Dorfwirtshaus trifft Ramadan: Gastronom bringt zwei Traditionen am Chiemsee zusammen

Die Spaltung in der Gesellschaft wird tiefer, der Ton rauer – oder es wird gar nicht mehr miteinander gesprochen. Ein Gasthaus am Chiemsee will da nicht mitmachen, sondern bewusst verbinden und Menschen zusammenbringen. Wie? Indem Muslime und Nicht-Muslime gemeinsam an einem Tisch sitzen, miteinander essen und ratschen.
Der Inhaber und Küchenchef des Landgasthofs Hittenkirchen, Patrick Bellahouel (35), plant im Februar und März ein Fastenbrechen. Ausdrücklich für alle.
Die Tradition des Fastenbrechens kommt aus dem Islam. Während des Ramadans (in diesem Jahr von 18. Februar bis 20. März 2026) essen und trinken Gläubige nur nach Sonnenuntergang. Tagsüber wird gefastet. Das Fastenbrechen in der Nacht wird auch Iftar genannt.
Das Fastenbrechen beginnt nach Sonnenuntergang
An vier Freitagen (20. und 27. Februar sowie 6. und 13. März) können Nicht-Muslime und Muslime das gemeinsam im Landgasthof am Chiemsee zelebrieren. Offizieller Beginn ist jeweils nach Sonnenuntergang.

Einer Mitteilung des Landesamtes für Statistik von April 2025 zufolge lebten in Bayern zwischen 621.000 und 656.000 Personen mit muslimischem Glauben (Bezugsjahr 2019). Das entsprach 4,8 bis 5,1 Prozent der Bevölkerung.
Bellahouel selbst ist konfessionslos, hat väterlicherseits Wurzeln in Tunesien und ist damit mit dem Ramadan grundsätzlich vertraut. Der ausgebildete Hotelfachmann hat nach eigenen Angaben schon immer in der Gastro gearbeitet und übernahm 2020 den Landgasthof in der Gemeinde Bernau am Chiemsee.
Iftar für alle – wie kam er auf die Idee? "Es hat ganz einfach angefangen", sagt er. Nämlich mit einem Mitarbeiter aus Algerien.
Das Verbindende soll im Mittelpunkt stehen
Dieser habe im Ramadan tagsüber gefastet und zog sich für das Fastenbrechen am Abend allein zurück, um nach Sonnenuntergang endlich etwas zu essen. Bellahouel wollte ihn miteinbeziehen und bot ihm an, das Fastenbrechen im Restaurant zu feiern. Das sei bei den Stammgästen auf Interesse gestoßen. Und so entstand die Idee zum gemeinsamen Iftar.

Heuer findet es zum vierten Mal statt, der erste Termin ist schon ausgebucht. Bellahouel sagt der AZ: "Wir wollen ein Ort für alle sein." Jemanden etwa wegen seines Glaubens ausschließen? Nein, das will er auf keinen Fall.
Der Grundgedanke des Ramadans sei das Verbindende. "Es geht darum, dass man teilt, was man hat." Dazu würden, wie er aus seiner Familie in Tunesien weiß, auch nicht nur die eigenen Angehörigen eingeladen, sondern auch andere Menschen seien willkommen.
Darum passen ein Dorfwirtshaus und Ramadan zusammen
Zu diesem Gemeinschaftsgefühl passt aus seiner Sicht die Grundidee eines Landgasthofes: "Hier kommt das ganze Dorf zusammen." Vom Anwalt bis zum Landwirt. "Eine Dorfwirtschaft ist ein Ort für alle. Genauso ist das Fastenbrechen eine Veranstaltung für alle."
Er habe bei zurückliegenden Veranstaltungen auch schon erlebt, dass zuvor sich unbekannte Gäste am Ende Nummern getauscht haben, um in Kontakt zu bleiben. "Das finde ich richtig schön und zeigt mir, dass wir etwas richtig machen."
So läuft das Fastenbrechen am Chiemsee ab
Gespeist wird nicht an separaten Tischen, sondern an einer langen Tafel. Das mag für den ein oder anderen zunächst ungewohnt sein, komme aber nach kurzer Zeit gut an. "Wir starten den Abend ganz traditionell mit Milch und Datteln." Dann werden Töpfe und Schüsseln auf den Tisch gestellt und jeder könne sich nehmen, was er möchte.

In der Vergangenheit gab es zum Beispiel tunesische Gewürzpaste, tunesische Tajine (eine Art Eierkuchen), Mechouia-Salat und Muluchiya (vergleichbar mit Spinat). Sein Onkel habe ihm zudem gerade frisch aus Tunesien Olivenöl mitgebracht ("das beste der Welt").
Mit die schönste Rückmeldung von vergangenen Iftar-Feiern: "Von muslimischen Gästen bekomme ich die Rückmeldung, dass es authentisch schmeckt. Das freut mich immer sehr."
Kein Schweinebraten, aber eine andere Ausnahme
Muss man als Gast den Tag zuvor gefastet haben? Diese Frage höre er öfter, sagt Bellahouel. "Nein, man muss nicht fasten und es gibt an dem Abend auch Alkohol." Schweinebraten wird es dagegen nicht geben.
Der 35-Jährige sagt grundsätzlich: "Ich liebe die Tischkultur: dass man gemeinsam am Tisch sitzt, isst, sich austauscht und unterhält. Ich finde, das ist ein schöner kultureller Aspekt, der in unserer schnelllebigen Zeit oft untergeht."
Wenn wir die Menschen gemeinsam am Tisch haben, können sich viele Vorurteile auflösen
Er ist in Augsburg geboren, die tunesische Küche hat dennoch immer eine Rolle gespielt. "Mein Papa hat gern Gerichte aus seiner Heimat gekocht." Der Gastronom sagt generell über seine Arbeit in der Branche: "Kulinarik hat mich schon immer interessiert und hat mir viel Spaß gemacht."

Zwei Gastköche kommen im März
Die angespannte Stimmung in der Gesellschaft nimmt auch er wahr: "Von vielen Seiten wird versucht, Keile reinzuschlagen, wo aus meiner Sicht keine hineingehören." Das gemeinsame Fastenbrechen soll positive Signale senden. "Wenn wir die Menschen gemeinsam am Tisch haben, können sich viele Vorurteile auflösen."
Am 6. März wird der Koch namens Mudy aus Stuttgart dabei sein. "Seine Spezialität ist die ägyptische Küche." Am 13. März kommt Lorenz Mayer (ehemals Restaurant Pura). "Er wird ein rein pflanzliches Fastenbrechen veranstalten."
Eine Reservierung ist erforderlich (via Telefon, Mail oder Webseite), Kosten pro Person 39 Euro. Mehr Infos unter https://www.der-landgasthof.bayern/