Ehrenmord an Ex: Prozessbeginn in Nürnberg

Auch den angeblichen Geliebten tötet der Taxifahrer (65) - doch die Beziehung hat es gar nicht gegeben. Am Montag beginnt der Prozess.
| Helmut Reister
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21. Januar 2020: Die Einsatzkräfte sichern Spuren am Tatort.
21. Januar 2020: Die Einsatzkräfte sichern Spuren am Tatort. © dpa

Nürnberg - Mit einem Doppelmord mitten auf der Straße hat ein seit 42 Jahren in Deutschland lebender Türke seine vermeintlich verletzte Ehre wieder herstellen wollen. Die juristische Aufarbeitung des Falls beginnt am Montag mit einem Mordprozess vor dem Nürnberger Schwurgericht.

In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft wird dem Angeklagten Ibrahim D. (65) ein "kulturell geprägtes, traditionalistisches Werteverständnis" bescheinigt. In den Passagen, in denen er und seine Motivlage beschrieben werden, kommt der Begriff "Ehre" besonders häufig vor. Vor allem, wenn es um seine Ehre und um seine gesellschaftliche Herabwürdigung geht, und als Familienoberhaupt auch um die Ehre seiner beiden erwachsenen Söhne.

Einer der Söhne musste machtlos zusehen

Zumindest einer der beiden Söhne dürfte mit diesem patriarchischen Denkprofil ein Problem haben. In den Ermittlungsakten taucht er als unmittelbarer Tatzeuge auf. Danach musste er hilflos mit ansehen, wie sein Vater seiner bereits von einer Kugel getroffenen und am Boden liegenden Mutter aus unmittelbarer Nähe noch einmal in den Kopf schoss.

Neben seiner Frau Ayse (63) gehörte für Ibrahim D. außerdem noch der Tod von Kemal A. (64) zur Wiederherstellung seiner Ehre. Von dem Taxifahrer, einem Kollegen, hatte er sich zur Wohnung seiner getrennt lebenden Ehefrau fahren lassen. Er musste nicht einmal ihre Adresse nennen, alle drei waren im Taxi-Gewerbe beschäftigt und kannten sich auch privat seit vielen Jahren.

Plötzlich eskaliert die Situation

Kurz vor 11 Uhr morgens war es, als der Angeklagte, seine Frau und Kemal A. gemeinsam im Taxi saßen. Ibrahim D. hatte sein Kommen telefonisch angekündigt und seine Frau gebeten, aus dem Haus zu kommen. Den Ermittlungen zufolge wusste sie zwar nicht, was er eigentlich wollte, kam aber seiner Bitte nach. Nur Augenblicke später lief die Situation völlig aus dem Ruder.

Der Angeklagte glaubt an eine Affäre - die es aber nicht gibt

Wie die Rekonstruktion des Tatablaufs ergab, hatte Ibrahim B. mit fadenscheinigen Vorwürfen, die sich inhaltlich als Respektlosigkeit beschreiben, aber sonst nicht genauer definieren lassen, völlig unerwartet einen heftigen Streit mit Kemal A. vom Zaun gebrochen. Als Ayse D. daraufhin aus dem Wagen stieg, setzte sie, ohne es auch nur zu ahnen, die tödliche Spirale in Gang.

Ibrahim D., der plötzlich eine Pistole in der Hand hielt, reagierte den Ermittlungen zufolge wie eine Maschine. Erst schoss er seine Frau von hinten nieder, Sekunden später feuerte er tödliche Schüsse auf Kemal A. ab, der wie erstarrt hinter dem Steuer im Taxi saß.

Die Frau liegt schon am Boden, er schießt ihr nochmal in den Kopf

Den finalen Todesschuss, den er aus nächster Nähe auf seine am Boden liegende Frau dann noch abfeuerte, war die Szene, die sein Sohn miterleben musste. Er war aus dem Haus geeilt, um seiner Mutter zu helfen, hatte jedoch keine Chance.

Seine seit sieben Jahren getrennt von ihm lebende Frau und Kemal A. hatten mit seiner angeblichen Ehrverletzung aber nichts zu tun. Beide kannten sich, waren befreundet, hatten aber keine Beziehung, wie die Ermittler feststellten.

Ermittlungsbehörden sehen extreme Eifersucht als Motiv

Ibrahim D., der sich fälschlicherweise das Gegenteil einbildete, reichte diese Vermutung, die er stets für sich behalten hatte, für seine Tat aus. Für die Ermittlungsbehörde stehen gleich zwei eindeutige Mordmerkmale fest. Die Tat wurde demzufolge von Ibrahim D. heimtückisch und aus niederen Beweggründen verübt. Hinter den niederen Beweggründen verbirgt sich seine extreme Eifersucht, die er der Anklage zufolge damals entwickelte.

In Ibrahim D.s "Ehrenkodex" und in seinen Aussagen taucht ein Begriff wie Eifersucht nicht auf.

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