziden verschmutzen. Wir ermitteln mithilfe von 300 Kennzahlen, wie nachhaltig der jeweilige Betrieb ist. Zur Verfügung stellen wir dann ein Budget von einem Prozent unseres Umsatzes, momentan etwa 300.000 Euro jährlich. Dieses Geld wird unter allen liefernden Landwirten des Jahres aufgeteilt. Als wir es erstmalig im Herbst ausgezahlt haben, riefen einige Landwirte an und dachten, wir haben mit der Überweisung einen Fehler gemacht (lacht). Das war trotz Vorankündigung ein riesiger Überraschungseffekt. Ich denke, dass es Landwirte auch stolz macht. Denn sie gehen letztlich auch wegen fehlender Wertschätzung in der Gesellschaft auf die Straße. Hier versuchen wir, Pionier zu sein, und hoffen auf Nachahmer.

Ehrlich: Wie aufwendig ist es, so etwas einzuführen und durchzuziehen?
Es ist definitiv aufwendig. Allein diesen engen Kontakt zu seinen Landwirten zu pflegen. Solch ein System braucht aber auch beiderseitiges Vertrauen. Denn ich möchte und kann nicht jede einzelne Eingabe eines Landwirts im Nachhinein kontrollieren.
Lohnt es sich, so nachhaltig zu denken? Wie schaut es am Ende auf dem Konto aus?
Es ist wichtig, die Mehrleistung für die Menschen sichtbar zu machen. Momentan hat die Aufmerksamkeit der Menschen für solche Themen zwar etwas nachgelassen, aber trotzdem kann man als Unternehmen gut wirtschaften. Und unabhängig davon: Es lohnt sich in jedem Fall, sich für die Zukunft von uns allen einzusetzen.
Im Vergleich zu einer durchschnittlichen mittelständischen Brauerei sind wir zwischen 30 bis 50 Prozent teurer
Objektive Einschätzung: Wie viel besser schmeckt Ihr Bier durch all diese Faktoren? Und wie sehr merkt man es am Preis?
Natürlich schmeckt es besser (lacht). Über Geschmack lässt sich natürlich immer streiten. Ich will mir nicht anmaßen, dass andere Biere nicht auch gut sind. Aber je natürlicher ein Lebensmittel hergestellt ist, desto besser ist das Gefühl, das es dem Körper gibt. Zum Preis: Das kostet uns natürlich alles Geld. Wir müssen einen entsprechenden Mehrpreis erlösen, nur so können wir auch mehr weitergeben. Im Vergleich zu einer durchschnittlichen mittelständischen Brauerei sind wir zwischen 30 und 50 Prozent teurer.

Ihr Unternehmen setzt schon seit 1977 auf diese Richtung. Was war damals der Auslöser?
Mein Vater (79), die sechste Generation, ist kein Hardcore-Öko mit Bart, Schlappen oder Jutebeutel gewesen. Er wollte einfach ein besseres Bier brauen. Mit besseren Rohstoffen. Damals enthielten die Braugersten im konventionellen Bereich durch den künstlichen Stickstoffdünger viel zu viel Eiweiß. So kam er auf den ökologischen Landbau, der ohne Kunstdünger auskommt. Seitdem sind wir auf dieser Reise. Wahrscheinlich eine endlose Reise. Wir sind uns bewusst, dass wir immer noch besser werden können. Wir wollen Vorbild sein und anderen den Weg zeigen. Als positives Beispiel, nicht mit dem Zeigefinger.
Bier-Branche schwächelt: "Gerade dieses Jahr ist für viele wirklich sehr beängstigend"
Alkoholfreies Bier ist seit Jahren im Trend. Sie hatten es schon vor Jahrzehnten. Und auch ein glutenfreies Bier bieten Sie längst an. Welchen nächsten Trend sagen Sie voraus?
(lacht). Auch da hatten wir einfach den richtigen Riecher. Unsere Zielgruppe war Alkohol gegenüber schon immer kritischer eingestellt und hat sich bewusster ernährt. Alkoholfreies Bier macht mittlerweile über die Hälfte unseres Bierabsatzes aus. Und der Trend wird sich fortsetzen.

Kann es die gebeutelte Brau-Branche retten?
Die Branche schrumpft seit Jahren. Gerade dieses Jahr ist für viele wirklich sehr beängstigend. Das kann alkoholfreies Bier nicht komplett aufholen. Die nächsten fünf bis zehn Jahre wird die Branche deutlich schrumpfen. Ich blicke dennoch positiv in die Zukunft und mache mir keine Gedanken, dass ich unser Unternehmen nicht gut an unsere achte Generation übergeben kann – sofern diese es denn möchte.
München ist für uns ein wichtiger Absatzmarkt. Da kommen Sie um die weißen Kisten mit unserem Bio-Bier nicht drumherum
Wo gibt es Lammsbräu in München zu kaufen?
München ist für uns ein wichtiger Absatzmarkt. Da kommen Sie um die weißen Kisten mit unserem Bio-Bier nicht drumherum.
Zum Schluss: Was trinken Sie privat gern?
Das ist abhängig von der Jahreszeit. Unser alkoholfreies Bier habe ich immer daheim – wir haben davon mittlerweile elf verschiedene Sorten. Auch unser Helles und das Pils Zzzisch. Gerade in der Winterzeit trinke ich gern unser dunkles Bier. Im Sommer mag ich dagegen unser Dinkelbier gern.